Das verlassene Lager Stutthof 1946.
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Das verlassene Lager Stutthof 1946.

Stutthof-Prozess

Aussage gegen Bruno D. per Video

  • vonJoachim F. Tornau
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Ein Zeuge im Prozess gegen Ex-KZ-Wachmann stützt die Anklage und sagt: „Die Wachleute konnten wie wir die Leichen sehen.“

Als David Ackermann befreit wurde, wog er noch 25 Kilo. Vor 75 Jahren, in den letzten Apriltagen des Jahres 1945 war der litauische Jude vom Konzentrationslager Stutthof über die Ostsee nach Neustadt in Holstein gebracht worden. Es war eine der Todesfahrten, auf die die Nazis die letzten Gefangenen ihres Vernichtungslagers bei Danzig schickten – und die viele der kranken und ausgezehrten Häftlinge nicht überlebten.

„Auf dem Schiff war es so eng, manche starben schon wegen der Enge“, erzählte Ackermann am Donnerstag beim Prozess gegen den ehemaligen SS-Wachmann Bruno D. vor dem Hamburger Landgericht. Von den 350 Menschen, die mit ihm auf dem Boot gewesen seien, hätten vielleicht hundert die Fahrt überlebt. „Ich habe Glück gehabt“, sagte der heute 89-Jährige, der wegen der Corona-Pandemie nicht persönlich nach Hamburg kommen konnte, sondern per Video aus Israel zugeschaltet wurde.

Eine Frage, die keine ist

Auch Bruno D. verließ Stutthof, wo er seit August 1944 Dienst auf den Lagertürmen verrichtet hatte, mit einem jener Schiffe voller Gefangener. Gestorben sei auf der tagelangen Fahrt aber niemand, hat er beteuert. Nur nach der Ankunft in Holstein seien „einige“ erschossen worden. Aber nicht von ihm. Historiker nennen das, was in jenen Tagen kurz vor Kriegsende in Neustadt geschah, dagegen ein Massaker. Mehr als 200 aus Stutthof gekommene Juden seien am Strand zusammengetrieben und hingerichtet worden. Strafrechtlich wurde dafür bis heute niemand zur Rechenschaft gezogen. Und auch Bruno D. wird dafür nicht belangt werden: Die Anklage, die dem 93-Jährigen 5230-fache Beihilfe zum Mord zur Last legt, klammert aus, was während und nach der Todesfahrt passierte.

Es geht nur um die Zeit im Lager. Um Vergasungen, um Erschießungen und um die Typhusepidemie, die die Nazis ungebremst im Lager wüten ließen. Und um die Frage, wie viel Bruno D. davon wusste.

Eine Frage, die für David Ackermann keine Frage ist. „Die Wachleute“, sagte er, „waren auf ihren Türmen höchstens 40 oder 50 Meter entfernt. Sie konnten wie wir die Leichen sehen, wie sie sich angehäuft haben, jeden Tag.“ Ackermann war 14 Jahre alt, als er 1944 mit seiner Familie nach Stutthof deportiert wurde. Seine Eltern überlebten das Lager nicht und auch er selbst wäre fast gestorben: Mit anderen Jugendlichen habe man ihn in eine Baracke gesteckt, deren vorherige Bewohnerinnen sämtlich an Typhus gestorben seien, da habe auch er sich angesteckt. „Ich war so krank, dass ich überhaupt nicht essen konnte“, sagte Ackermann. „Ein Freund besorgte mir irgendwoher abgekochtes Wasser zum Trinken, nur deshalb blieb ich am Leben.“

Die Technik schwächelt

Ob und wie Bruno D. auf diese Schilderungen reagierte, kann hier nicht berichtet werden: Um trotz der Corona-Krise weiterverhandeln zu können, hat das Gericht eine Reihe von Schutzvorkehrungen getroffen – dazu gehört, dass keine Presse mehr in den Gerichtssaal darf. Schon vorher war nur eine begrenzte Öffentlichkeit per Ausnahmebeschluss zugelassen worden. Weil Bruno D. zur Tatzeit erst 17 Jahre alt war, handelt es sich um ein eigentlich nicht öffentliches Jugendstrafverfahren. Damit Journalisten jetzt trotzdem wenigstens noch zuhören können, wird der Ton in einen anderen Verhandlungssaal übertragen.

Diese Möglichkeit wurde vor zwei Jahren aufgrund der Erfahrung mit dem Münchner NSU-Prozess eingeführt und stellt die Justiz offensichtlich noch vor erhebliche technische Probleme. In Hamburg jedenfalls fiel immer wieder der Ton aus, endeten Sätze im Nichts oder in einem unverständlichen Gegurgel. Aber noch ist Zeit, es besser zu machen: Bis auf weiteres soll der Stutthof-Prozess auf diese Weise fortgesetzt werden. Noch zehn Verhandlungstage bis Mitte Juni sind derzeit angesetzt.

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