Aung San Suu Kyi 
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Aung San Suu Kyi hat viel von ihrem Nimbus eingebüßt: die resolute Widerstandskämpferin, die geduldige Revolutionärin, die Ikone des demokratischen Umbruchs.

Aung San Suu Kyi

Von der Ikone zur Realpolitikerin

  • Willi Germund
    vonWilli Germund
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Myanmars Staatslenkerin Aung San Suu Kyi kämpft mit allen Mitteln um ihr politisches Überleben – auch mit schmutzigen.

Das charmante Lächeln, mit dem Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi einst die Welt zu verzaubern wusste? Keine Spur mehr davon beim Auftritt der inzwischen De-facto-Regierungschefin von Myanmar vorm Internationalen Gerichtshof (ICJ) in Den Haag im Dezember.

Mit versteinertem Gesicht saß die 74-Jährige dabei, als Zeugen von den Gräueltaten des Militärs an den muslimischen Rohingya im Bundesstaat Arakan berichteten. Und bestenfalls hölzern wirkte ihre Replik darauf: „Man kann nicht ausschließen, dass Mitglieder der Streitkräfte in einigen Fällen zu viel Gewalt angewandt haben und gegen internationales humanitäres Recht verstoßen haben und nicht deutlich zwischen Zivilisten und Kämpfern unterschieden haben.“ Danach ein Satz, der den Überlebenden im Saal des ICJ – und nicht nur ihnen – wie eine schallende Ohrfeige vorkommen musste: „Aber die Absicht von Völkermord kann sicher nicht unterstellt werden.“

Mehr als 700 000 Rohingya ergriffen die Flucht, als Soldaten und buddhistische Milizen im Spätsommer 2017 brandschatzend durch den Arakan an der Grenze zu Bangladesch zogen. Die Zahl der Toten wurde nie genau ermittelt, 10 000 werden es mindestens sein. Die Überlebenden fristen nun in einem der größten Flüchtlingslager der Welt in Bangladesch ein armseliges Dasein.

Aung San Suu Kyi hat währenddessen viel von ihrem Nimbus eingebüßt: die resolute Widerstandskämpferin, die geduldige Revolutionärin, die Ikone des demokratischen Umbruchs… Zu uneindeutig ihre Reaktionen auf die Ereignisse im Arakan, zu eindeutig ihre Parteinahme für das Militär. Zumindest bewies Suu Kyi eine ordentliche Portion Mut, als sie in Den Haag versuchte, ihr Land und ihre Regierung gegen den Vorwurf massiver Menschenrechtsverletzungen zu verteidigen.

Solcher Mut geht den meisten Regierungschefs dieser Welt ab wie etwa das Beispiel des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte zeigt. Er hat einen „Drogenkrieg“ gegen kleine Dealer und Suchtkranke begonnen, dem mittlerweile Tausende zum Opfer gefallen sind. Und nicht einmal wurde die Justiz eingeschaltet. In Indonesien, Sri Lanka und Bangladesch findet die Praxis wilder Exekutionen inzwischen eifrige Nachahmer. Aber als die Richter in Den Haag auf Betreiben philippinischer Kläger zusagten, dem Vorwurf von Menschenrechtsverletzungen nachzugehen, kündigte Duterte flugs den Rückzug seines Landes vom ICJ an. Er weiß, dass er angesichts der Faktenlage keine Chance in Den Haag hätte.

Aung San Suu Kyi mag neben ihrer Courage freilich auch einer Portion Selbstüberschätzung zum Opfer gefallen sein, als sie sich zum Auftritt in Den Haag durchrang. Glaubt sie doch offenbar, dass ihr Wort auf der Weltbühne weiter genug Gewicht besitzt, die Gemüter umzustimmen. Der Nobelpreisträgerin – 1991 derart geehrt für ihre Rolle beim weitgehend friedlichen Widerstand gegen das Militär – wurden inzwischen jedoch schon einige andere Auszeichnungen wieder entzogen. Es ist offenkundig, dass Suu Kyi sich zu häufig zu faulen Kompromissen hinreißen lässt, um die fragilen Brücken zum Militär in der Heimat nicht einzureißen.

