+
Scholz lehnt eine Deregulierung des Finanzsektors klar ab.

Finanzministerium

Ausgerechnet Goldman Sachs

  • schließen

Olaf Scholz holt einen Investmentbanker von der US-Großbank Goldman Sachs ins Finanzministerium - also aus der Branche, die das Ministerium eigentlich kontrollieren soll.

Die überraschendste Personalentscheidung von Olaf Scholz ist auch die umstrittenste. Mit Jörg Kukies ernennt ausgerechnet ein SPD-Finanzminister ausgerechnet einen Investmentbanker zum Staatssekretär. Der stammt ausgerechnet von der US-Großbank Goldman Sachs, einem der schillerndsten und aggressivsten Finanzhäuser. Der 50-jährige Kukies war zwar auch mal Juso-Chef in Rheinland-Pfalz, zuletzt dann aber eben Co-Boss der Deutschland-Sparte des Wall-Street-Konzerns.

Kein Wunder, dass die Opposition schäumt und Scholz vorwirft, den Bock zum Gärtner zu machen. Unmutsbekundungen kommen auch aus der Unionsfraktion, die ebenfalls vor einer zu engen Verquickung mit der Branche warnt, die das Finanzministerium eigentlich kontrollieren soll.

Ein Sarkast könnte sagen: Scholz begibt sich da in beste Gesellschaft. In den USA machte Donald Trump mit Steven Mnuchin einen, der 17 Jahre bei Goldman Sachs war, zum Finanzminister. Auch Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, war in jenem Geldhaus. Den langjährigen EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso holte sich Goldman Sachs nach dessen Ausscheiden in Brüssel. Das Wissen von Goldman-Berater Ottmar Issing schätzte Merkel, die zum zeitweiligen Deutschland-Chef von Goldman Sachs, Alexander Dibelius auch mal eng Kontakt hielt.

Gerade dieses Netzwerk aber schürt Befürchtungen vor zu viel Einflussnahme. Bei dem Steuerskandal mit den Cum-Ex-Geschäften jüngst kam heraus, wie Bankenlobbyisten dem Bundesfinanzministerium ganze Gesetze vorformulierten. Insofern erstaunt schon, wie unvorsichtig Scholz agiert. Er verteidigt sich damit, dass er ungewöhnliche Expertise ins Haus hole.

Kukies hat in der Tat einen astreinen Lebenslauf: An der US-Vorzeige-Uni Harvard studierte er, in Chicago schrieb er seine Doktorarbeit. Für Goldman Sachs war er in London und Frankfurt, bevor er 2014 in die Chef-Etage aufstieg. Sein SPD-Parteibuch war in der Finanzszene bekannt, auch wenn Kukies öffentliche Äußerungen mied. Weggefährten aus Frankfurt haben ihn verwundert – weil atypisch – als eher bescheiden und zurückhaltend wahrgenommen. Für den Seitenwechsel nimmt der Vater einer kleinen Tochter eine beachtliche Gehaltseinbuße in Kauf. „Es ist mir eine Ehre, dass ich mich an einer so wichtigen Stelle in die Gestaltung der Finanzpolitik einbringen kann“, lässt sich Kukies zitieren.

Scholz lehnt eine Deregulierung des Finanzsektors klar ab – steht auch so im Koalitionsvertrag berufen. Doch ein Jahrzehnt nach der Finanzkrise werden die Rufe der Geldbranche nach weniger Vorschriften wieder lauter. In Washington werden gerade wichtige Konsequenzen aus der Krise zurückgenommen und die nächste Liberalisierungsrunde eingeleitet. In diesem sensiblen Umfeld wird Kukies damit leben müssen, dass jeder seiner Schritte besonders beobachtet werden wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion