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China leuchtet im Licht seines Aufstiegs: Die Skyline des Finanzsviertels in Shanghai.

China

Aufstieg einer Supermacht

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China sieht die Rückkehr zu altem Glanz als historische Notwendigkeit ? und wirft mit steigender Bedeutung alle Bescheidenheit über Bord.

Die Luft fühlt sich kühl an, obwohl die Sommersonne auf die Steine brennt. Die Ruinen des Forts von Tashkurgan liegen 3300 Meter über dem Meeresspiegel. Nur eine Reihe von Zinnen reckt sich aus einem Feld von Felsen. Das Fort hat für alle großen chinesischen Dynastien einen wichtigen Handelsweg bewacht: Unten im Tal verlief als Kamelpfad ein Ausläufer der Seidenstraße, der China schon vor 2000 Jahren mit dem Indischen Ozean verband. China war damals die größte Wirtschaftsmacht auf dem Planeten – noch vor dem Römischen Reich.

Heute steht in Sichtweite des Forts sein moderner Nachfolger: eine nagelneue Kaserne der Volksbefreiungsarmee mit Baracken und Garagen für mehrere Einheiten und deren Fahrzeuge. Im ganzen Landkreis ist die Militärpräsenz sichtbar. Hubschrauber knattern das Tal entlang. Denn nach Jahrzehnten des Dornröschenschlafs gewinnt Tashkurgan, eine Kleinstadt mit 30 000 Einwohnern, nun ihre alte Bedeutung wieder. Im Frühjahr rückten Kräne und Betonmischer in den Ortskern ein. Die Regierung spendiert Tashkurgan eine Generalüberholung als regionaler Verwaltungssitz.

Wo früher die Waren auf Kamelrücken schaukelten, hat die Regierung eine neue, vierspurige Straße bauen lassen. Die Route ist Teil des Netzes von Handelswegen, die China unter dem Markenzeichen der „neuen Seidenstraße“ wiederbelebt. Damals wie heute verbindet dieser Weg die Zentralmacht China mit Pakistan und Indien sowie den Meeren um Afrika und Arabien. 

Die neue Seidenstraße ist nur ein Teil der riesigen Anstrengungen, mit denen China die Rückkehr zu seiner alten Bedeutung vorantreibt. Technisch, wirtschaftlich, politisch und militärisch will das Land künftig ganz vorne mitspielen.

Diese Aufholjagd betreiben seine Führer mit einem Selbstbewusstsein und einer Unbefangenheit, die anderen Schwellenländern fremd ist. „Die Chinesen sind fest davon überzeugt, dass China ein Platz als weltweiter Führungsmacht rechtmäßig zusteht“, schreibt Martin Jacques, Gastprofessor an der Tsinghua-Universität in Peking und Autor des Buches „When China Rules The World“. Die Jahrzehnte als Entwicklungsland gelten nach chinesischer Weltsicht lediglich als historischer Unfall, der sich gerade korrigiert. Die Rückkehr auf Platz eins ist so gesehen nichts Besonderes, sondern einfach geschichtliche Notwendigkeit. 

Chinas Präsident Xi Jinping hat diesen Gedanken nach seinem Amtsantritt 2012 politisch aufgegriffen und in leichter verdauliche Sprache gefasst: Er arbeite am „chinesischen Traum“ der Verjüngung und Erneuerung der Nation. Bis 2049, genau hundert Jahre nach Machtübernahme der Kommunisten, soll China demnach wieder ein voll entwickeltes Land sein, das hinter keiner anderen Nation zurücksteht. Während der Denkhorizont westlicher Politiker meist nur bis zur nächsten Wahl reicht, denken Chinas Planer in Jahrhunderten.

Mit dem höheren Ziel des chinesischen Traums rechtfertigt die Partei ihre „Entwicklungsdiktatur“, in der sie Freiheit und Persönlichkeitsrechte dem großen Ganzen unterordnet. Demokratie und Meinungsfreiheit sind den Lehren der Parteischule zufolge viel zu gefährlich, um dafür den Erfolg des Projekts zu gefährden. Keiner weiß, welche Richtung diese unkontrollierten Prozesse nehmen. Die Partei sieht das Land unter der eigenen Führung dagegen auf dem guten Weg. Und auch sonst reicht die Umsetzung von Pekings „Wir sind wieder wer“ als Grund, um nicht allzu zimperlich zu sein. Der Westen und Japan seien es ja auch nicht gewesen, als sie kamen und sich als Kolonialherren aufspielten.

