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Aufklärung, aber nicht zu viel

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Messdiener wurden in der katholischen Kirche besonders häufig zu Missbrauchsopfern.
Messdiener wurden in der katholischen Kirche besonders häufig zu Missbrauchsopfern. © imago stock

Worüber Kriminologe Pfeiffer und die Kirche streiten: Die Bischöfe haben die Studie über sexuellen Missbrauch in der Kirche gestoppt. Der Klerus wünschte Aufklärung nach selbst bestimmten Regeln - doch die Forscher wollten sich darauf nicht einlassen.

Von Dirk Pilz

Es wurde ein Vertrag gekündigt. Das klingt harmlos. Aber die Hintergründe und Folgen sind weitreichender als es auf den flüchtigen Blick scheinen mag.Im Juli 2011 hatte der Verband der Diözesen Deutschland (VDD) und das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) einen Vertrag über die wissenschaftliche Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der Katholischen Kirche seit 1945 geschlossen. Diesem Vertrag hatten alle 27 Diözesen auf einer Bischofskonferenz per Handzeichen zugestimmt. Akten aller Diözesen sollten danach auf Missbrauchsfälle untersucht und sämtliche Opfer schriftlich befragt werden.

Nach dem Missbrauchsskandal von 2010 wollte die Katholische Kirche ein Zeichen für ihren Willen zur Aufklärung setzen. Das KFN sollte die „Längsschnittentwicklung des sexuellen Missbrauchs“ untersuchen, allerdings begrenzt auf „Tiefenbohrungen“ in den Kirchenarchiven von neun Diözesen. Laut Vertrag, der der Berliner Zeitung vorliegt, stellte der VDD dem KFN eine Forschungsförderung in Höhe von 450?000 Euro zur Verfügung.

Zerrüttetes Vertrauensverhältnis

Jetzt hat die Deutsche Bischofskonferenz den Vertrag mit dem KFN „aus wichtigem Grund mit sofortiger Wirkung“ gekündigt, wie es in einer Stellungnahme heißt. Das Vertrauensverhältnis zwischen dem Direktor des KFN, Christian Pfeiffer, und den deutschen Bischöfen sei zerrüttet, Vertrauen aber für ein so umfangreiches und sensibles Projekt unverzichtbar, sagte Bischof Stephan Ackermann, Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen sexuellen Missbrauchs.

Dass dieses Forschungsprojekt eine vertrauensvolle Zusammenarbeit erfordert, hatten beide Parteien in der Vertragspräambel eigens festgehalten. Sie verpflichteten sich, diese nach besten Kräften zu fördern, insbesondere durch regelmäßigen Informationsaustausch. Das Kommunikationsverhalten Pfeiffers gegenüber den kirchlichen Verantwortungsträgern habe aber eine konstruktive Zusammenarbeit unmöglich gemacht, heißt es nun von der Bischofskonferenz. Man wolle einen neuen Partner finden, mit dem das Forschungsprojekt aufgegriffen werde. Christian Pfeiffer kündigte seinerseits an, eine eigene Untersuchung zu kirchlichem Missbrauch zu erstellen.

Zuvor hatte er in der Süddeutschen Zeitung schwere Vorwürfe erhoben. Das Projekt sei an den Zensur- und Kontrollwünschen der Kirche gescheitert. Anders als ursprünglich vereinbart, habe die Kirche darauf beharrt, über die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse sowie über die Auswahl der beteiligten Mitarbeiter mitbestimmen zu dürfen. Nach der anfänglich guten Zusammenarbeit habe es Widerstände ausgehend von der Diözese München und Freising gegeben, ergänzte Pfeiffer im Morgenmagazin von ARD und ZDF am Donnerstag. Ein Sprecher des Erzbistums wies die Vorwürfe Pfeiffers entschieden zurück. Von Zensurwünschen könne keine Rede sein.

Diese beiden Diözesen hatten allerdings bereits Ende 2011 deutlich gemacht, dass sie an dem Forschungsvorhaben nur dann mitwirken wollen, wenn der Kirche mehr Kontrollrechte eingeräumt werden. Anfang Mai 2012 schloss sich der VDD dieser Position an und forderte, dass die im Rahmen des Forschungsprojekts entstehenden Texte vor der Veröffentlichung von der Kirche genehmigt werden müssten. Diesen Vorschlag wies das KFN zurück. Daraufhin habe der VDD in einem weiteren neuen Vertragsentwurf die Zensurforderung abgeschwächt, wie das KFN erklärte.

Kontrolle der Forscher

Allerdings bestand die Kirche weiterhin darauf, bei der Auswahl wissenschaftlicher Mitarbeiter ein Mitspracherecht zu haben. Solche Regelungen sind aus Sicht des KFN mit der Freiheit wissenschaftlicher Forschung nicht vereinbar. Einige hätten offenkundig nicht gewollt, sagt Pfeiffer, dass Missbrauchsfälle aufgeklärt werden, weil sie eine Beschädigung der Kirche fürchteten. Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger stellte sich am Donnerstag hinter das KFN. Es sei ein notwendiger und überfälliger Schritt, dass die katholische Kirche kirchenfremden Fachleuten Zugang zu den Archiven ermögliche, sagte sie der Süddeutschen Zeitung.

Der Vertrag sieht hierfür klare Regelungen vor. Demnach müssen dem KFN alle Verfahrensakten vollständig zur Verfügung gestellt werden. Verschiedene Diözesen hatten jedoch unter Berufung auf eine kirchenrechtliche Vorschrift Akten geschreddert, weil diese sie verpflichtet, Akten zehn Jahre nach einer innerkirchlichen Verurteilung zu vernichten. Für das KFN steht dies „in krassem Widerspruch zu den Interessen der Opfer, der Öffentlichkeit und der Wissenschaft“. Der KFN wirft dem VDD vor, über diese Vorschrift nicht informiert zu haben. Im Oktober 2012 hat das KFN deshalb alle Diözesen angefragt, ob es zu Vernichtungen gekommen ist. Darauf habe Pfeiffer die Antwort erhalten, „dass allein diese Anfrage das Vertrauen nachhaltig zerstört“.

Genau hier liegt das Problem des Missbrauchsskandals: Während das KFN die Interessen der Opfer und Wissenschaft vertritt, will (und muss) die Kirche ihre geweihten Priester schützen: Sie verteidigt das Sakrament der Weihe und ihr Amtsverständnis. Aus katholischer Sicht ist dies unveräußerlich – und steht einer nachhaltigen Aufklärung der Missbrauchsskandale im Weg.

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