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In dem Ernst der gegenwärtigen Protestwelle zeigt sich eine revolutionäre Entschlossenheit: Aktivisten der Gruppe Extinction Rebellion zur Fashion Week in London.

Aufstand gegen die Weltordnung

Die Erde muss vor dem Kapitalismus gerettet werden

Fridays for Future, Seenotretter, Frauenbewegungen – sie eint der Aufstand gegen eine Weltordnung, die auf dem Plündern lebendiger Ressourcen basiert. Was ist ihre Vision?

Dieses Gefühl, dass irgendetwas falsch ist an unserer hektischen, plastifizierten Lebensweise kennen viele schon länger. Sogar unter denen, die von ihr profitieren. Nun bestreiken freitäglich Schüler*innen den Unterricht. Extinction-Rebellion-Ortsgruppen treffen sich zu Die-ins, Aktivist*innen von „Ende Gelände“ vollbringen logistische Glanzleistungen wie die Besetzung des Hambacher Forsts und des Garzweiler Kohletagebaus. Am vergangenen Freitag kam es zu der bislang größten weltweit koordinierten Protestaktion der Umweltbewegung. 

Ein Effekt dieser Mobilisierung ist, dass sie dem heimlichen Unbehagen eine vollkommen andere Realität verleiht. Es kann wirklich nicht so weitergehen. Man weiß es nicht nur, man weiß auch, dass es nicht mehr zu leugnen ist. Und derweil nehmen die neuen sozialen und vitalen Bewegungen die Einsicht, dass sich etwas grundlegend ändern muss, bereits zur Handlungsgrundlage.

Klimapolitische Forderung: Autos abschaffen

Aber was muss sich ändern? Zunächst gilt es festzuhalten, dass die Suche nach weitreichenden Utopien nicht den Blick auf naheliegende, offensichtliche Maßnahmen verstellen darf: sofortiger Kohleausstieg, ein vernünftiges Verkehrskonzept zur Ablösung des individuellen Personennahverkehrs (genau: Autos abschaffen!), biologische Landwirtschaft auf 100 Prozent der Anbauflächen. Auch wenn die Große Koalition sich einmal mehr nicht zu diesen Schritten durchringen konnte, wären sie im Bestehenden möglich.

Innerhalb der kapitalistischen Weltordnung mit ihrem globalen Güterverkehr und ihren tödlichen Grenzen greifen diese Reformen aber dennoch zu kurz. Punktuelle Klimaschutzbestimmungen gleichen den Regelungen, die in der frühen Neuzeit die patriarchale Gewalt einschränkten: Ehemänner durften ihre Frauen nach Belieben schlagen, allerdings nicht mit Stöcken, die dicker als ein Daumen waren.

Klimaschutz benötigt revolutionäre Entschlossenheit

Wenn man sich die gegenwärtige Protestwelle genauer anschaut, wird klar, dass es ihr um mehr geht, als nur dem Planeten nicht das Rückgrat zu brechen. In dem Ernst selbst bei euphorischer Demostimmung und in der Radikalität vieler Forderungen zeigt sich eine revolutionäre Entschlossenheit. „System change, not climate change“ steht auf vielen Transparenten. Systemwechsel also. Aber was ist das System und welches andere wäre besser?

Gemeinsam stark: Demo gegen Gewalt an Frauen in Johannesburg.

Die Systemkritik, die geübt wird, richtet sich gegen den Kapitalismus, den sie allerdings auf neue Weise versteht. Die Kritik ist reicher und sensibler geworden. Sie konzentriert sich nicht allein auf den ungebrochenen Skandal, dass die meisten Menschen ihre Zeit verkaufen müssen, um überhaupt leben zu können, und dass eine kleine Klasse Vermögender immer irrsinniger von der ihnen verkauften Zeit profitiert. Karl Marx hat dieses System, in dem, wie er es so schön ausdrückte, „die Dinge über die Menschen herrschen“ sachliche Herrschaft genannt. Wofür man überhaupt seine Zeit verkaufen kann, hängt von dem Marktwert der Dinge ab, weshalb sich sagen lässt, dass sie das Tun der Menschen beherrschen.

