Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Lesbos

Griechenland: Geflüchtete kommen aus dem Dschungel in die Wüste

  • VonCedric Rehman
    schließen

Auf der griechischen Insel Lesbos leben Migrantinnen und Migranten nach der Zerstörung des Camps Moria unter teils unwürdigen Bedingungen.

Lesbos – Zwei Männer stützen Khaled Alafaat, als er aus seinem elektrischen Rollstuhl heraus nach den Krücken greift. Dann zieht sich der Mann hoch und zwingt einen Fuß vor den anderen. „Nur noch einen Schritt“, den Satz wiederholt der junge Syrer dabei wie ein Mantra.

Im Nebenzimmer packen zwei Krankenschwestern und ein Helfer der Praxis für Physiotherapie von „Earth Medicine“ mit an, um die 61-jährige Afghanin Fatima Rezaie aus ihrem Rollstuhl auf eine Liege zu legen. Dem Körper der kleinen Frau fehlt nach einem Schlaganfall jede Muskelspannung. Er liegt völlig schlaff in den Armen der Helfenden. Die Frau ist seit dem Schlaganfall stumm, während der Prozedur hält sie ihre Augen fest geschlossen.

Griechenland: Hilfsorganisationen helfen, wo die Not am größten ist

Die Chilenin Fabiola Velasquez leitet das Team von „Earth Medicine“ in Mytilini, der größten Stadt der griechischen Insel Lesbos. Sie will heute Alafaats Gliedmaßen vermessen. Velasquez sucht nach einem neuen Rollstuhl für den 33-Jährigen. Er lebt in dem in Deutschland Kara Tepe genannten Zeltlager für die obdachlosen Migrantinnen und Migranten, die nach dem Brand im Camp Moria auf einem ehemaligen Schießgelände der griechischen Armee am Strand von Lesbos untergekommen sind.

Kara Tepe auf Lesbos, Dezember vorigen Jahres: Elend in einem Meer aus Zelten.

Eine Bombe schlug 2012 in Alafaats Haus im Norden Syriens ein. Die Trümmer verletzten den Mann am Kopf. Seine Beine verkrampfen sich seitdem in Spastiken. Alafaats Brüder trugen ihn 2019 in einem Leintuch auf ein Boot.

Unterkünfte für Geflüchtete in Griechenland weder durchdacht noch ausreichend ausgebaut

Es brachte ihn von der türkischen Küste nach Lesbos. Wochenlang schleppten seine Brüder Alafaat in dem Tuch durch das Lager Moria. Dort lebten sie außerhalb des eigentlichen Lagers im sogenannten „Dschungel“. Den Mitarbeitenden des Camps fiel der Syrer schließlich auf. Sie brachten ihn in das Lager für Familien und Kranke auf dem Hügel Kara Tepe. Nachdem Moria in der Nacht des 8. auf den 9. September 2020 in Flammen aufging, war es mit Alafaats Glück auch schon wieder vorbei. Die griechischen Behörden stampften das Zeltlager am Strand aus dem Boden. Die Behörden schlossen alle anderen Unterkünfte für Geflüchtete auf Lesbos und schickten alle Menschen in das neue Lager am Strand.

Es liegt auf abschüssigem Gelände. Duschkabinen und Toiletten liegen auf einer Kuppe über den Zelten. Sie sind mit einem Rollstuhl unerreichbar. Doch erneut hatte Alafaat Glück im Unglück. Helfende organisierten ihm einen Elektro-Rollstuhl, in dem er den Anstieg zu den Sanitäranlagen bewältigen kann. Aber der Kies zerstörte die Reifen und der Sand blockiert die Technik. Ein elektrischer Rollstuhl ist nicht für ein Leben am Strand gemacht. Im Camp werden Alafaat und die Afghanin Rezaie von ihren Familien meist auf den Boden gelegt, damit sie sie mit einem Eimer Wasser waschen können. Verwandte hieven sie auf die Chemietoiletten. Den Winter verbrachte Alafaat in seinem Wohncontainer, denn der elektrische Rollstuhl wäre draußen im Schlamm stecken geblieben.