Der Traum ist schon fast Realität. Das Zwischenergebnis ist jedenfalls beeindruckend. In allen wichtigen Feldern steht China derzeit enorm stark da.

Wirtschaftlich: Chinas Anteil an der Weltwirtschaft ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten von sechs auf 16 Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum konnten sich dort eine halbe Milliarde Menschen von der Armut befreien, bis 2020 soll sie weitgehend vollends besiegt sein. Das Land schafft ein Viertel des weltweiten Wachstums. China ist enorm reich: Im vergangenen Jahr war es größter Auslandsinvestor und Firmenkäufer in Deutschland. Während der Finanzkrise 2009, als Chinas Konjunktur unbeirrt weiterlief, war der Führung große Genugtuung anzumerken: Unser System ist dem des Westens überlegen. Chinas Volkswirtschaft wird vermutlich in zehn Jahren größer sein als die der USA.

Technisch: China profiliert sich derzeit als Vorreiter in zahlreichen Schlüsselbranchen, darunter neue Energiequellen und die Elektromobilität. Die Digitalisierung geht zudem deutlich schneller voran als in Europa. Mobile Zahlungssysteme sind flächendeckend eingeführt und akzeptiert. China ist Weltmarktführer für Solarzellen, Handys, Mikrochips, Displays, Drohnen. China ist heute eines der fortschrittlichsten Länder der Welt, und längst kein Imitator mehr, sondern Weltklasse-Innovator, was sich an der großen Zahl der angemeldeten Patente zeigt – mehr als eine Million im Jahr 2016 (Deutschland kommt auf etwas mehr als hunderttausend). Und auch wenn diese Zahl mit Vorsicht zu genießen ist, weil sich chinesische Firmen jeden Schnörkel schützen lassen: Deutsche Firmen im Maschinenbau bekommen Angst, wenn sie die Geschwindigkeit sehen, mit der die Konkurrenz aus China besser wird.

Außenpolitisch: Die Schwäche des Westens ist Chinas Vorteil. Die zerstrittene EU und die USA unter Trump haben den langfristig aufeinander aufbauenden Plänen der chinesischen Strategen nichts entgegenzusetzen. Das Land setzt nicht das Militär als Hebel an, sondern die Wirtschaft. Und die Welt kuscht. Griechenland hat europäische Kritik an der Menschenrechtslage in China blockiert und dafür Investitionen erhalten. Wenn die chinesische Führung das Gefühl hat, dass die Amerikaner sie in der Weltbank nicht ernst genug nehmen, dann gründen sie mit der Asian Infrastructure Investment Bank eben ihre eigene internationale Förderbank.

Militärisch: China leistet sich die weltweit zweitgrößten Militärausgaben, hat Kernwaffen jeder Sorte, Raketen jeder Größe. Auf der Rüstungsmesse in Zhuhai, die alle zwei Jahre stattfindet, rotieren Radarschüsseln und donnern Düsenjäger. China baut gerade seinen zweiten Flugzeugträger und hat seine erste Auslandsbasis in Dschibuti am Horn von Afrika eröffnet.

Es läuft also gut – fast zu gut. Europa und die USA wirken von Fernost aus gesehen inzwischen instabil – und das will die chinesische Führung nun auch wieder nicht. Sie ist an einer vorhersagbaren Weltordnung mit bekannten Größen und eindeutigen Beziehungen interessiert, nicht an Katastrophen. China will Märkte für seine Produkte. Ziel ist also nicht die Weltherrschaft um jeden Preis, sondern eine starke Stellung und der Respekt der einstigen Großmächte in der bisherigen Ordnung. 

Die Seidenstraße ist ein gutes Beispiel dafür, wie China versucht, den eigenen Bedeutungsgewinn mit dem Versuch in Einklang zu bringen, die bestehende Ordnung nicht völlig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ihre Hauptzielrichtungen sind Zentralasien, Südasien und Afrika. Hier finden sich zahlreiche Regionen, die die Weltgemeinschaft bisher in Rückständigkeit vergessen hat. „China stößt in den leeren Raum vor“, beschreibt Sebastian Heilmann, Leiter des Mercator Institute for China Studies in Berlin, diese Strategie. Zugleich stehen diese Aktivitäten im Zusammenhang mit den historischen Handels- und Erkundungszügen der chinesischen Flotte. 

