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Seit dem Tod eines Achtjährigen werden die Forderung nach mehr Polizei an Bahnhöfen lauter.

Tod in Frankfurter Hauptbahnhof

Aufstockung der Polizei dauert Jahre

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Horst Seehofers Zusage nach der Attacke von Frankfurt stößt bei Experten und Opposition auf Skepsis - es gibt gar nicht so viele Beamte wie gefordert.

Die Polizeigewerkschaft GdP unterstützt den Plan von Innenminister Horst Seehofer (CSU), nach der tödlichen Attacke eines 40-jährigen Eritreers auf einen achtjährigen Jungen die Polizei personell zu verstärken, warnt jedoch auch vor übertriebenen Erwartungen. „Wirklich mehr Polizisten im Einsatz werden wir erst frühesten in acht Jahren haben“, sagte GdP-Bundeschef Oliver Malchow.

Der Gewerkschafter begründete dies mit den hohen Pensionierungszahlen und der vierjährigen Ausbildungszeit für einen Polizisten. „Wir haben einen riesigen Ersatzbedarf“, so Malchow. „Von den 260 000 Vollzugsbeamten in Bund und Ländern gehen in der Zeit von 2017 bis 2020 rund 40 000 in Pension. Diese Lücke wird knapp wieder aufgefüllt. Erst im vergangenen Jahr wurde langsam damit begonnen, für den Mehrbedarf einzustellen.“

Im Moment liege die größte Last auf den Schultern von Beamten, die unzählige Überstunden ableisteten. Wenn in der Politik behauptet würde, heute hätten wir so viele Polizeibeamte wie noch nie, dann sei dies unehrlich, sagte Malchow. „Da werden einfach die Tausenden Auszubildenden mitgezählt, die noch gar nicht im Einsatz sind.“

Der Chef der Polizeigewerkschaft erinnerte auch daran, dass die Anforderungen an die Polizei immer höher werden und Kräfteverschiebungen klug durchdacht werden sollten. „Zuletzt wurden die Kräfte der Bundespolizei auf Bahnhöfen reduziert, um die Grenzsicherung zu stärken. Nach der tödlichen Attacke in Frankfurt soll am besten beides gleichzeitig in starker Besetzung erledigt werden“, sagte Malchow.

Die politischen Reaktionen auf Seehofers Plan sind bislang verhalten. Die Vizechefin der SPD-Bundestagsfraktion, Eva Högl, verweist auf den Pakt für den Rechtsstaat, den die Koalition geschlossen hätte. „Bis 2021 sollen 15.000 neue Stellen für die Sicherheitsbehörden in Bund und Ländern geschaffen werden. An diesem Ziel halten wir fest“, so Högl. „Ob wir weitere Stellen bei der Bundespolizei benötigen, muss sorgfältig geprüft werden.“ Die Grünen warnen Seehofer davor, nach dem Mord von Frankfurt falsche Versprechungen zu machen. „Die Forderung nach mehr Polizei kann nicht die Antwort auf alle sicherheitspolitischen Herausforderungen sein und ist schon gar nicht eine adäquate Antwort auf die schreckliche Tat in Frankfurt“, sagte die innenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Irene Mihalic. „Wenn der Innenminister die Sicherheit im öffentlichen Raum erhöhen will, muss er konzeptionelle Vorschläge auf den Tisch legen, anstatt Nebelkerzen zu werfen.“

Die Linken sperren sich ebenfalls nicht gegen eine personelle Verstärkung der Polizei, sagte der Vizechef der Bundestagsfraktion, André Hahn. „Allerdings finde ich es befremdlich, dass die Ankündigungen des Bundesinnenministers wieder einmal erst nach einem so tragischen Ereignis erfolgen.“ Hahn warnte vor einer Konkurrenz der Behörden in Bund und Ländern. „Eine Stärkung der Bundespolizei ist richtig, sie muss aber auch realistisch umsetzbar sein und darf die Präsenz der Polizei in den Ländern nicht infrage stellen.“

Traumaaexperte fordert Betreuung

Die Deutsche Bahn sollte nach Ansicht eines Traumaexperten ein Betreuungsangebot für die Augenzeugen der tödlichen Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof einrichten. „Mit solchen Nachbearbeitungsgruppen haben wir gute Erfahrungen gemacht“, sagte Psychotherapeut Georg Pieper, der auch Angehörige und Betroffene der ICE-Katastrophe von Eschede 1998 betreut hat. 

Die unmittelbar in einen derartigen Zwischenfall Hineingezogenen könnten sich dort sortieren, austauschen und ein Stück besser von dem Vorfall distanzieren, um Folgestörungen zu verhindern. 

Einem 40-jährigem Eritreer wird vorgeworfen, am Montag einen achtjährigen Jungen und dessen Mutter vor einen ICE gestoßen zu haben. Der Junge starb noch im Gleisbett. Zahlreiche Passanten und Fahrgäste hatten den Angriff unmittelbar mitbekommen. Nach dem Vorfall richtete die Bahn eine Telefonnummer ein, über die Betroffene eine psychologische Betreuung in Anspruch nehmen können. (dpa)

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