Sozialismus hat eine verheerende Ökobilanz

Das Gesetz des Profits bildet jedoch nicht die einzige Quelle der globalen Weltausplünderung, worauf nicht zuletzt die verheerende Ökobilanz des real existierenden Sozialismus hinweist. Neben der Logik der sachlichen Herrschaft haben wir es mit einer weiteren Dynamik zu tun, gegen die sich der derzeitige Widerstand formiert. Die kapitalistische Moderne ist nicht nur dadurch geprägt, dass Dinge, als Waren, über Menschen herrschen. Sie ist auch dadurch gekennzeichnet, dass Menschen auf eine bestimmte Art über Dinge herrschen – und sogar über einander, wenn und wo sie sich gegenseitig zu Dingen degradieren.

Unsere geläufige Vorstellung von Eigentum ist als einzige in der Geschichte gleichbedeutend mit vollkommener Herrschaft. Wenn einem etwas gehört, darf man darüber verfügen wie man will. Natürlich gibt es Einschränkungen, aber sie treten eben als Ausnahmen hinzu. Die Regel ist, dass man mit seinem Eigentum alles machen kann, inklusive des rechtlich gesondert festgeschriebenen Missbrauchsrechts (lateinisch ius abutendi). Deshalb wird das moderne Eigentum auch als „absolute Sachherrschaft“ beschrieben.

Persönlichkeitsanteil von Frauen – ihre Reproduktionsfähigkeit – wird zum Eigentum von Ehemännern

Dieser Begriff der „Sachherrschaft“ lässt sich heranziehen, um die zweite Logik zu identifizieren, die neben der sachlichen Profitorientierung unsere kapitalistische Lebensweise zutiefst prägt. Was der Sachherrschaft unterstellt ist, wird zu verfügbarem Stoff. Das waren in der modernen Geschichte nicht nur unbelebte Ressourcen, nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch menschliche „Objekte“. Den Extremfall stellt die moderne Sklaverei dar, in der die gesamte Person in die Form von Eigentum gezwungen wird. Aber auch patriarchale Geschlechterverhältnisse lassen sich so beschreiben, dass ein Persönlichkeitsanteil von Frauen – ihre Reproduktionsfähigkeit – zum Eigentum von Ehemännern werden konnte.

Die Spuren, die die Sachherrschaft in unseren sozialen und ökologischen Beziehungen hinterlassen hat, sind trotz aller Emanzipationserfolge hinsichtlich des Gebrauchs von Rohrstöcken nach wie vor kenntlich. Die #metoo-Debatte zeigt, wie stark die Erfahrung der willkürlichen Aneigbarkeit die Existenz vieler Frauen* prägt, und dass rassifizierten Menschen ihr Personenstatus allzu leicht abgesprochen werden kann, davon zeugt das Massengrab Mittelmeer.

Von der Warte der Sachherrschaftskritik aus betrachtet ist es kein Zufall, dass die Proteste für das Leben des Planeten ihre Perspektive mit gegenwärtigen Formen feministischer und antirassistischer Mobilisierung teilten. „Black Lives Matter“ und die Seenotrettung, ebenso wie die Frauen*bewegung unter dem Slogan „Ni Una Menos“ (Nicht eine Einzige weniger!) lassen sich allesamt als Aufstand gegen die missbrauchende Verfügung verstehen. Sie demonstrieren den Einwand gegen eine Ordnung, in der lebendige Ressourcen geplündert und für den Gewinn oder die Herrschsucht Einzelner eingespannt werden.

Beharren auf die Rettung der Erde vor dem Kapitalismus

Aus dem Einwand gegen Missbrauch und Tod, so scheint es auf den ersten Blick, folgt wenn überhaupt nur eine sehr bescheidene Utopie. Das bloße Überleben. Steht die Frage nach der Utopie gerade deshalb im Raum, weil die Rebellion gegen die Sachherrschaft aus sich heraus kein Bild der Zukunft gebiert? Was wäre das, der Ausgang aus der sachlichen und der Sachherrschaft zugleich? Tatsächlich zeichnet sich bei näherem Hinsehen jedoch bereits im Beharren auf dem Überleben ein utopischer Horizont ab. Der Anspruch einer überwältigenden Ko-Verantwortung für den Erhalt des Lebens und der Lebensgrundlagen lässt sich in eine Bewegung der Reproduktion übersetzen. Diese Bewegung negiert Profitmaximierung ebenso wie Verfügungsmacht.

