Es gibt im Libanon mehr als 2000 Flüchtlingscamps, die von keiner internationalen Hilfsorganisation unterstützt werden.
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Es gibt im Libanon mehr als 2000 Flüchtlingscamps, die von keiner internationalen Hilfsorganisation unterstützt werden.

Libanon

„Ausbildung ist die effektivste Terrorbekämpfung“

  • Franziska Schubert
    vonFranziska Schubert
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Die Münchnerin Jacqueline Flory baut mit ihrem Verein Zeltschulen für syrische Flüchtlingskinder im Libanon auf. Im Interview berichtet sie von katastrophalen Zuständen.

Jacqueline Flory, 44 Jahre, ist Gründerin und Vorstandsvorsitzende des gemeinnützigen Vereins „Zeltschule“ (mehr Infos und Kontakt unter www.zeltschule.org), der seit 2015 syrische Familien in den Flüchtlingscamps im Libanon mit Nahrung und Medikamenten versorgt, Schulen baut sowie Lehrerinnen und Lehrer einstellt, damit die Kinder unterrichtet werden können. Die Münchnerin ist freiberufliche Dolmetscherin für Arabisch. Sie hat zwei Kinder im Alter von neun und elf Jahren, mit denen sie regelmäßig in den Libanon reist. 

Frau Flory, Ihr Verein errichtet seit vier Jahren Zeltschulen in den Lagern im libanesisch-syrischen Grenzgebiet. Wie ist denn momentan dort die Situation?

Seit am 17. Oktober im Libanon die Revolution gestartet ist, ist die Lage sehr viel unsicherer als noch vor einem Jahr. Die Revolution ist zwar dringend notwendig, aber in dieser Phase, in der man nicht weiß, in welche Richtung sich das Land entwickelt, hat sich unser Alltag und die Möglichkeiten, die Flüchtlinge in den Camps mit allem zu versorgen, was sie brauchen, sehr erschwert. Das liegt auch daran, dass das Bankensystem im Libanon völlig zusammengebrochen ist und wir von Deutschland aus kein Geld mehr dorthin überweisen können. Große Probleme bereitet uns zudem, dass viele Güter knapp sind. So ist es sehr viel schwieriger für uns geworden, die nötigen Medikamente für die insgesamt 23 an Diabetes erkrankten Kindern in den Flüchtlingscamps zu besorgen.

Ihr Verein mit Sitz in München kümmert sich darum, dass Kinder in den Lagern unterrichtet werden. Aus welchen Gründen ist das so dringend notwendig?

Jacqueline Flory

Es gibt im Libanon mehr als 2000 wilde Camps. Das bedeutet, dass diese Menschen von keiner internationalen Hilfsorganisation betreut oder unterstützt werden. Dort stehen manchmal nur knapp 20 Zelte, andernorts sind es 250 Wohnzelte. Insgesamt sind fast zwei Millionen Syrer in den Libanon geflohen. Die Grenze ist zwar offen, aber das ist alles. Sie bekommen dort keinerlei staatliche Unterstützung und kein Geld. Für erwachsene Syrer gilt zudem ein Arbeitsverbot. Die einzige Chance für Familien, um zu überleben, ist illegal zu arbeiten. Das hat jedoch die Inhaftierung und sofortige Ausweisung zur Folge. Oder aber die Kinder werden zur Arbeit geschickt, das ist nämlich erlaubt.

Wie sieht diese Kinderarbeit konkret aus?

Morgens um sechs fährt dann ein Laster in die Lager, um alle Kinder über neun Jahren zur Feldarbeit in der fruchtbaren Talebene abzuholen. Im Sommer herrschen dort bis zu 50 Grad. In sengender Hitze sähen oder ernten die Kinder zehn bis zwölf Stunden. Am Abend bekommt jedes Kind für einen Arbeitstag drei US-Dollar. Davon muss aber erstmal der Campbesitzer bezahlt werden, denn jede Familie muss für ihr rudimentäres, katastrophales Wohnzelt Miete zahlen. Von den restlichen 1,50 Dollar muss die Familie versorgt werden.

Wie helfen Sie den Familien?

Wenn wir nur Zeltschulen bauen, würde das gar nichts nützen, weil die Schulen leer wären, da die Kinder ja arbeiten müssen. Das heißt, wir müssen die Familien mit allem versorgen, was sie brauchen: Nahrung, Wasser, Winterkleidung und Feuerholz – es schneit gerade in den Camps. Aktuell haben wir die Verantwortung für rund 20000 Menschen. Jeden Montag müssen wir sicherstellen, dass die Lebensmittellieferung kommt, weil die Menschen davon abhängig sind. Ich arbeite dabei eng zusammen mit der Organisation Alphabet, die eine Syrerin als Gastarbeiterin im Libanon gegründet hat, die selbst aber im Land keine Chance hat, Spendengelder zu erhalten.

Wie läuft denn der Unterricht in Ihren Zeltschulen ab?

Wir haben Lehrer, die ebenfalls aus Syrien geflohen sind und mit im Camp leben. Das finde ich ganz wichtig, weil sie auf die grauenhaften Kriegstraumata der Kinder im Unterricht eingehen können, da sie selbst diese Fluchterfahrung hinter sich haben. Die Kinder werden nach dem syrischen Lehrplan unterrichtet, so dass sie im Fall einer Rückkehr in ihren Heimatschulen eingegliedert werden können. Da wir nicht genügend Geld haben, um große Schule mit verschiedenen Räumen zu bauen, unterrichten wir in den Camps in zwei oder drei Schichten. Die Kleinsten haben vormittags Unterricht, die Mittleren nachmittags und die Großen am Abend. Unterrichtet wird Arabisch, Mathematik, Englisch und Naturwissenschaften. Es gibt aber keinen Koranunterricht bei uns.

Wie geht es den Menschen unter diesen katastrophalen Bedingungen?

Ich bin immer wieder überrascht, wie wenig Bitterkeit mir dort begegnet. Ich erlebe nie Menschen, die sagen, warum ihnen das passiert oder wie ungerecht das ist. Ganz im Gegenteil treffe ich dort Menschen, die für jede kleine Hilfe unendlich dankbar sind und die hoffen, dass sie eines Tages wieder nach Hause gehen können. Ein Kriegsende allein wäre in dem Fall aber nicht ausreichend. Die Menschen in den Lagern können erst zurückkehren, wenn es einen Regimewechsel in Syrien gibt. Aber die Hoffnung ist sehr groß und auch die Schulen bestärken die Menschen in diesem Glauben. Dennoch belastet es viele Eltern, dass ihre Kinder keine Zukunftschancen haben, wenn sie im Analphabetismus aufwachsen. Ein Stück Schulalltag zurückzubekommen, das hilft dem Camp als ganzem sehr.

Die viele wilden Camps in der Krisenregion erwecken den Eindruck, als würde die Weltgemeinschaft wegschauen.

Ja, definitiv. Unser Verein betreut im täglichen Unterricht 4500 Kinder. Das ist für uns zwar ein riesiger Erfolg, das hätten wir bei der Gründung nicht für möglich gehalten. Aber dennoch muss man ganz klar sagen, dass unsere Arbeit nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Aus meiner Sicht ist das Ausmaß der Korruption des libanesischen Staats unterschätzt worden. Als Tausende von Syrern über die Grenze kamen, hat damals das Flüchtlingshilfsorganisation der Vereinten Nationen die Regierung vor die Wahl gestellt, ob das UNHCR Zeltschulen in den Camps erreichtet oder Geld bereitstellt, damit die syrischen Flüchtlingskinder in den staatlichen, libanesischen Schulen unterrichtet werden. Das war von Anfang an eine hirnrissige Idee. Stellen Sie sich vor, zu uns kämen 30 Millionen syrische Flüchtlinge, deren Kinder am kommenden Montag in den Grundschulen aufgenommen werden sollten. Im Libanon fehlt es an Personal und an Räumen, um die Flüchtlingskinder zu beschulen. Teilweise sind die Camps so weit von der nächsten Stadt entfernt, dass die Kinder dort nicht hinlaufen können. Es gibt keine öffentliche Busse oder Bahnen. Dennoch sind Milliardensummen geflossen, ohne dass jemals eine nennenswerte Zahl syrischer Kinder eine Schule betreten hat. Auf Regierungsebene ist das Geld irgendwo versickert. Als das UNCHR nach sieben Jahren nachgefragt hat, wie viele Kinder ausgebildet wurden, hätte man das Bildungsprojekt selbst in die Hand nehmen sollen, stattdessen bekam die Regierung nochmals immense Summen für das 2015 gestartete „Back to school“-Programm. Nun fahren sehr medienwirksam, zehn bis zwanzig Schulbusse in die Camps und bringen jeweils rund 20 Schüler zum Unterricht. Das ist lächerlich angesichts der Tatsache, dass im Libanon täglich Hunderttausende Kinder nicht zur Schule gehen.

Das sind dramatische Zahlen. Über welche Zeiträume sprechen wir da?

Ich kenne Familien, deren Kinder seit Kriegsbeginn vor neun Jahren nicht mehr in der Schule waren. Es gibt Dreizehnjährige, die noch niemals eine Unterrichtsstunde hatten.

Es ist zu befürchten, dass in Folge der Kriegswirren eine verlorene Generation heranwächst. Warum ist Bildung so wichtig für die entwurzelten Familien?

Diese Region, in der die Flüchtlingskinder aufwachsen, ist geflutet von extremistischen Gruppierungen. Ich kann mir nichts Gefährlicheres vorstellen, als nun eine Generation dort aufwachsen zu lassen ohne jegliche Bildung. Damit macht man die Menschen zur leichten Beute für die Extremisten. Das Einzige, was wir dem entgegensetzen können, ist die Ausbildung dieser Kinder. Sie wetterfest machen gegenüber diesen Strömungen, ist die effektivste Terrorbekämpfung. Dass wir diese Generation nicht verloren geben, sondern möglichst gut ausbilden, ist in unserem ureigensten Interesse.