Gerade die Investitionen in Afrika haben parallel viele Vorteile. China schafft zunächst einmal Märkte für die eigenen Produkte und sichert sich Rohstoffe. Wenn auch nur ein Bruchteil des chinesischen Entwicklungsmodells anschlägt, dann entstehen Wachstum und Arbeitsplätze. Das wiederum wirkt Fluchtursachen entgegen und ist also stabilisierend. Kanzlerin Angela Merkel begrüßt die laufende chinesische Afrika-Initiative aus gutem Grund.

Das ist das Beruhigende am chinesischen Aufstieg: Er verläuft streng als wirtschaftliches Projekt, nicht militärisch. China zeigt auch keine Ambitionen, das eigene System zu verbreiten. In Anbetracht der extremen Verschiebung der Machtgleichgewichte verläuft er sogar vergleichsweise unaufgeregt. 

China hat zwar die Ambition, mit den Mächtigen der Welt an einem Tisch zu sitzen. Doch Xi Jinping ist kein wahnsinniger Hitler, der die Weltherrschaft anstrebt. Aggressiv verhält sich China nur an den Rändern des eigenen Territoriums. Eigentlich ist das Land so, wie es ist, schon viel zu groß, um vernünftig regierbar zu sein. Die Nationalisten des Landes träumen zwar von einem Militär, das vier Mal stärker ist als die US-Streitkräfte. Sie sind jedoch in der Minderheit. Eine Mehrheit in der Partei will sich nicht auf einen ruinösen Rüstungswettlauf einlassen. Stattdessen ist maximale Wirkung zu möglichst niedrigen Kosten das Ziel. Auch da geht es immer um das eine: Stabilität.

Die große innere und äußere Unabhängigkeit ermöglicht es China aber auch, weiter seinen eigenen Weg zu gehen. Es sieht keinerlei Veranlassung, dem demokratisch-liberalen Entwicklungspfad des Westens zu folgen. Wirtschaftlicher Erfolg braucht keine Demokratie. Diktaturen können auch Umweltschutz. 

Die chinesischen Institutionen täuschen dabei oft Ähnlichkeit zum Westen vor. Es gibt Banken, es gibt pfiffige Firmen, es gibt ein Parlament, es gibt Universitäten und Thinktanks. Alles Äußerlichkeiten. Am Ende steckt immer nur die Kommunistische Partei mit ihrer ganz eigenen Denkweise drin. 

Neoliberale Finanzmarktreformen, parlamentarische Demokratie, Gewaltenteilung und Meinungsfreiheit haben kaum Vorbildcharakter – auch, weil der Westen damit keinen sonderlich erfolgreichen Eindruck hinterlässt. Einige westliche Chinaforscher sehen zwar die Kommunistische Partei vor dem Ende. Viele Ökonomen prophezeien für die Wirtschaft des Landes einen Kollaps. Weder für das eine noch für das andere gibt es jedoch greifbare Anzeichen. Die Kommunisten können grundsätzlich noch für Jahrzehnte regieren. China wirkt keineswegs zerbrechlich, sondern ruht tatsächlich stabil in sich selbst. 

Die Länder des Westens müssen sich mit dieser neuen Realität arrangieren. „Innerhalb einer Handvoll Jahre ist Chinas Einfluss real und fühlbar geworden“, sagt Jacques. Erst war es nur ein fernes orientalisches Land und später für die meisten Leute auch nur eine Reihe von Statistiken. „Heute jedoch beeinflusst China das öffentliche Bewusstsein in dramatischer Weise.“ Die Chinesen kaufen Firmen, werden die Chefs deutscher Arbeitnehmer, verbreiten über Konfuzius-Institute ihre Kultur, sind als Touristen und Geschäftsleute im Stadtbild präsent. Das wird nicht so bleiben – es wird noch zunehmen.

Die Seidenstraßen-Stadt Tashkurgan kämpft derweil mit den Nebenwirkungen ihres plötzlichen Aufstiegs ins Rampenlicht. Über die neue vierspurige Straße strömen bereits Touristen in die Stadt, doch es gibt noch kaum Restaurants. Die Bewohner sprechen zudem nicht alle Mandarin-Chinesisch, geschweige denn Englisch – sie sind ethnische Tadschiken. Doch zugleich investieren clevere Geschäftsleute aus Singapur in die ersten Hotels der Stadt. Zentralasien entwickelt sich. Und China wächst weiter. 

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