Innerhalb der derzeitigen Ordnung ist die Wiederherstellung des Lebens der ständigen Mühsal reproduktiver oder Sorge-Arbeit überlassen. Sie findet in den Zwischenräumen der eigentlichen Wirtschaft und Macht statt. Sie ist oft unbezahlt und unbeachtet. Sie wird statistisch öfter von Frauen als Männern verrichtet, abgewälzt auf die am schlechtesten bezahlten Segmente der globalen Arbeiter*innenschaft, aber zugleich auch immer stärker Aufgabe erschöpfter und angeblich nur sich selbst verantwortlicher Individuen.

Eva von Redecker ist Philosophin und forscht an der Berliner Humboldt-Universität, unter anderem zu den Themen Eigentum und Herrschaft sowie Geschlecht und Sexualität. In ihrem Buch „Praxis und Revolution“ (Campus Verlag, 2018) plädiert sie für ein neues Verständnis von Revolution und sozialem Wandel.

In ihren ausgesprochen sorgsamen Beziehungen untereinander ebenso wie in ihrem Beharren auf die Rettung der Erde vor dem Kapitalismus fordern Aktivist*innen derzeit eine radikale Ausweitung der Sorge. Es ist Reproduktionsarbeit, einen Ertrinkenden zu bergen, Frieden zu schließen, Böden mit Humus anzureichern und Politiker*innen Nachhilfe in Sachen Klimawandel zu geben. Reproduktionsarbeit ist eine utopische Aufwendung von Zeit, direkt gerichtet auf die Bedürfnisse von lebendigen Gegenübern. Reproduktionsarbeit ist auch ein utopischer Bezug auf den Raum: Sie stiftet keine Herrschaft.

Neben die Utopie einer kommenden Zeit, in der man seine Zeit nicht mehr wird verkaufen müssen, tritt die Utopie eines geteilten Raums, in dem es keine Unterordnung mehr gibt. Reproduktion bezieht sich nicht-aneignend auf Objekte und Räume, um sie in ihrer Wiederherstellung zu unterstützen. So lassen sich weder Geschäfte machen noch Imperien verwalten. Aber vielleicht ließe sich so auf diesem Planeten weiterleben.

Von Eva von Redecker

Die Veranstaltung

Der utopische Raum im globalen Frankfurt, der am Wochenende (28.-29.9.) im medico-Haus in Frankfurt eröffnet wird, versteht sich als Ort der Inspiration für emanzipatorisches Denken und Handeln. Mit Vorträgen und Debatten über konkrete Alternativen will er dazu beitragen, den Weg von der Empörung zum Engagement zu finden.

Auf Einladung der Stiftung Medico International und in Kooperation mit dem Institut für Sozialforschung und der Frankfurter Rundschau werden Eva von Redecker, Ilija Trojanow, Ina Hartwig, Harald Welzer, die „Fridays for Future“ Frankfurt, Peter Wagner, ein Ensemble der Jungen Deutschen Philharmonie u. v. a. zu Gast sein.

Dem Auftakt folgen im monatlichen Rhythmus Abendveranstaltungen, die einzelne Zukunftsfragen vertiefen. So wird im Oktober Charlotte Wiedemann über den langen Abschied von der weißen Dominanz sprechen; das interdisziplinäre I.L.A. Kollektiv junger Wissenschaftler*innen und Aktivst*innen den Weg in eine solidarische Lebensweise vorstellen; Barbara Unmüßig vom Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung zusammen mit Christiane Grefe der grünen Ökonomie auf den Grund gehen. Konzepte für Klimagerechtigkeit, für Demokratie jetzt und die Schaffung globaler öffentlicher Institutionen werden Thema sein, ebenso Überlegungen, wie der voranschreitenden Vermessung des Menschen entgegengetreten werden kann. Der Titel von Harald Welzers Vortrag zum Abschluss der ersten Runde im Mai 2020: Am Ende wird alles gut!

Alle Infos zum Auftakt und den nachfolgenden Abendveranstaltungen sowie zur Anmeldung unter: www.stiftung-medico.de

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