Pläne für eine wasserstoffbetriebene Verkehrswende gibt es schon seit Jahren. Ohne die Technik dürften die Klimaziele nicht erreichbar sein.
+
Pläne für eine wasserstoffbetriebene Verkehrswende gibt es schon seit Jahren. Ohne die Technik dürften die Klimaziele nicht erreichbar sein.

Wasserstoff

Hype oder Hoffnung?

  • vonMatthias Koch
    schließen

Lange wurde die Wasserstoff-Technologie als teure Utopie abgetan – nun sehen die Wirtschaft und viele Staaten sie als große Chance.

Peter Sponholz ist guter Dinge: „Wenn das alles so weitergeht“, sagt der Technikchef bei Apex Energy in Rostock-Laage, „tanze ich bald vor Freude um den Tisch.“

Eigentlich ist dies keine Gegend der großen Gefühlsausbrüche. Rund um den Hightech-Komplex der Firma Apex dehnen sich Wiesen und Felder. Und eine halbe Autostunde nördlich blinkt die Ostsee. Nüchterner und norddeutscher geht es nicht. Drinnen aber geschieht Aufregendes, man kann sagen: Historisches.

Sponholz und sein Team haben in den vergangenen Jahren eine komplette kleine Fabrik für sogenannten grünen Wasserstoff aufgebaut. Die Anlagen laufen schon im Probebetrieb. Interessenten, die selbst eine Wasserstoffanlage bauen oder kaufen wollen, können sich hier vorführen lassen, worauf es ankommt: Wie funktioniert die Elektrolyse, bei der Wasser aufgespalten wird in Wasserstoff und Sauerstoff? Und wie wird dann der Wasserstoff gespeichert? Der Clou: Die Anlage nutzt für die teure Elektrolyse überschüssigen Strom aus Wind- und Solaranlagen, für den oft niemand Verwendung hat. „Ohne alternative Energien wäre es ja kein grüner Wasserstoff“, sagt Sponholz.

Möglichst bald, wohl noch im Sommer, will Apex die Fabrik offiziell eröffnen. Politiker werden erscheinen, die Medien melden Interesse an, Entwürfe für Pressemitteilungen werden schon geschrieben. Sponholz ist begeistert: Seit 20 Jahren schon, anfangs nur in einer Garage, hantiert seine Firma mit alternativen Energien und Wasserstoff.Aber nie war das Thema so angesagt wie in diesen Tagen.

Die Kulisse wandelt sich gerade, quer durch Deutschland und Europa. In Berlin beschloss das Kabinett am Mittwoch eine Wasserstoffstrategie, unterfüttert mit Fördergeldern in Höhe von neun Milliarden Euro – das ist mehr, als die Branche erwartet hatte. In Brüssel hantiert die EU-Kommission mit ähnlichen Plänen, man tippt auf einen zweistelligen Milliardenbetrag, der wohl am 24. Juni verkündet wird.

An den Aktienmärkten zieht das W-Wort mittlerweile weltweit alle Werte hoch, die auch nur entfernt mit der Technik in Verbindung gebracht werden. Der Börsenwert des US-Unternehmens Nikola, das wasserstoffbetriebene Lastwagen auf den Markt bringen will, stieg in dieser Woche an einem einzigen Tag um 103 Prozent, von 13 auf 26 Milliarden Dollar. Damit ist Nikola jetzt mehr wert als Ford oder Fiat – ohne bislang auch nur einen einzigen Lkw gebaut zu haben.

Was ist da im Gang? Ist Wasserstoff nur ein neuer Hype – oder eine ernst zu nehmende neue Hoffnung? Seit Jahrzehnten wabern die Debatten zwischen den Extremen hin und her. Mal traten Visionäre auf die Bühne und skizzierten Erlösungsszenarien, als könne das geruchlose Gas die Menschheit von allem Übel befreien. Dann erhoben sich wieder die Skeptiker, kopfschüttelnd und mit wegwerfender Geste: alles viel zu teuer und nicht praktikabel.

Der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin („Die H2-Revolution“) schrieb schon im Jahr 2002, nun sei das Zeitalter der Wasserstoffwirtschaft gekommen, einer wunderbaren neuen Ära, in der es umweltfreundlicher zugehen werde als je zuvor.

Doch die Realitäten folgten Rifkins Theorien nicht, am wenigsten in den USA. Stattdessen ließ Donald Trump, in trotziger Verachtung weltweiter Klimaziele, zuletzt gleich reihenweise uralte Kohlegruben wieder aufschließen.

Inzwischen allerdings, mit zwei Jahrzehnten Verspätung, sehen viele nun doch einen Wendepunkt gekommen. Politische Treiber sitzen derzeit in Europa, in China, Japan, Südkorea und Australien. In Deutschland und Europa kommen derzeit drei für die Wasserstoffwirtschaft günstige Faktoren zusammen.

Erstens: Das nötige Geld ist plötzlich da. Kanzlerin Angela Merkel, als Physikerin immer schon technikbegeistert, ließ im Berliner Konjunkturpaket mal eben neun Milliarden Euro allein für die Förderung von Wasserstoff festschreiben – eine Summe, um die sie unter normalen Umständen lange mit dem Parlament hätte ringen müssen.

Zweitens streben Europas Politiker eine neue Eigenständigkeit für den Kontinent an. Eine Unterbrechung von Versorgungsketten, sei es durch Viruskrisen oder zwischenstaatliche Konflikte, soll den Europäern in Zukunft nicht mehr so schaden wie heute. „Es geht um Resilienz“, heißt es dezent in der Umgebung von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Hinter vorgehaltener Hand wird im Klartext hinzugefügt: Langfristig soll Russland die Europäer wegen ihrer Gasabhängigkeit nicht mehr erpressen können – und auch auf die Amerikaner und ihre Bereitschaft, Ölrouten durch Militäreinsätze offen zu halten, soll es in den kommenden Jahrzehnten möglichst nicht mehr so sehr ankommen.

