IS-Terror

Aufruf zu mehr Hilfe für Jesidinnen

Ehemaliger Leiter des Schutzprogramms für Opfer des IS-Terrors appelliert an Berlin

Der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume ruft zur Aufnahme weiterer Jesidinnen aus dem Nordirak in Deutschland auf. Nach dem Beschluss einer Resolution im UN-Sicherheitsrat zum Schutz von Frauen in Konfliktregionen hoffe er, dass die Bundesregierung noch einmal bereit sei, Frauen und Kinder aufzunehmen, die sexuelle Gewalt erlitten haben, sagte Blume. Die Resolution der Vereinten Nationen (Nummer 2467), die Deutschland erarbeitet und eingebracht hatte, wurde in abgeschwächter Form am Dienstag verabschiedet.

Michael Blume hatte bis Mitte 2016 eine Projektgruppe geleitet, die rund 1100 besonders schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak nach Deutschland geholt hat. Er mahnte nun, dass in irakischen Flüchtlingscamps nach wir vor viele hundert Frauen lebten, die Hilfe benötigten. Blume ist auch Leiter des Referats Nordirak im Staatsministerium in Stuttgart. Bei den betroffenen Frauen im Irak handele es sich um absolute Notfälle, denen man vor Ort nicht helfen könne.

Der überwiegende Teil von Jesidinnen, die nach Deutschland kamen, wurde in Baden-Württemberg untergebracht. Unter ihnen war auch Nadia Murad, die selbst von Kämpfern der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) versklavt und vergewaltigt worden war. Für ihren couragierten Kampf um die Rechte der Frauen ist sie mit dem Friedensnobelpreis geehrt worden. Murad war am Dienstag Rednerin im UN-Sicherheitsrat in New York, als dort auf Initiative Deutschlands die Resolution gegen sexualisierte Gewalt in Konflikten angenommen wurde. Ziel der Resolution ist es, Strukturen zu schaffen, um Täter besser verfolgen und Opfer besser schützen zu können.

Der Religionswissenschaftler Blume betonte: „Wenn ein Bundesland es alleine geschafft hat, tausend Menschen aufzunehmen, dann sollte doch ganz Deutschland in der Lage sein, noch einmal tausend zu retten.“ Baden-Württemberg biete an, die eigenen Erfahrungen, Kompetenzen und Kontakte auch anderen Behörden zur Verfügung zu stellen. Vielen Opfern helfe bereits ein Ortswechsel. So habe es im Irak viele Suizide gegeben, unter den in Deutschland aufgenommenen Jesiden keinen einzigen.

Viele der Frauen hätten inzwischen den Führerschein gemacht und arbeiteten. Auch sagten sie vor den Strafverfolgungsbehörden gegen IS-Täter aus. „Sie sind unsere Verbündeten gegen Extremismus und sexualisierte Gewalt“, sagte Blume.

Dass Deutschland für den Schutz der Jesidinnen mehr tun könnte, betont auch die Grünen-Chefin Annalena Baerbock, sie forderte nach der UN-Resolution ein Programm des Bundes zur Aufnahme der jesidischen Frauen. „Die Bundesregierung sollte ein Bundeskontingent für die Aufnahme von Jesidinnen und ihren engsten Angehörigen schaffen. Damit könnte sie ein klares Zeichen setzen.“ (epd/dpa)

Verfolgte Minderheit

Die Jesiden gehören zur Volksgruppe der Kurden. Sie bilden eine eigene Religionsgemeinschaft. Das Jesidentum ist eine monotheistische Religion, deren Wurzeln bis 2000 Jahre vor Christus zurückreichen. Sie nahm Glaubenselemente, Riten und Gebräuche westiranischer und altmesopotamischer Religionen sowie von Juden, Christen und Muslimen auf.

Jeside wird man ausschließlich durch Geburt, beide Elternteile müssen der Religionsgemeinschaft angehören. Niemand kann übertreten oder bekehrt werden. Bei Ehen mit Nicht-Jesiden verlieren Gläubige ihre Religionszugehörigkeit. Weltweit bekennen sich mindestens 800 000 Menschen zum jesidischen Glauben. Die Heimat der meisten Jesiden ist der Nordirak. Dort befindet sich nördlich der Millionenstadt Mossul auch ihr religiöses Heiligtum, Lalisch.

Die brutale Gewalt der sunnitischen Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) gegen Jesiden im Nordirak löste 2014 weltweit Entsetzen aus. Tausende flohen in die kurdischen Autonomiegebiete und in die Türkei.

In vielen ihrer Herkunftsländer werden die Jesiden nach Angaben von Menschenrechtlern verfolgt und diskriminiert. Viele Muslime sehen die Gemeinschaft als Sekte und die Mitglieder als „Teufelsanbeter“ an, weil in der jesidischen Religion der „Engel Pfau“ (Melek Taus) eine bedeutende Rolle spielt. Er wird im Koran als gefallener Engel bezeichnet. (epd)

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