Haftanstalt Bautzen I. epd
+
Haftanstalt Bautzen I. 

DDR-Regime

Aufstand im „Gelben Elend“

Die Gefängnisrevolte von Bautzen am 31. März 1950 gilt als erster offener Protest gegen das DDR-Regime.

Vor nun 70 Jahren hatten Tausende Männer schon genug vom System der DDR. Und revoltierten im sächsischen Bautzen, wo sie im „Gelben Elend“, dem bereits in der NS-Zeit berüchtigten Knast mit der gelben Klinkerfassade einsaßen. Es war der erste und größte Gefängnisaufstand der DDR-Geschichte. Zum 70. Jahrestag waren mehrere Veranstaltungen geplant, darunter ein Gottesdienst im Bautzener Dom. Doch wegen der Corona-Krise wurde das Programm abgesagt.

Damals, am 31. März 1950, halten die Hilferufe der Häftlinge weit über die Gefängnismauern: „Wir wollen nicht verrecken! und „Wir rufen das Rote Kreuz!“ Sie schrien, bis sie heiser waren und die Volkspolizei die Revolte brutal niedergeschlagen hatte. Etliche Insassen wurden schwer verletzt.

Der 91-jährige Schauspieler Jochen Stern hat bei der Revolte mitgemacht. Er saß von 1947 bis 1954 wegen angeblicher Spionagetätigkeit in Bautzen. Etwa drei Viertel der Insassen waren zuvor von sowjetischen Militärtribunalen verurteilt worden – die meisten wegen „Spionage“ und „anti-sowjetischer Propaganda“. In der Regel waren es einfach Leute, die den Sowjets nicht passten.

Stern musste nach der Niederschlagung des Aufstandes Spießruten laufen. „Die Polizisten kamen in die Gefängnissäle. Im Mittelgang haben sie junge Leute verprügelt, es war eine blutige Schlacht.“ Erst wenige Wochen zuvor, im Februar 1950, hatte die sowjetische Besatzungsmacht ihr „Speziallager“ an die DDR-Behörden übergeben. Danach hofften viele, dass die Willkür-Urteile aufgehoben werden. Doch es wurde nur das Personal ausgewechselt. Dann wurde die Verpflegung schlechter, Fälle von Tuberkulose häuften sich. Mit weit mehr als 6000 Menschen war das Gefängnis völlig überbelegt.

Der Aufstand Ende März hatte sich bereits zwei Wochen zuvor angedeutet, als Gefangene in den Hungerstreik traten. „Wir haben die Holzkübel mit dem Essen zurückgeschickt, obwohl wir selbst die dünne Wassersuppe nötig hatten“, berichtet der 91-jährige Harald Knaußt. Aber das brachte nichts. Der Weg auf die Barrikaden wurde unvermeidlich.

Knaußt, der 1946 mit 17 Jahren nach Bautzen kam und dort bis 1955 einsaß, war am Aufstand nicht beteiligt. Doch das „Getrampel“ der Polizeistiefel während der brutalen Niederschlagung habe er immer noch im Ohr. „Es war ganz schauerlich.“

Zwei aus dem Gefängnis geschmuggelte Briefe wurden durch SPD-Chef Herbert Wehner öffentlich verlesen. Britische und niederländische Zeitungen berichteten daraufhin über die Stadt und ihr Gefängnis. Die Empörung verebbte aber bald und in der DDR blieb Bautzen bis zum Ende tabu.

Nach dem Aufstand verbesserten sich Verpflegung und medizinische Versorgung etwas. Gefangenen wurden Kontakte zu Angehörigen erlaubt. Besuche wurden erlaubt und Arbeitsmöglichkeiten geschaffen. Dennoch starben bis 1956 noch Hunderte Häftlinge – oft an Tuberkulose.

Knaußt hat nach 1989 aktiv daran mitgearbeitet, die Erinnerung an die Revolte zu bewahren. 2011 erschien sein Buch „Der vergessene Aufstand“ mit Berichten ehemaliger Inhaftierter. (Katharina Rögner, epd)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare