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Abtransport. Eine Frau schafft Unterlagen aus einem Wahllokal.

Nigeria

Aufrufe zur Besonnenheit

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In Nigeria ist der Ärger groß über die Verschiebung der Wahl um eine Woche.

Paul Emurotu ist der Ärger ins Gesicht geschrieben. „Das ist wirklich die Höhe“, schimpft der junge Nigerianer, der am Freitag die 450 Kilometer lange Reise von der Hafenstadt Lagos in seine Heimatstadt Warri im Nigerdelta zurückgelegt hatte, um am Samstag seine Stimme abgeben zu können. Doch als er sich am frühen Samstagmorgen zum Wahllokal begab, fand er dieses verschlossen. Mitten in der Nacht, knapp fünf Stunden vor der geplanten Öffnung, hatte die nigerianische Wahlkommission bekanntgegeben, dass der Urnengang verschoben werden müsse. „Das haben die doch nur gemacht, weil sie die Wahlen fälschen wollen“, zeigt sich ein verhinderter erzürnter Wähler in Lagos überzeugt.

Die Verschiebung von Abstimmungsterminen hat in Afrikas bevölkerungsreichstem Staat schon Tradition: Auch die beiden vorangegangenen Wahlen im Jahr 2011 und 2015 hatten hinausgeschoben werden müssen. Noch nie wurde diese Entscheidung allerdings nur wenige Stunden vor dem tatsächlichen Termin bekanntgegeben: Millionen von Wählern hatten sich bereits auf teilweise Hunderte von Kilometern lange Reisen begeben, um am Ort ihrer Registrierung die Stimme abgeben zu können. Sie müssen jetzt entweder eine Woche lang warten oder die Reise ein zweites Mal antreten: Vermutlich werden viele von ihnen unter diesen Umständen auf die Stimmabgabe ganz verzichten. „Genau das haben die gewollt“, schimpft eine frustrierte Wählerin in der nordnigerianischen Metropole Kano.

Immer wieder hatte die Wahlkommission in den vergangenen Wochen versichert, dass die Vorbereitungen für den Urnengang planmäßig voranschritten: Bis Kommissionschef Mahmood Yakubu plötzlich am frühen Samstagmorgen um drei Uhr Ortszeit Journalisten zu einer eiligen Pressekonferenz zusammentrommelte, um den fast 200 Millionen Nigerianern die angeblich notwendige Verschiebung mitzuteilen. „Unsere Entscheidung hat nichts mit politischem Einfluss zu tun“, versicherte Yakubu: „Wir mussten es tun, um einen freien, fairen und glaubwürdigen Urnengang zu garantieren.“

Was den Aufschub genau erzwungen hatte, gab der Kommissionschef zunächst nicht bekannt – später wurde mal das schlechte Wetter und die Sandstürme verantwortlich gemacht, welche die Auslieferung der Wahlunterlagen per Flugzeug verzögert hätten, mal die Brandanschläge auf drei Lagerhallen mit Wahlmaterialien oder die insgesamt 640 rechtlichen Einsprüche gegen einzelne Kandidaten.

Als gewichtigster Grund gelten jedoch logistische Probleme: In zahlreichen Landesteilen, selbst in der Wirtschaftsmetropole Lagos, waren am Samstag tatsächlich noch keine Wahlzettel eingetroffen.

Die beiden Favoriten der Wahl – der amtierende Präsident Muhammadu Buhari und sein Herausforderer Atiku Abubakar – beschuldigten sich gegenseitig für die Panne: Die Regierung suche die Bevölkerung zu gewalttätigen Reaktionen zu provozieren, um anschließend drakonische Maßnahmen zu ergreifen, sagte Abubakar. Sowohl die Regierungspartei APC als auch die oppositionelle People’s Democratic Party (PDP) riefen ihre Anhänger allerdings zur Besonnenheit auf und wurden dabei von internationalen Organisationen wie der Afrikanischen Union und den Vereinten Nationen unterstützt.

Die Verschiebung des Urnengangs ist mit erheblichen wirtschaftlichen Kosten verbunden. An Wahltagen ist in Nigeria der Verkehr von Privatfahrzeugen verboten, das öffentliche Leben kommt deshalb praktisch zum Stillstand, Geschäfte und Restaurants bleiben geschlossen.

Noch steht auch nicht fest, ob die Organisatoren der Abstimmung am kommenden Samstag tatsächlich fertig sein werden: Denn nun müssen die 180.000 elektronischen Kartenlesegeräte auf den neuen Wahltermin umprogrammiert werden: Ein Aufwand, der Tage in Anspruch nehmen wird.

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