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Ein aufgegebener Schützenpanzer dient Kindern als Klettergerät.
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Ein aufgegebener Schützenpanzer dient Kindern als Klettergerät.

Tigray

Aufgetürmte Steine und Kalaschnikows

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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In Äthiopiens nördlichster Provinz Tigray herrscht angeblich seit Monaten schon Frieden. Tatsächlich kämpfen lokale Milizen ziemlich erfolgreich gegen das Militär aus Addis Abeba und seine Verbündeten aus Eritrea. Eine Reportage und Bilder von Johannes Dieterich

Konflikte in Afrika geraten leicht in Vergessenheit – zu leicht. Am Wochenende rückten kurz Äthiopien und seine umkämpfte Nord-Provinz Tigray wieder ins Rampenlicht: Der Tod dreier Angehöriger der Hilfsorganisation „Médecins sans Frontières“ (Ärzte ohne Grenzen) wurde gemeldet. Wer sie getötet hat? Regierungstruppen, eritreische Invasoren, die Tigray Defence Force? Jeder und niemand. Kaum wer redet davon, dass mit den Dreien auch sechs Binnenflüchtlinge starben. Verlässliche Informationen aus Tigray sind Mangelware. Unser Reporter war dort.

Was wir hier eigentlich wollten, fragt der äthiopische Soldat, der die Straßensperre am Stadtrand von Mekelle, der Hauptstadt der Tigray-Provinz, bewacht. Die Frage ist aus seiner Sicht durchaus berechtigt: Für seine Befehlsgeber, die Regierung in Addis Abeba, gibt es aus dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Landesteil eigentlich nichts zu berichten. Die „Strafverfolgungsaktion“, zu der Premierminister Abiy Ahmed seine Truppen im vergangenen November in die Provinz entsandte, erklärte der Regierungschef bereits vier Wochen später für erfolgreich beendet. Seitdem seien die Soldaten nur noch mit „Aufräumarbeiten“ beschäftigt. Schon bald würden auch die eritreischen Truppen nach Hause zurückkehren, die zur Unterstützung der Aktion ins Land gelassen wurden. Deren Präsenz in Tigray hatte Abiy zunächst monatelang bestritten. Auch die Warnrufe der Vereinten Nationen, wonach sich in der Provinz eine Hungersnot anbahnt, tut der 44-jährige Premierminister als Falschmeldungen ab: „In Tigray hungert keiner“, sagte Abiy kürzlich der BBC.

Sind die Berichte aus der äthiopischen Bürgerkriegsprovinz tatsächlich maßlos übertrieben – oder leidet Friedensnobelpreisträger Abiy unter akuter Wirklichkeitsverkennung? Zum Realitäts-check wählen wir den Weg von Mekelle in Richtung Westen ins Hinterland nach Abiy Addi. Die makellos geteerte Straße gilt als sicher – wie fast alle Verbindungen zwischen den Städten der Provinz, die entweder vom äthiopischen oder vom eritreischen Militär kontrolliert werden. Der Soldat der ersten von mehr als 20 Straßensperren, die wir auf unserer zweitägigen Rundreise durch Tigray passieren werden, hat gegen unsere Weiterfahrt auch nichts Entscheidendes einzuwenden: Warum sie nichts Besseres zu tun hätten, als ausländische Journalisten durch die Gegend zu kutschieren, will er von unseren beiden einheimischen Begleitern, dem Fahrer und Übersetzer, lediglich noch wissen.

Wenige Kilometer später taucht am Wegrand der erste ausgebrannte Panzer auf, ihm werden auf unserem Weg durch die Provinz noch Dutzende weitere folgen. Fast ausnahmslos äthiopische Tanks, die sich die Volksbefreiungsfront Tigrays (TPLF) gleich zu Beginn des Konflikts aus den Beständen des „Northern Command“ unter den Nagel riss. Womit die TPLF-Soldaten nicht gerechnet hatten: Dass sich Addis Abeba die Unterstützung der Vereinigten Arabischen Emirate und deren Kampfdrohnen sicherte. Die verwandelten den Beutepanzer-Park innerhalb weniger Tage in Altmetall. Die aufständische Provinzführung sah sich zu radikalem Umdenken gezwungen: Sie gab die herkömmliche Kriegsführung auf und zog Ihre Kräfte zum Guerillakampf in die spektakuläre Bergwelt Tigrays zurück.

Soeben haben wir einen der zahllosen atemberaubenden Pässe des bergigen Landes passiert, als neben der Straße ein Grüppchen junger Männer mit umgehängten Kalaschnikows auftaucht. Einige sind damit beschäftigt, kleine Wälle aus Steinen aufzuschichten, um sich dahinter verstecken zu können: Hier wird offensichtlich ein Hinterhalt vorbereitet. „TDF“, sagt unser Fahrer, weniger erschreckt als ehrfurchtsvoll.

