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Ausländergefängnisse in Mexiko: Zwischen zwei Übeln

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Von: Moritz Osswald

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Hoffnung inmiten der Hoffnungslosigkeit: Viele unternehmen die Reise nach Norden trotz der zahlreichen Gefahren.
Hoffnung inmiten der Hoffnungslosigkeit: Viele unternehmen die Reise nach Norden trotz der zahlreichen Gefahren. © Mariam Guerrero

Verzweiflung treibt Menschen aus Lateinamerika Richtung Norden, wo sich die USA vehement gegen ihre Einwanderung streuben. Die Migrationsbehörde in Mexiko zeigt sich daher allzu hilfsbereit - und steckt die Geflüchteten kurzerhand ins Gefängnis

Carmen* eskortiert nach draußen, die Hausschlüssel unsicher umklammert. Leichte Schritte, die keinen Lärm machen, bloß keine Aufmerksamkeit erregen. Dann beben ihre Hände. Ein uniformierter Militär im Stechschritt stapft geradlinig die Straße entlang. Carmen hat Angst. Am liebsten würden sie schreien, weinen, klagen, all ihre Verzweiflung kanalisieren. Denn alles, was hier in Mexiko mit dem Staat zu tun hat, assoziiert sie mit Horror und Willkür. „Was wir erlebt haben, ist wie aus einem Film. Einem Horrorfilm“, sagt Carmen, die mit ihrer Partnerin Rosa* zum Urlaubmachen nach Mexiko kam.

Jetzt verstecken sie sich in einer kleinen Mietwohnung in der Grenzstadt Tapachula. Der Militär zieht ab, Carmens Körpersprache entspannt sich, sie verabschiedet sich knapp. Die beiden Venezolanerinnen haben die Willkür der mexikanischen Migrationsbehörde zu spüren bekommen. Die hat überhaupt keine Lust auf Menschen aus Krisenländern Lateinamerikas – Kuba, Haiti, Venezuela, und das andauernde Konflikt-Dreieck El Salvador, Honduras, Guatemala. Und weil das so ist, steckte die Nationale Einwanderungsbehörde Mexikos (INM) das Pärchen ins Gefängnis. Drei Mal. In verschiedene Städte des Landes. Rechtswidrig. Die beide Endzwanzigerinnen kamen mit legalen Papieren ins Land – die ihnen zunächst am Flughafen Monterrey abgenommen wurden. Carmen und Rosa, beide von kräftiger Statur und ohne Funkeln in den Augen, erzählen wild durcheinander, ohne Punkt und Komma; der drahtige Ventilator gibt sich alle Mühe, den Kampf gegen die tropische Hitze zu gewinnen. Sie flogen zunächst nach Cancún, der Partyzentrale des Landes. Fünf Tage lang lief alles gut, die mexikanische Herzlichkeit war da, Rosa und Carmen hätten nie geahnt, was als nächstes passiert.

Mexiko: Willkürliche Haft für Geflüchtete aus Lateinamerika

Als sie von Cancún nach Monterrey fliegen, ging es los. „Sagt mir, dass ihr über die Grenze wollt, oder ich reiße eure Pässe auseinander!“, empfing sie ein Beamter des INM, der die beiden festhielt. Noch am Flughafen nahmen die Beamten Carmen und Rosa ihre persönlichen Sachen ab; lediglich ihre Handys konnten sich noch am Körper verstecken. „Wir wussten von Anfang an, dass hier was Illegales vonstattengeht“, kommentiert Rosa die Erzählungen.

In der Estación Migratoria Guadalupe verbrachten sie die ersten zwei Nächte. Der Begriff „Migrations-Station“ kommt als netter Euphemismus daher – dahinter verbirgt sich nichts anderes als ein provisorischer Knast. Dort habe es „von allem ein bisschen“ gegeben: Haitianerinnen, andere Venezolanerinnen, Kubanerinnen. Dass die Beamten gesetzeswidrig vorgehen, dass das Pärchen ein Rückflugticket vorzeigen kann, all das stößt auf wenig Interesse. Migrant:innen einsammeln, als wären sie Kaulquappen in Fluss, darin ist die Migrationsbehörde routiniert. Carmen erzählt, wie sich Beamten mit Bundespolizist:innen über ihre „Fänge“ unterhielten, seelenruhig, in Hörweite der Festgehaltenen. Sie erinnert sich an eine Frau, die lachend davon berichtet, an einem Tag 45 festgesetzt zu haben. Ein Bundespolizist habe Carmen berichtet: „Die ‚Migra‘ bekommt 500 Dollar pro Migrant.“ Diese Zahl kursiert auch in der Hauptstadt immer wieder. Überprüfen lässt sich das nicht.