Therapeutin auf Lesbos machtlos: „Ich kann nur verhindern, dass es schlimmer wird“

Während der Hitzewelle im August verwandelte sich der Container in einen Backofen. „Helfer haben uns einen Ventilator gegeben, aber wir haben nur drei Stunden am Tag Strom im Lager“, sagt der Syrer. Bald jedoch könnten schon wieder Feuchtigkeit und Kälte der Familie den Schlaf rauben. Ohne Strom funktionieren auch keine Heizstrahler. „Ich habe große Angst vor dem Winter“, sagt Alafaat.

Fabiola Velasquez knetet und streckt in ihrer Praxis in Mytilini das verletzte Gewebe ihrer Patient:innen aus dem Zeltlager, damit es nicht völlig verkümmert. Sie könne angesichts der Lebensbedingungen dort keine Fortschritte erreichen. „Ich kann nur verhindern, dass es schlimmer wird“, sagt die Therapeutin. Sie blättert in ihrem Terminkalender. 70 Patientinnen und Patienten kommen regelmäßig zu ihr in die Therapie. Wäre sie nicht auf Lesbos, würde sich niemand um die Menschen im Rollstuhl in Kara Tepe kümmern, meint sie.

Corona-Krise: Griechenland nutzt Covid als Begründung für die Abriegelung des Lagers

Ein meterhoher Zaun umgibt das neue Lager am Strand. Polizisten stehen in Kampfmontur und mit Schildern am Eingang. Sie kontrollieren, wer in das Camp hineingeht und wer es verlässt. Wer das abgeriegelte Lager besuchen will, braucht Helfende, die Risiken eingehen. Journalistinnen und Journalisten ist der Besuch des Camps seit der Eröffnung nach dem Brand in Moria nicht gestattet. Sie mitzubringen, ist auch verboten. Vor der Pandemie hieß es zur Begründung, es gehe um die Privatsphäre der Geflüchteten. Seitdem das Coronavirus auch in Griechenland umgeht, wird auf den Infektionsschutz verwiesen.

Handyvideos von Bewohner:innen und Helfenden informierten im vergangenen Oktober die Öffentlichkeit darüber, dass das neue Lager im Schlamm versinkt. Niemand sonst hätte von dort berichten können. Die im Lager akkreditierten Nichtregierungsorganisationen müssen ihre Mitarbeitenden anmelden. Aber das Personal der NGOs wechselt, und nur wer sich unverdächtig verhält, zieht in der Mittagspause keine ungewollte Aufmerksamkeit auf sich. Am Eingang des Camps stehen die Polizisten im Schatten ihrer Einsatzwagen und lassen Autos passieren, als ginge sie das alles nichts an.

Camp in Gefahr: Herbststürme bedrohen die Unterkunft für Geflüchtete auf Lesbos

Der Kies auf den Wegen im Camp leuchtet in der Mittagssonne weiß wie die Zeltplanen und die vom Wind aufgewirbelte Gischt des Mittelmeers. Die Böen geben einen ersten Vorgeschmack auf die bald Lesbos umtosenden Herbststürme. Sie wirbeln Staub in die Luft und blähen die zwischen den Zelten als Sonnenschutz gespannten Tücher auf.

Alles blendet und gleißt. Der Weg führt an einem weiteren Wachposten vorbei zu einer Insel von Containern in dem Meer aus Zelten. Hier leben die Versehrten wie Khaled Alafaat, denen ein Schlafplatz auf dem Boden eines Zeltes nicht mehr zuzumuten ist. Ein Mann humpelt an Krücken vorbei, als übe er in einem Feldlazarett seine ersten Schritte.

Griechenland: Aus Morias Dschungel ist eine Wüste geworden

Die Bewohnerinnen und Bewohner meiden den Sturm und die Glut in der Mittagszeit. Einige Somalierinnen halten auf einem Pfad zwischen den Zelten im Wind ihre Kopftücher fest und schützen mit den Händen ihre Augen vor dem Sand. Ansonsten wirkt das Camp wie ausgestorben. Aus dem Dschungel von Moria ist eine Wüste geworden.

Die Gassen rund um den Hafen von Mytilini liegen vom Zeltlager aus gesehen auf einem anderen Planeten. Auch hier brennt die Sonne und es weht eine Brise. Touristinnen und Touristen schauen unter den Markisen der Cafés dem Eis in ihren Frappés beim Schmelzen zu. Sie ärgern sich vielleicht, wenn der Wind die Servietten vom Tisch weht.