Als Kommandeur der Gruppe gibt sich ein untersetzter Mittvierziger mit ergrauten Haaren zu erkennen. Der wohlbeleibte Herr stellt sich als ehemals Geschäftsmann in Addis Abeba vor, dem die Regierung seine Konten sperrte, weil er aus Tigray stammt. Daraufhin kehrte er in die Heimat zurück und schloss sich den Rebellen an. Sollte Abiy Ahmed damit gerechnet haben, dass Tigrays Bevölkerung die angeblich nur gegen die Provinzführung gerichtete Strafverfolgungsaktion geduldig über sich ergehen lassen würde, sah er sich bald eines Besseren belehrt: Mit jedem weiteren blutigen Besatzungstag strömten der inzwischen in „Tigrays Verteidigungsarmee“ (Tigray Defence Force, TDF) umbenannten Rebellentruppe Hunderte neuer Rekruten zu: Farmersöhne, Taxifahrer, auch Hochschullehrer. Mit ihrer „Terrorherrschaft“ hätten die Feinde dafür gesorgt, „dass wir keinerlei Nachwuchsprobleme haben“, sagt der Kommandant.

Eine Geistersiedlung zwischen Abiy Addi und Adua.

Ihr Guerillakampf sei dermaßen erfolgreich, dass sie ihre Strategie jetzt erneut ändern könnten, fügt der Offizier in Jeans und kariertem Hemd hinzu: „Während wir uns bisher nach jedem Angriff schnell wieder zurückzogen, suchen wir inzwischen Gebiete zu halten.“ Schon in wenigen Tagen werde ihnen Abiy Addi in die Hände fallen, ist sich der Geschäftsmann sicher: „Aber jetzt müsst Ihr gehen, denn die Äthiopier werden bald kommen.“

Tatsächlich kommt uns auf der Weiterfahrt nach Abiy Addi schon bald ein aus 19 Lastwagen bestehender Konvoi der äthiopischen Armee entgegen. Auf der Ladefläche der Laster stehen jeweils rund 30 Soldaten: Sie rumpeln jetzt ihrem Verhängnis entgegen. Als wir später umkehren, um zu sehen, was passiert ist, kommen wir nicht weit: Die hinteren beiden Laster des Konvois blockieren die Straße – Schüsse und Pulverdampf machen deutlich, dass der Kampf noch anhält. Einzelheiten werden wir erst Tage später erfahren.

Abiy Addi hat seit Tagen keinen Mobilfunkempfang, die Armee schaltet immer wieder das Netz ab. Der einheimische Koordinator einer internationalen Hilfsorganisation erzählt, dass er während des Besuchs einer vom Hunger heimgesuchten Region samt seinem Team von äthiopischen Soldaten festgenommen, verprügelt und mit dem Tod bedroht worden sei. „Die Militärs wollen bestimmen, wer Hilfe kriegt und wer nicht“, sagt der ehemalige Universitätsdozent: „Wir haben die Nahrungsmittel, werden aber an ihrer Verteilung gehindert.“ Mehr als ein Drittel der Kinder in der Region um Abiy Addi sei unterernährt: Die schlimmsten Fälle werden bereits in der Klinik behandelt. Weil ohne Mobilfunk keine Ambulanzen benachrichtigt werden können, schaffen es allerdings nur wenige ins Hospital.

Krisenregion Tigray

Auf demselben Weg nach Mekelle zurückzukehren, geht nicht: Dort wird noch immer gekämpft. Auch die Straße über Howzen ist inzwischen gesperrt: TDF und äthiopische Armee sind hier ebenfalls in Kämpfe verwickelt. Offen bleibt lediglich die Route über Adua und Adigrat: Ein 300 Kilometer langer Umweg durch das Herz der terrorisierten Provinz. Diese Route hatte uns Maria Hernandez, Nothilfekoordinatorin der spanischen „Ärzte ohne Grenzen“, vorgeschlagen: Sie wird wenige Tage später gemeinsam mit ihrem Mitarbeiter und Fahrer ermordet. Wer für die absurde Tat verantwortlich ist, bleibt vorerst ungeklärt.

