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Kinder in Auschwitz zeigen dem Fotografen der Roten Armee ihre eintätowierte Häftlingsnummer. Zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen wurden alleine in diesem Vernichtungslager ermordet.

60 JAHRE DANACH

Mit den Augen eines Kindes

Yehuda Bacon wird 1942 mit seiner Familie nach Theresienstadt verschleppt - seine Familie überlebt nicht. Im März 1946 gelangt er nach einer Odysee durch weitere Lager nach Palästina.

Ich kam mit 14 Jahren aus Theresienstadt nach Auschwitz, zunächst ins Familienlager. Allen war klar, dass es nur für sechs Monate sein würde und dann die Gaskammer folgte. Nach Ablauf dieser Zeit wurde ich aber mit 89 Kindern ausgesucht, die ins Männerlager verlegt wurden. Statt der Pferde wurden wir Kinder vor einen Rollwagen gespannt, mit dem im Winter die Asche der vergasten und verbrannten Häftlinge aus den Krematorien geholt wurde und anderes zu befördern war. Das hat mir ermöglicht, alles zu sehen, was dort passierte. Wir kamen überall hinein, auch in das Krematorium und in die Gaskammern. Für andere war das unmöglich. Weil ich neugierig war, habe ich mir alles sehr genau angeschaut und nach dem Krieg aufgezeichnet. Ich hatte den Drang, alles zu wissen und habe die Leute vom Sonderkommando gebeten, es mir genau zu erklären. Sie haben mir alles gezeigt, als wären wir in einem Museum. Als es im Winter sehr kalt war, durften wir auch in die Gaskammern hinein, um uns aufzuwärmen. Ich habe es mir genau angesehen. Die Kiste mit den goldenen Zähnen und wie der Lift funktioniert. Wie ein neugieriges Kind eben.

Ein Kind erlebt es ganz anders. Es war schließlich unsere einzige Realität. Die Erwachsenen hatten noch viele Erinnerungen. In Theresienstadt hatte ich noch einmal von zu Hause geträumt und von meiner Briefmarkensammlung, die ich zur Bar Mitzwah bekommen hatte. In Auschwitz war das alles viel zu weit weg. In Auschwitz gab es eine völlig andere Realität.

Unsere Instinkte waren die eines gejagten Tieres, denn jede falsche Bewegung bedeutete den Tod. Deshalb mussten wir immer ganz wach sein und sehr geschickt. Wir mussten eine Philosophie entwickeln, um das Tagtägliche zu überleben. Ich wusste immer, es kann mir noch schlimmer ergehen. Was das bedeutete, tagtäglich die Transporte zu sehen. In ganz kurzer Zeit kamen aus Ungarn etwa 400 000 Menschen, die fast alle liquidiert wurden. Oder als der Transport aus Theresienstadt kam und man seine Freunde ins Gas gehen sah. Die meisten anderen Häftlinge hatten gar nicht die Möglichkeit, sich umzuschauen wie wir. Sie gingen zur Arbeit und waren froh, wenn sie zurückkamen. Wir haben aber auch Witze gemacht über den Rauch aus dem Krematorium. Das ist jetzt weißer Rauch, also sind das die mageren Menschen. Oder wenn ein älterer Mann uns ermahnte, haben wir frech entgegnet: "Du alter Mann, was regst du dich auf. Du bist ja sowieso schon mit einem Bein im Krematorium." Das war unsere harmlose alltägliche Sprache, so wie Kinder eben reden. Wir haben auch versucht, anderen Kindern zu helfen oder Ratschläge zu geben. Als der Transport aus Litzmannstadt kam, haben wir Suppe abgezweigt und sie anderen Kindern über den Elektrozaun gereicht. Das war lebensgefährlich.

Es gab einen berüchtigten SS-Mann, der aber zu den Kindern freundlich war. Er spielte mit uns Ball im Strafkommando, wo die Galgen hingen. Vielleicht haben wir für einen Augenblick etwas Menschlichkeit in den SS-Männern geweckt.

Ich verließ Auschwitz am 18. Januar und war auf dem Todesmarsch nach Mauthausen, als das Lager am 27. Januar von der Roten Armee befreit wurde. Von Mauthausen ging es im April weiter ins Lager Gunskirchen. Am letzten Tage des Krieges haben die Amerikaner uns befreit. Aber es war sehr schlimm. Wir bekamen fast nichts zu essen, die Leute starben an Typhus und ich habe Kannibalismus gesehen. Wir wussten, das ist auch das Ende von uns. Wir fühlten uns körperlich und seelisch zerstört.

Aber ich hatte Glück und kam mit meinem Freund in ein Krankenhaus. Dort haben wir uns als Kinder schnell wieder erholt und kamen über Wien schließlich nach Prag. Wir bekamen erstmals liebevolle Behandlung, vor allem von dem tschechischen Sozialpädagogen Premysl Pitter, der sich um uns kümmerte. Er richtete gleich nach dem Krieg in den Schlössern der Umgebung von Prag Erholungsheime für jüdische Kinder ein.

Was das bedeutete, nach so vielen Jahren. Das war eine ganz neue Erfahrung für uns. Erst waren wir etwas scheu. Wir glaubten ja keinem Menschen. Warum sollte jemand gut zu uns sein? Die Realität des KZ blieb lange bestimmend. Zunächst wollten wir beispielsweise nicht arbeiten. Denn wir wussten, wer arbeitet, verliert Kräfte und das bedeutet den Tod. Wir mussten uns an viel Neues gewöhnen. Erst langsam fassten wir wieder Vertrauen in die Menschen. Das war sehr heilsam für Körper und Seele. Ich habe eine Zeichnung gemacht, die ich Herrn Pitter widmete. Darauf steht geschrieben: "Für den Mann, der mir den Glauben in die Menschen zurückgegeben hat." Da sieht man ein kleines Kind und jemand schleppt es vom KZ, vom finsteren Krematorium, ins Licht. Diese guten Erzieher nach dem Krieg und die Kunst haben mich gerettet.

Yehuda Bacon, Jerusalem

(Aufgezeichnet von Gemma Pörzgen)

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