Human-Rights-Watch: Nur eines von sieben Kindern aus Moria konnte in die Schule gehen

Anders als zur Zeit des Lagers Moria laufen ihnen aber in Mytilini kaum noch Geflüchtete über den Weg. Denn die brauchen in der Pandemie für jeden Schritt außerhalb des neuen Lagers eine Genehmigung. Nur eines von sieben Kindern aus dem Lager konnte nach Angaben der Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch“ im vergangenen Jahr zur Schule gehen. Dabei ist ein Drittel der Campbewohner:innen im schulpflichtigen Alter.

Es leben nun viel weniger Migrantinnen und Migranten auf der Insel als vor dem Brand. 23 000 Menschen lebten im März 2020 im „Dschungel“ von Moria. 12 600 waren es, als das Camp im vergangenen Jahr niederbrannte. Rund 5000 sind übrig. Wo ist der Rest geblieben? Der deutsche Helfer Patrick Münz beißt in einem der Cafés in Mytilini in ein Sandwich. Münz arbeitet auf Lesbos für die Stuttgarter Hilfsorganisationen Stelp und die an der Luftbrücke nach Kabul beteiligte Gruppe „#Leave No One Behind“. Er ging im vergangenen September stundenlang Schleichwege, um nach dem Feuer am griechischen Militär vorbei Essen und Wasser zu den Obdachlosen in der Straße vor dem Camp Moria zu bringen.

Griechenlands Regierung verteilte kein Wasser – „Die Leute hatten viel zu viel Angst“

Münz erinnert sich, dass die Geflüchteten in der Hitze Bewässerungsschläuche für Olivenbäume anritzten, um Plastikflaschen zu füllen. Die Behörden hätten nichts zu trinken verteilt, berichtet er. „Neben der Straße liegt ein Lidl und niemand ist auf die Idee gekommen, da reinzulaufen und sich das Wasser einfach zu nehmen. Die Leute hatten viel zu viel Angst“, sagt Münz. Die griechische Regierung habe nach dem Brand ihre Versprechen an die Bevölkerung der Inseln eingelöst, die überfüllten Camps zu leeren, erklärt der Helfer.

„Sie haben in kurzer Zeit sehr vielen Menschen Asyl gewährt und sie aufs Festland gebracht, wofür sie früher unglaublich lange gebracht haben“, sagt Münz. Was wie eine gute Nachricht für die Geflüchteten klinge, sei aber keine. Denn bei der Ankunft im Hafen von Piräus erwarte die Geflüchteten von den Inseln nichts, erklärt er.

Regierung plant mit neuen Geflüchteten – Athen verspricht würdige Lebensbedingungen

Der griechische Migrationsminister Notis Mitarachi stellte im vergangenen Jahr klar, dass anerkannte Asylbewerber:innen für sich selbst zu sorgen hätten. Ohne einen Cent in der Tasche und oft nicht eines Wortes Griechisch mächtig verlieren sich die Pfade Tausender Geflüchteter mit Schutzstatus auf den Plätzen und in den Straßen Athens. In den Lagern auf die Inseln bleiben die Menschen zurück, deren Asylanträge abgelehnten wurden, in der Regel stammen sie aus Afghanistan. Sie sollen nach den Regeln des EU-Türkei-Abkommens zurück in die Türkei geschickt werden. Doch Ankara ist stur.

Nach dem Sieg der Taliban in Afghanistan gebe es für die Afghan:innen von Lesbos eher Anlass zur Ratlosigkeit als zur Hoffnung, meint Münz. Die Regierung in Athen scheint vorzuplanen für eine neue Flüchtlingsbewegung aus Afghanistan. Ein Lager neuen Typs soll bis Ende des Jahres in einem dünn besiedelten Landstrich im Zentrum von Lesbos entstehen und das Zeltlager am Strand ersetzen. Auch auf anderen Inseln wird gebaut.

Athen verspricht würdige Lebensbedingungen. Der deutsche Helfer Münz glaubt dagegen, dass die neuen Lager die Geflüchteten eher so weit wie möglich aus dem Blickfeld der Griech:innen und Tourist:innen verbannen sollen. (Cedric Rehman)

Rubriklistenbild: © Anthi PAZIANOU/AFP

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare