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Kuhmilch aus dem Labor: So wollen australische Unternehmen das Klima retten

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Von: Katharina Loesche

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Kind leckt genüsslich „Milchbart“ ab – Mund und Zunge in Großaufnahme.
Lecker Milch: Vier von fünf Menschen konsumieren regelmäßig Milchprodukte. © Roland Weihrauch/dpa

Rinder tragen mit ihrem „Abgas“ Methan zur Klimakrise bei. Künstliche Milch soll das Problem lösen. Der Geschmack ist gleich – alles in Butter trotzdem nicht.

Ein leckeres Glas Milch am Morgen, dazu einen Joghurt und Butter unter die Marmelade: Mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung konsumieren regelmäßig Milchprodukte. Das Problem: Die „Lieferanten“, sprich: die Rinder, setzen durch ihre Blähungen Methan frei – und tragen so wesentlich zur Klimakrise bei.

Kunstmilch aus dem australischen Labor verspricht nun eine ethischere und ökologisch nachhaltigere Alternative. Was nach Science-Fiction klingt, könnte die Milchindustrie und die Auswirkungen der Viehzucht auf den Klimawandel nachhaltig verändern.

Die kuhfreie Milch soll schon in den kommenden zwei Jahren in australischen Supermarkt-Regalen zu finden sein. Das lokale Start-up Eden Brew will als eines der ersten Unternehmen so den Milch-Markt angreifen. Das im Labor hergestellte Produkt habe den gleichen Geschmack, das gleiche Aussehen und die gleichen Eigenschaften wie Kuhmilch, sagt Jim Fader, Mitgründer von Eden Brew. „Es ist von Kuhmilch nicht zu unterscheiden.“ Die Technologie der „Milchbrauerei“, dessen Name an den Garten Eden angelehnt ist, stammt von der australischen Behörde CSIRO (Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation), die für die wissenschaftliche Forschung in Australien zuständig ist. Es handelt es sich um einen speziellen Fermentationsprozess, bei dem Hefe mithilfe synthetischer DNA ein bestimmtes Milch-Protein produziert. Bei der neuen „synthetischen Milch“ handelt es sich also nicht um eine pflanzliche Alternative wie Hafer- oder Mandelmilch, sondern sie ist chemisch identisch mit herkömmlicher Kuhmilch.

„Synthethisch“: Viele Kunden denken dabei an ungenießbar

Einer Studie der Macquarie Universität in Sydney zufolge finden viele Menschen allerdings den Begriff „synthetisch“ in Verbindung mit frischer Kuhmilch ungenießbar. Andererseits befürworten viele, die sich um die Umwelt und das Wohlergehen der Tiere sorgen, eine Milch, die ohne Kuh auskommt: Die Branche für milchfreie Produkte expandiert weltweit. In den USA werden kuhfreie Milchproteine, wie beispielsweise von der Firma Perfect Day, inzwischen in vielen Produkten wie Speiseeis, Frischkäse, Schokolade und Proteinpulvern verwendet.

Die australische Milchindustrie hat einen Wert von rund vier Milliarden Dollar. Sie produziert neben der Frischmilch eine Vielzahl verschiedener Molkereiprodukte wie Joghurt, Butter und Käse. Rund 50 Prozent dieser Produkte werden exportiert. Insbesondere der Milchpulver-Absatz nach Asien boomt. Tatsächlich ist Australien der drittgrößte Exporteur von Milchprodukten weltweit. Etwa 15 Prozent des australischen Milchmarktes besteht derzeit aus milchfreien Produkten, die etwa aus Soja, Mandeln und Hafer gewonnen werden, Tendenz steigend: Pflanzliche Milchalternativen haben in den letzten Jahren stark an Popularität zugelegt. Vor allem Hafermilch hat weltweit einen enormen Aufschwung erlebt – einer der größten Anbieter, das schwedische Unternehmen Oatley, wurde im Mai mit 13 Milliarden US-Dollar bewertet.