Aung San Suu Kyi mit versteinerter Miene in Den Haag.

Das verstört umso mehr, als sie zwei Jahrzehnte lang international wie in ihrer Heimat als die unbeugsame „Lady“ verehrt wurde, berüchtigt für ihre Sturheit und ihren Eigenwillen. Aung San Suu Kyi nahm lieber Gefängnis und jahrelangen Hausarrest in Kauf, als eine Verständigung mit den Generälen zu suchen.

Sie zahlte einen hohen Preis für ihre Unbeugsamkeit. Die Ehefrau eines Oxford-Akademikers verzichtete auf einen Besuch am Sterbebett ihres Mannes. Sie traute den Militärs nicht und fürchtete, nach der Ausreise nicht wieder ins Land gelassen zu werden. 2009 konnte dann das Militär erleichtert Suu Kyis Hausarrest verlängern: Ein US-Amerikaner war trotz Verbotes durch den See in Rangun geschwommen, an dem die Villa Suu Kyis liegt. Die Polizei erwischte ihn, als er zwei Tage später versuchte, auf gleichem Weg zu seinem Hotel zurückzukehren.

Als die Frankfurter Rundschau Aung San Suu Kyi im Frühjahr 2011 wenige Monate nach ihrer Freilassung in Rangun traf, sprach sie ohne Bitterkeit von den verlorenen Jahren und voller Energie über ihre Zukunftspläne. Am Ende deutete sie sogar eine politische Kehrtwende an, die Monate später Wirklichkeit werden sollte. Während sie im Hausarrest gesessen hatte, formulierte Myanmars Militärdiktatur eine Verfassung nach ihrem Geschmack. 2015 veranstalteten sie Wahlen und erwarteten einen klaren Sieg mangels Konkurrenz. Aber Aung San Suu Kyi und ihre Partei NLD akzeptierten das bestehende System, nahmen an den Wahlen teil und ließen das Militär weit hinter sich. Schönheitsfehler: Da die Parteichefin mit einem Ausländer verheiratet war, durfte sie laut Verfassung nicht das Präsidentenamt übernehmen. Aber de facto ist Aung San Suu Kyi die Staatschefin. Für ihr Ziel der Demokratisierung Myanmars war es ein kleines Opfer.

Auf dem Weg zu diesem Ziel wurde sie anfangs noch von den meisten westlichen Staaten unterstützt. Dementsprechend verurteilte die Bundesregierung einen Angriff der kleinen muslimischen Gruppe Arsa im Sommer 2017, bei dem acht Polizisten getötet wurden, als Terror. Der Westen ging dann erst schrittweise auf Distanz, als sich nach und nach herausstellte, was wirklich in der muslimischen Provinz geschah, als immer mehr traumatisierte Rohingya in Bangladesch ankamen, als klar wurde, dass das Militär schon Wochen vor der Arsa-Attacke seine Operation im Arakan vorbereitet hatte.

2020 stehen Wahlen an

Die Friedensnobelpreisträgerin aber weigert sich bis heute, die Rohingya auch nur beim Namen zu nennen. Selbst in Den Haag nahm Suu Kyi das Wort nicht in den Mund. Laut Lesart von Militär und Regierung handelt es sich vielmehr um illegale Einwanderer aus Bangladesch. Wenn auch diese Migrationsbewegung begann, als Bangladesch wie Myanmar britische Kolonien war und im fruchtbaren, aber dünn besiedelten Arakan Landarbeiter gebraucht wurden.

2020 stehen wieder Wahlen an in Myanmar. Suu Kyi weiß, dass eine Wiederholung ihres Triumphs von 2015 schwierig wird. Unter den Generälen keimt die Hoffnung, einer der ihren könnte sie ablösen. Suu Kyis Anhänger rechnen ihr hoch an, dass sie in Den Haag Position bezog und den Standpunkt ihrer Regierung deutlich machte. Vielleicht war das aber kein Zeichen der Courage, sondern kühles Wahlkampfkalkül.

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