Mittlerweile haben Sie schon viele Unterstützer gewonnen.

In Bayern haben wir aktuell mehr als 40 Partnerschulen, die ihre Aktivitäten zugunsten der Zeltschule ausrichten und einen beträchtlichen Anteil zu unseren Spenden beitragen. Wir würden uns natürlich sehr freuen, wenn uns auch Schulen in anderen Bundesländern unterstützen wollen. Unsere Hauptfinanzierungsquelle sind aber Tausende von kleinen Einzelspenden. Wir haben keine großen Sponsoren, sondern viele Einzelne, die uns 50 Euro spenden. Viele Jahre habe ich die Vereinsarbeit ehrenamtlich übernommen, aktuell finanziert ein Sponsor 25 Stunden in der Woche für meinen Einsatz für die Zeltschulen.

Ich finde es sehr mutig, dass Sie persönlich in die Lager fahren.

Unterricht in einer Zeltschule. Gelernt wird im Schichtbetrieb. zeltschule (3)

Meine Kinder und ich sind in allen Schulferien im Libanon. Über alle Sprachbarrieren hinweg haben meine Kinder dort schon viele enge Freundschaften geschlossen. Ihre Freunde wären sehr enttäuscht, wenn ich ohne Kinder käme. Beim ersten Besuch war es natürlich sehr belastend für meine Kinder, denn es ist ein Unterschied, ob man es in der Zeitung oder im Fernsehen sieht oder es selbst erlebt. Aber meinen Kindern hat von Anfang geholfen zu wissen, dass wir dort sind, um die Zustände zu verbessern. Deswegen kommen meine Kinder sehr gern mit. Wir fahren ja nicht hin und sagen nur wie traurig!

Wie gefährlich ist es, wenn ihre Kinder Sie ins Grenzgebiet begleiten? Gehen Sie damit womöglich unnötige Risiken ein?

Nein, es ist nicht gefährlich, weil wir uns dort gut auskennen und viele Beziehungen haben. Unnötig ist es deshalb nicht, weil es für das Vertrauen Menschen, dass das Projekt weitergeht, wichtig ist, dass wir regelmäßig dort vor Ort sind und abfragen, welche Hilfe sie brauchen.

Es ist erstaunlich, wie viel Sie seit der Vereinsgründung schon auf die Beine gestellt haben. Wie kam es dazu?

Der Auslöser war im Jahr 2015, als die ersten syrischen Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof ankamen und die Organisationen aus dem Boden schossen, diesen Menschen das Ankommen zu erleichtern. Ich erinnere mich an einen Abend mit meinen Kindern, als im Fernsehen über die lebensgefährliche Flucht berichtet wurde und ich sagte, dass man den Menschen eigentlich schon viel früher helfen müsste. „Es ist traurig, dass man da nichts machen kann“, antwortete mein fünfjähriger Sohn damals. Diese Politikverdrossenheit, Resignation und Hilflosigkeit, nichts ausrichten zu können, ist mir aus meiner Generation bekannt, aber sie bei meinem eigenen Kind zu erleben, das fand ich schrecklich. Deshalb beschloss ich etwas zu tun und schlug dem Elternbeirat in der Münchner Grundschule meiner Tochter vor, auszuprobieren, ob wir es hinbekommen, innerhalb eines Schuljahres eine Zeltschule in Syrien zu finanzieren. Acht Monate haben wir mit den Kinder alle möglichen Schulaktionen gemacht und ich habe viele Vorträge gehalten. 2016 hatten wir dann tatsächlich genug Geld. Dann bin ich mit meinen Kindern in den Libanon geflogen und wir haben diese Zeltschule gebaut.

Toll. Was war für ein Gefühl?

Im Vorfeld bin ich oft gefragt worden, ob das Projekt funktionieren wird. Ich war zwar überzeugt, dass es klappt, aber ganz sicher konnte ich nicht sein. Als kurz vor dem Flug eine Journalistin sich meldete, um über die Zeltschule einen Bericht für die Abendschau im Bayerischen Rundfunk zu drehen, hatte ich Angst zu scheitern und das auch noch gefilmt wird. Dort im Camp lief dann aber alles reibungslos. Während der Bauphase habe ich dann als persönlichen Gruß von den deutschen Schulkindern eine große, bemalte Zeltplane aufgehängt. Und in dem Moment wurde mir klar, dass wir tatsächlich eine Schule bauen, in der bald 150 Kinder unterrichtet werden, die ansonsten keine Chancen hätten, jemals Lesen und Schreiben zu lernen. Für mich war das ein sehr bewegender Augenblick, der ganz unspektakulär daherkam, obwohl um mich herum nur gehämmert und genagelt wurde.

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