Geflüchtete in Mexiko sind in ihrer prekären Situation ohnehin einem Informationskrieg ausgeliefert. Wer in die Hände der Migrationsbehörde gelangt, bekommt – wohl absichtlich – so gut wie nichts gesagt. Rosa erzählt: „Sie haben uns einfach mitgenommen, wir wussten gar nicht, wo wir hinfahren.“ Angst wird geschaffen, indem Menschen im Unklaren gelassen werden, was als nächstes passieren wird. Wie viele Nächte werde ich in diesen Gefängnismauern verbringen? Zwei oder zwanzig? Das zermürbt geistig. Wer mit einem Schlepper, in Mexiko „coyote“ genannt, über die Grenze will, bekommt das Paradies auf Erden versprochen. Einen sicheren Grenzübergang, Arbeit, Freiheit. Von Verschleppungen und Zwangsrekrutierungen durch die Kartelle kein Wort.

Uncle Sam auf der anderen Seite hat seit dem Ende der Trump-Ära wenig getan, um die Dauerkrise Migration in den Griff zu bekommen und klar zu kommunizieren. Während Biden zu Amtsbeginn eine humanitäre Visapolitik versprach, zeigte sich in den Monaten danach, bis heute, das wahre Gesicht der USA. So richtig Lust auf die Migrant:innen aus Zentral- und Südamerika hat man nicht, aber mit Trump’scher Rhetorik lässt sich das nicht sagen. Massenweise Menschen mit dem Traum einer gewaltfreien Zukunft machten sich auf die gefährliche Reise – nur, um an der Grenze wieder abgewiesen zu werden. US-Vize Kamala Harris rang sich Anfang Juni vergangenen Jahres in Guatemala zu deutlicheren Worten durch: „Do not come“, so ihre Botschaft. Trotzdem kommen und kommen und kommen sie.

Migranten auf der Flucht: Gefahr droht durch Kartelle aber auch durch die Grenzpolizei

Tapachula hat ein karibisches Flair. Die Hitze, die Luft, die prächtige Natur, die an den Landstraßen blüht. Ein Schild preist den Ort Tuxtla Chico an. Es ist der Stolz des südlichen Bundesstaates Chiapas, bekannt für Kaffee und Kakao. Von hier aus wird nach Japan, Taiwan, Spanien, überall hin exportiert. Weiter Richtung Grenze wird es immer klebriger, das karibische Ambiente morpht in einen Regenwald. An der Grenzstation „Talismán“ lässt sich viel über die heutige Realität der Migration lernen.

Kundenservice fünf Sterne: Bereits vor dem Aussteigen aus dem Taxi öffnet Brayan die Tür. So nennt er sich. Und beteuert, kein „pollero“ zu sein, wie Grenzhelfer in Mexiko gerne genannt werden, „die sind ja auf der anderen Seite, bringen die Leute von Guatemala hierher“, erklärt er. Dass er genau dasselbe macht, nur eben spiegelverkehrt, stört seine Logik nicht. Er sei ein „Touristenguide“. Seit etwa 14 Jahren in diesem Geschäft, jetzt ist er Mitte 30, hier gebe es eben nicht viel Arbeit. Das Geld, das er damit verdiene, sei solide, doch die, die richtig abkassierten, „sind jene, die Migranten in die USA rüberbringen“.

Brayan wirkt immer noch irritiert, dass jemand mit ihm über seine Arbeit sprechen will statt sie in Anspruch zu nehmen. Ein paar Euro kostet der illegale Grenzübergang. Klapprige Flöße aus Holz und alten Gummireifen bringen Dutzende alte Männer, junge Frauen und Kinder von einer Seite auf die andere. Wenn der Río Suchiate wild wird, kann es hier gefährlich werden. „Alles hier ist Geld, es geht nur um Kohle“, sagt Brayan. Menschen sind eine Ware, die gehandelt wird wie jede andere. 15 000 Dollar koste es mittlerweile, um den kompletten Weg von Mittelamerika in die USA mit einem Schlepper die Flucht anzutreten. Das Geschäft sei ohne Frage in den Händen der Kartelle.

Die sogenannte „Migrations-Station Siglo XXI“ in Tapachula. Dahinter verbirgt sich ein Gefängnis, gelenkt durch staatliche Willkür.
Die sogenannte „Migrations-Station Siglo XXI“ in Tapachula. Dahinter verbirgt sich ein Gefängnis, gelenkt durch staatliche Willkür. © Mariam Guerrero

Kleine Gemischtwarenläden, das konstante Surren einer Tortilla-Maschine, selbstgemalte Schilder mit Schreibfehlern bieten Umzüge an. Daneben lotst Brayan in eine kleine Weggabelung, die zum Fluss führt. Hier kommen sie aus Guatemala rüber. Einige wollen weiter in die USA, andere nur Handel treiben und abends wieder zurück. Männer stapeln schwere Säcke auf dem Rücken, die Frauen Kinder. Sie grüßen nur knapp oder werfen skeptische Blicke rüber. Wer wenig Geld hat und trotzdem ins gelobte Land will, der kann als „burrero“ für die Kartelle arbeiten, so Brayan. Das heißt: Drogen wie Kokain oder Marihuana über die Grenze transportieren.