Eine vielversprechende geopolitische Perspektive liegt, das ist der dritte Faktor, in der Einbeziehung der Afrikaner. Die Europäer wollen ihnen per Wasserstoffwirtschaft neue Einkünfte verschaffen. Gigantische Solarfarmen könnten Wasserstoff produzieren – und sich als „Gelddruckmaschinen“ erweisen, wie der Wasserstoffexperte Robert Schlögl von der Max-Planck-Gesellschaft sagt.

In Deutschland selbst könnte ausnahmsweise mal für den Norden mehr drin liegen als für den Süden. „Wasserstoff ist das neue Öl“, sagt Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann – und entwirft schon Pläne sowohl für dessen Umschlag als auch für die Produktion, etwa rund um den Tiefwasserhafen Wilhelmshaven. „Wir haben im Norden alles, was man braucht“, sagt Althusmann. „Industrie, Forschung und viel Wind.“

Noch allerdings haben, Stand Juni 2020, die Skeptiker recht. Grüner Wasserstoff ist bislang viel zu teuer, vor allem wegen des hohen Energieaufwands bei seiner Erzeugung. Doch in dieser Rechnung verändern sich gerade die Variablen. Die alternativen Energien werden effizienter. Zugleich entwickeln Techniker immer neue Verfahren, die sowohl die Elektrolyse als auch das spätere Speichern des Wasserstoffs simpler und billiger machen. Und es sind nicht mehr nur irgendwelche Tüftler in Garagenfirmen, die etwas ausprobieren.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU).

Neuerdings bewegt sich in der Branche mitunter in wenigen Tagen mehr als früher in ganzen Jahren. Allein in dieser Woche verblüffte die Wasserstoffszene den Rest der durch die Corona-Krise getrübten deutschen Wirtschaft durch einen ganzen Stapel guter Nachrichten.

Thyssenkrupp, Deutschlands größter Stahlkonzern, teilte am Montag mit, man werde schon in diesem Jahr die Produktion von grünem Wasserstoff deutlich hochfahren. Alstom, ein französischer Bahnhersteller mit Produktionsstätten in Salzgitter, unterzeichnete soeben einen Vertrag zur Lieferung von wasserstoffbetriebenen Zügen nach Italien. Bereits seit 2018 pendelt der erste Wasserstoffzug der Welt von Alstom zwischen Cuxhaven und Buxtehude. Hydrogenious LOHC, ein Start-up aus Erlangen, hat mit Hyundai einen neuen Investor; die Südkoreaner spekulieren auf in Erlangen entwickelte Speichermethoden für Wasserstoff.

Technologisch liegen die Deutschen derzeit weltweit vorn. Doch die Konkurrenz, China vorneweg, schläft nicht. Manche Standorte, die sich eben noch benachteiligt sahen, nehmen schon Maß für den Bau riesiger Wind- oder Solaranlagen.

Es ist, als würden gerade global die Karten neu verteilt. „Die besten Potenziale haben Weltgegenden, in denen kaum jemand wohnt“, schreibt Timm Koch in seinem Buch „Das Supermolekül: Wie wir mit Wasserstoff die Zukunft erobern“. Die Sahara, der mittlere Westen der USA und Somalia am Horn von Afrika könnten für Investoren plötzlich ungeahnte neue Reize entfalten.

Die entstehende neue Energiewelt scheint weniger grimmig zu sein als die alte. Grüne denken jetzt industrieller und Industrielle denken grüner. Man arbeitet vernetzt, Nationalitäten sind egal. Beim produktiven Austausch von Know-how würden Grenzen nur stören. Vielleicht behalten jene recht, die schon lange predigen, die Wasserstoffwirtschaft werde die Welt auf wundersame Art auch friedlicher und gerechter machen. Dann wäre, was in diesen Tagen angeschoben wird, viel mehr als nur eine Investition in einen neuen Energieträger.

Beschlüsse

Der Bund hat schon viele Hundert Millionen Euro in die Forschung zum Wasserstoff gesteckt, weitere, milliardenschwere Förderprogramme laufen. Im Konjunkturpaket gegen die Corona-Krise sind weitere sieben Milliarden Euro für den Markthochlauf von Wasserstofftechnologien vorgesehen und zwei Milliarden für internationale Partnerschaften. Bis 2030 sollen in Deutschland Erzeugungsanlagen von bis zu fünf Gigawatt Gesamtleistung entstehen, heißt es in der Strategie, samt der dafür notwendigen zusätzlichen Ökostrom-Anlagen, vor allem Windräder auf See. Die SPD, aber auch das CDU-geführte Forschungsministerium wollten doppelt so viel Kapazität. Das soll etwa ein Siebtel des erwarteten Bedarfs decken. Der Rest muss importiert werden. Bis 2030 sieht die Bundesregierung einen Wasserstoffbedarf von ca. 90 bis 110 Terrawattstunden.

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) unterzeichnete am Mittwoch eine Vereinbarung mit der marokkanischen Regierung zum Aufbau einer ersten Produktionsanlage für Wasserstoff im nordafrikanischen Land. Ein Nationaler Wasserstoffrat soll die Politik in Zukunft beraten, zudem soll es einen Innovationsbeauftragten beim Bund geben. Ziel ist es, neben den Investitionen auch einen Markt für Wasserstoff zu schaffen, damit Unternehmen überhaupt im großen Stil auf Wasserstoff-Produktion setzen. (dpa/jjm)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare