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Im Auge des Sturms

Inmitten jüdischer Siedlungen fristen 9000 Palästinenser in Mawassi im Gaza-Streifen eine triste Insel-Existenz

Von GEMMA PÖRZGEN (MAWASSI)

Noch haben die Menschen in Mawassi vor allem Angst vor dem israelischen Abzug aus Gaza. "Das war ja nur ein kleiner Vorgeschmack, auf das, was noch auf uns im Sommer zukommen wird", sagt der palästinensische Familienvater Siafa Laham und zeigt von seinem Dach aus besorgt Richtung Meer. Dort liegt das verlassene Hotel "Palm Beach", in dem sich über Wochen etwa 100 radikale Siedler festgesetzt hatten. Die israelische Polizei räumte es in einer dramatischen Aktion am vergangenen Donnerstag, weil die Aggressivität der extremistischen Israelis sich zunehmend gegen die palästinensischen Nachbarn richtete. "Wir haben zu Beginn vom Dach aus alles mitangesehen", erzählt Siafa. Aber als sich die Lage zuspitzte, traute sich keiner mehr hinauf. Über Tage kauerte die Familie in ihrem Zimmer voller Furcht, was sich dort draußen alles noch abspielen könnte.

Abgeschnitten von der Außenwelt

Nun ist die Familie Laham erleichtert, dass die radikalen Unruhestifter nach der Räumung des Hotels erstmal weg sind. Aber es bleibt die Sorge, mit dem Beginn des Gaza-Abzugs erneut zwischen die Fronten von israelischen Soldaten und Siedlern zu geraten. Denn die rund 9000 Palästinenser in Mawassi leben inmitten des größten jüdischen Siedlungsblocks Gush Katif, abgeschnitten von der Außenwelt, und fühlen sich wie in der Falle. "Ich habe große Angst um meine Söhne", sagt Imrani, die zuletzt nachts kaum noch schlafen konnte.

Dabei ist Imrani eine fröhliche Frau mit strahlenden dunklen Augen unter dem Kopftuch. Trotz der schwierigen Lebensumstände erzählt die 40-Jährige mit viel Humor von ihrem Alltag des Eingesperrtseins. Die Lahams lassen sich nicht unterkriegen, obwohl sie sich wie alle Bewohner Mawassis seit Beginn der Intifada vor fünf Jahren nicht frei bewegen können. "Wir haben uns an das Leben gewöhnt", sagt Imrani.

Die gut ausgebauten Straßen der Siedler sind den Palästinensern ebenso versperrt, wie der Zugang zu den umliegenden israelischen Siedlungen. Die Leute von Mawassi dürfen nur auf ihren staubigen Sandstraßen fahren. Ein Krankenhaus gibt es nicht, auch keinen Friedhof. Vor allem für Kinder und Jugendliche ist das Leben ohne Bücherei oder Jugendclub trist. Auch existiert trotz der kinderreichen Familie für die ganze Gegend nur eine einzige Schule, die im Schichtbetrieb arbeitet. In jeder Klasse sitzen etwa 60 Kinder.

Ein paar winzige Läden bieten nur einige Grundnahrungsmittel. Einmal in der Woche liefern internationale Organisationen deshalb Hilfslieferungen in die abgeschottete Gegend. Zwar verläuft über dem Dach der Familie die Stromleitung zur nächstgelegenen jüdischen Siedlung, aber die Palästinenser sind nicht an die israelische Infrastruktur angebunden. Da die palästinensische Autonomiebehörde inmitten des Siedlungsblocks keinen Zugang hat und keine kommunalen Dienste anbieten kann, versorgen sich die Bewohner mit Generatoren, die aber nur morgens von sechs bis zwölf Uhr den Strom liefern.

Wenn Imrani ihre Verwandten im nur zwei Kilometer entfernten Khan Yunis auf der palästinensischen Seite besuchen will, wartet sie mehrere Tage, um den israelischen "checkpoint", den Kontrollpunkt, zu passieren. Nur wer mindestens 25 Jahre alt ist, kann überhaupt auf eine israelische Genehmigung hoffen. Dabei erscheint aus der Mawassi-Perspektive sogar die elende Ortschaft Khan Yunis wie ein Traum vom besseren Leben im Gazastreifen. "Dort kann man wenigstens den ganzen Tag fernsehen und alles andere vergessen", sagen die Leute. Mawassi heißt der ganze rund zwölf Kilometer lange und zweieinhalb Kilometer breite Küstenabschnitt im äußersten Südwesten des Gazastreifens. Hier wohnen Palästinenser und Beduinen inmitten ihrer einst so fruchtbaren Felder. Seit die israelischen Siedler sich breit machten, führen sie nur noch ein vergessenes Schattendasein.

Die meisten Felder verrotten

Die meisten Leute sind traditionell Bauern und Fischer und leben in armseligen Behausungen. Durch die Isolierung der vergangenen Jahre gingen ihnen die Absatzmärkte für das angebaute Gemüse und Obst verloren. Früher war die in Mawassi angebaute Goave-Frucht bis Jordanien ein Verkaufsschlager. Heute verrotten die meisten Felder, und die Gewächshäuser wirken verlassen. Die Wafi-Familie geht dennoch jeden Morgen um sechs Uhr aufs Feld und baut Gurken, Kartoffeln und Melonen an. Die einfachen Bauern sind bitterarm. Als der älteste Sohn Nasser vergangene Woche zum Fischen aufbrach, wurde er nach den Worten des Vaters von 30 Siedlern verprügelt und später ins Bein geschossen. Er liegt immer noch im Krankenhaus von Khan Yunis.

Die 63 Jahre alte Mutter wartete drei Tage am "checkpoint", um ihn zu besuchen. "Wir fühlen uns jetzt wie im Gefängnis, jeder hat Angst auch nur aus dem Haus zu gehen", sagt sie. Seit die rechtsradikalen Siedler das Hotel am Strand besetzt hielten, war ihnen auch der Weg an den nahe gelegenen Strand versperrt. Allein der salzige, frische Geruch vom Meer weht noch herüber. Was die Bewohner von Mawassi im Sommer inmitten der befürchteten Auseinandersetzungen zwischen israelischer Armee und Siedlern erwartet, weiß auch hier keiner.

"Diese Leute werden sich im Auge des Sturms wiederfinden", befürchtet Raji Sourani vom Palästinensischen Menschenrechtszentrum in Gaza-Stadt. "Es ist ganz offensichtlich, dass sie sich in Gefahr befinden." Doch bei den bislang schleppenden Koordinierungsgesprächen zwischen Palästinensern und Israelis hat das Schicksal Mawassis bislang keine Rolle gespielt, bestätigt Diana Butto, Assistentin des palästinensischen Ministers für zivile Angelegenheiten, Mohammed Dahlan. "Es ging bisher vor allem um die Siedlungen und die Treibhäuser, nicht um die Menschen", sagt Butto.

Sollte der israelische Gaza-Abzug trotz aller Befürchtungen erfolgreich verlaufen und Mawassi von Herbst an unter palästinensischer Kontrolle stehen, haben die Bewohner bescheidene Träume: "Wir wollen endlich einmal alle zusammen ohne israelische Kontrolle hinüber nach Khan Yunis laufen", sagt Imrani. Neugierig auf die dann verlassenen Siedlungen der Israelis ist sie nicht. "Wir sind froh, wenn wir sie einfach vergessen können."

Dossier: Der Kampf ums Heilige Land

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