Als US-Vizepräsidentin Kamala Harris bei ihrer ersten Auslandsreise in Guatemala ihren Unmut über die stete Migration aus dem Süden äußerte, argumentierte sie mit der Sicherheit: „Halten wir also unsere Freunde, unsere Nachbarn und unsere Familienmitglieder davon ab, sich auf so eine extrem gefährliche Reise zu begeben.“ Die Gefahr von Entführung, Vergewaltigung, Zwangsrekrutierung durch die mexikanischen Kartelle ist groß. Doch es ist auch eine Realität, dass sich Migrant:innen davon nicht mehr abhalten lassen. Zu groß scheint die Not. In der Wochenzeitschrift „Proceso“ erklärt Tonatiuh Guillén López, Ex-Kommissar des INM den Kontext in Mexiko und ganz Lateinamerika: „Der Verfall der Ökonomie sowie der öffentlichen Sicherheit lösen Vertreibungszyklen aus, die schließlich zu Flüchtlingsbewegungen werden. Kurzum: Was gestern schlimm war, ist heute schlimmer“, so der Wissenschaftler.

Migranten-Gefängnis in Mexiko: Keine Papiere, keine Informationen

Die Anwältin Carmen Martínez, 31, hat Fälle wie den von Carmen und Rosa aus Venezuela betreut. In Monterrey war sie mehrfach zu Besuch im Migranten-Gefängnis Guadalupe. „Dort werden die Migranten nicht mal registriert. Es gibt keine Übersicht, wer sich dort genau aufhält“, sagt Martínez. Wenn die „Migra“, wie sie in Mexiko genannt wird, Lust hat, werden auch Deutsche oder Österreicher eingeknastet. Auch mal mit windigen Tricks: Die Deutsche Welle berichtet von einem österreichischen Touristen, auf dessen Einreisekarte eine unleserliche Zahl geschrieben wurde. Migrationsbeamte interpretierten diese Zahl später dann einfach nach Gutdünken, nahmen den Reisenden fest. Er berichtete, dass er Menschen kennengelernt habe, die dort seit Monaten festsaßen. Das Auswärtige Amt warnt seitdem vor der Willkür der mexikanischen Migrationsbehörde bei der Einreise.

Anwältin Martínez betont, es sei deutlich zu spüren, dass es eine Migrationskrise gebe. Das zeigen auch die nackten Zahlen. Zwischen Oktober 2020 und September 2021 hielt die US Customs and Border Protection (CBP) über 1,73 Millionen Menschen an den Grenzen fest, so viel wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Pandemie knickte die Statistik nur im April 2020 ein; sonst hielt das Coronavirus die Flüchtenden nicht zurück. Statt die Menschen an der Grenze aufzugreifen, damit sie eine Chance auf das Stellen eines Asylantrags bekommen, wies man sie direkt zurück. Möglich macht das der „Title 42“, den Ex-Präsident Donald Trump damals auf den Weg brachte – mit der Begründung der Pandemiebekämpfung. Nächsten Montag läuft die Regelung aus. Die amerikanische Grenzschutzpolizei hat nun bereits Personal aufgestockt.

Carmen und Rosa flogen nach Mexiko-Stadt, nachdem man sie in Monterrey frei ließ. Dort ging der Albtraum direkt weiter: Sie kamen in den Ausländer-Knast „Las Agujas“ im gefährlichen Stadtteil Iztapalapa. Von dort aus verfrachtete man sie nach Villahermosa im Bundesstaat Tabasco, später nach Tapachula, einem der südlichsten Punkte des Landes. Schaut man sich die Route an, fällt schnell auf: Die Beamt:innen haben das venezolanische Pärchen stets Richtung Süden geschoben. Egal welcher Knast die beiden erzählen stets dasselbe: Venezolaner, Honduraner, Kubaner, Haitianer. Insassen sind aus den Ländern, deren Geflüchtete die USA nicht möchte – sodass Mexiko die Drecksarbeit macht. Wer schon vor dem Grenzübergang in ein Gefängnis gesteckt wird, der überlegt sich seine Flucht lieber zweimal, so die Logik.

Eines ist sicher: Migration gleicht hier einem Naturgesetz. Sie lässt sich nicht aufhalten. Wenn die Situation im eigenen Land unerträglich wird, wie in Venezuela, Kuba, Haiti – dann versuchen Menschen alles, alles in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

*Die Namen wurden zum Schutz vor Repressionen durch die Behörden verändert. Die Arbeit an dieser Reportage basiert in Teilen auf einem „Neustart Kultur“-Stipendium der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, vergeben durch die VG Wort.

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