Kühe als Klimakiller: Methan trägt wesentlich zur Erderwärmung bei

Die Nachfrage nach Kuhmilch-Alternativen zieht an, so Eden-Brew-Chef Fader. Die Verbraucher machen sich zunehmend Sorgen über die Auswirkungen von Methan auf den Klimawandel, das die knapp 1,7 Millionen Milchkühe in Australien vorne und hinten ausstoßen. Schließlich tragen Kühe mit ihren Blähungen und beim Aufstoßen, bei dem sie einen beträchtlichen Anteil an Methan ausstoßen, wesentlich zur Klimakrise bei. Einige traditionelle australische Molkereien springen auf den Zug auf. So unterstützt beispielsweise die australische Molkereigenossenschaft Norco das Projekt Eden Brew.

Milena Bojovic von der Macquarie Universität in Sydney analysiert im Rahmen ihrer Forschung die weltweiten Trends in der Milchwirtschaft. Sie befürchtet, dass die kleineren Milchbauern durch die Beteiligung großer Molkerei-Konzerne wie Norco oder Fonterra in ihrer Existenz gefährdet sind. „Kleine Betriebe werden es im Rahmen der globalen Konsolidierung der Milchwirtschaft wirklich schwer haben“, sagte sie IPPEN.MEDIA. Der Druck auf die Landwirte, mit dem Standard der größeren Unternehmen mitzuhalten und die Umweltvorgaben zu erfüllen, steige.

Für Ausstöße der Kühe aufkommen? Die Bauern sind damit nicht einverstanden

Australiens Nachbar Neuseeland hat erst kürzlich die Klimavorgaben in der Tierhaltung verschärft: Landwirte müssen ab 2025 wegen der schädlichen Auswirkungen auf das Klima für die Emissionen ihrer Herde zahlen. Für Fürze und Rülpser von Kühen aufkommen? Das stößt den Bauern sauer auf. Forscher in Neuseeland versuchen daher nun mit der Gabe eines probiotischen Getränks – in Anlehnung an den fermentierten Tee für Menschen auch „Kow-bucha“ genannt – die Entstehung von Methan beim Verdauungsvorgang bereits von-Kalbes-Beinen-an zu reduzieren.

Aufgrund der isolierten Insellage und der kurzen Haltbarkeit von Milch ist es für Australien und Neuseeland schwierig, Frischmilch zu exportieren. Sie kann zwar per Luftfracht transportiert werden, doch ist dies in der Regel für größere Mengen nicht praktikabel. Rund 95 Prozent der neuseeländischen Milch wird daher als Milchpulver exportiert, Australien liefert rund 43 Prozent ihrer Produktion in pulverisierter Form, vor allem an China. „Wenn synthetische Milch als Pulver in ähnlichem Umfang hergestellt werden kann, stellt dies vor allem ein Risiko für die Exportländer wie Neuseeland und Australien dar“, sagte Milena Bojovic IPPEN.MEDIA. Vor allem Molkereien, die ausschließlich für den Export produzieren, könnten durch die Labor-Variante verdrängt werden. „Dem Verbraucher ist es letztendlich egal, woher die Milchbestandteile in seinem KitKat kommen.“

Expertin: „Synthetische Produkte sind eine Ergänzung – mehr nicht“

Doch Dairy Australia, die staatliche Dachorganisation der Milchwirtschaft in Australien, sieht die Entwicklung gelassen. „Die Menschen geben Milchprodukte nicht auf“, sagt Melissa Cameron, Leiterin Gesundheit und Ernährungspolitik bei Dairy Australia. „Die Kommerzialisierung synthetischer Proteine und Produkte in einer Größenordnung, die diese Produkte für eine breite Masse verfügbar macht, liegt noch in weiter Ferne. Da die Bevölkerung in der ganzen Welt wächst, werden synthetische Produkte ergänzende Proteine und Produkte liefern. Es wird Platz für alle geben.“

Bleibt die Frage, ob die synthetische Milch in puncto Klimawandel wirklich die Kuh von Eis holen kann. „Wenn die Produktion von synthetischer Milch in industriellem Maßstab zu einer erheblichen Verringerung des Rinderbestands führt, dann auf jeden Fall, denn der beste Weg zur Verringerung des Methan-Ausstoßes ist die Reduzierung des weltweiten Milchviehbestands – auch wenn dies mit gewissen sozialen und wirtschaftlichen Kosten für die Landwirte und die ländlichen Gemeinden verbunden ist“, sagt Milena Bojovic. Die traditionelle Milch wird also sicherlich nicht so bald verschwinden, auch wenn die synthetische Form ohne Vorgaben zur artgerechten Tierhaltung und Probleme wie Methan-Emissionen auskommt.

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