Die Straße nach Adua wird von eritreischen Soldaten kontrolliert: Sie suchen ihre umstrittene Anwesenheit schon längst nicht mehr zu vertuschen. Wie die einstigen Sieger, die nach Jahrzehnten die Äthiopier hatten vertreiben können, sehen sie nicht aus: Junge Kerle oder alte Kämpen – die mittlere Generation soll fast komplett nach Europa geflohen sein. Dass es Eritreer sind, die diese Gegend kontrollieren, wäre auch ohne die helleren Uniformen der Besatzer auszumachen: Hier ist fast die gesamte Bevölkerung geflohen, die Türen der Häuser sind aufgebrochen, innen gähnende Leere. Die Eritreer gehen mit der Zivilbevölkerung besonders gnadenlos vor, wie wir später in Mekelles Hayder-Hospital erfahren: Sie machen sich selbst über vierjährige Kinder mit ihren Messern her, vergewaltigen junge Mädchen wie auch betagte Frauen, nur um ein Maximum an Terror über den historischen Erzfeind zu bringen. Vor mehr als 20 Jahren haben Eritreer und Tigray, die derselben Volksgruppe angehören und dieselbe Sprache sprechen, schon einmal einen grausamen Bruderkrieg geführt – damals ging es um den Grenzverlauf in einem Halbwüstengebiet.

Ein Milizionär der Tigray Defence Force.

Als wir anderntags von Adigrat aus einen Abstecher in Richtung eritreische Grenze machen, liegt die Straße wie ausgestorben da. Nur am Ortseingang von Fatsi steht ein einsamer greiser Mann, der sich als Alemu Gebremariam vorstellt. Er betrieb eine kleine Herberge, eine Bar und ein Lädchen, die von den Invasoren zertrümmert wurden. Die Besatzer hätten sich fest eingenistet, erzählt der 59-Jährige: Sie schlugen ihr Camp in der Schule auf und installierten einen eigenen Administrator. Dass die „Armee der Bestien“ die Provinz bald wieder verlässt, wie Regierungschef Abiy bereits mehrfach versichert hat, hält Alemu für ausgeschlossen: „Ohne Eritreer würden wir die äthiopische Armee im Handumdrehen verjagen.“

Auf der Straße von Abiy Addi nach Adua überholen wir einen Lastwagen, der mit Stühlen, Tischen, Planken und selbst Plastikkanistern beladenen ist: Beutegut der eritreischen Soldaten, das sie in ihre Heimat abtransportieren. Die Besatzer hätten ihnen sogar befohlen, die Bäumen zu fällen, erzählt ein Teenager; sie wollen deren Stämme allen Ernstes über die Grenze schaffen.

Am Abend erreichen wir Axum, die Heilige Stadt der Tigray, in der angeblich die Bundeslade der Israeliten aufbewahrt wird. Außer einem auserwählten Priester darf niemand sich den in Stein gehauenen Gesetzestafeln nähern. Tradition ist das. Und trotzdem hätten die Invasoren versucht, auch ihrer habhaft zu werden, erzählt man sich in Axum: Daraufhin seien Hunderte zur Heiligen Stätte geeilt – und dort von eritreischen Soldaten getötet worden. Über das „Massaker von Axum“ gibt es allerdings viele widersprüchliche Berichte: Fest steht lediglich, dass das Gelände nun auch ein Massengrab mit einer unbekannten Zahl von Leichnamen enthält. Wir verbringen die Nacht in einem leerstehenden Viersterne-Hotel, das mit abgehangenen Fenstern auf bessere Zeiten wartet. Und anderntags feiern Tausende den Namenstag des Erzengels Michael – als ob sie an dessen derzeitiger Leistung als Schutzheiliger gar nichts auszusetzen hätten.

Die Rückfahrt nach Mekelle über Adigrat verläuft ereignislos. Wir passieren mehrere Textil-, Glas- oder Natursteinfabriken, die alle restlos zerstört sind, und begegnen zahllosen Militärkonvois mit Tausenden äthiopischer Soldaten, die Abiy Ahmeds Versicherung vom bevorstehenden Ende der Mission Lügen strafen. In manchen Gegenden bereiten Bauern ihre Felder mit Ochsenpflügen auf den ersten Regen vor, in anderen Regionen liegen die Äcker brach. Insgesamt sollen bereits mehr als zwei Millionen Tigray aus ihrer Heimat vertrieben worden sein, heißt es bei den Vereinten Nationen: Sie leben meist zusammengepfercht in Schulen, die nur notdürftig mit Lebensmitteln versorgt werden. Seit acht Monaten findet in der Provinz kein Unterricht mehr statt.

Zurück in Mekelle nehmen wir Kontakt mit dem Befehlsstab der Rebellen auf, um Einzelheiten über das Schicksal des Geschäftsmanns zu erfahren. Seine Truppe habe 80 äthiopische Laster erbeutet und 2000 Soldaten getötet, teilt Getachew Rada, Mitglied der neunköpfigen TDF-Führung und vormals äthiopischer Informationsminister, mit. Das ist gewiss maßlos übertrieben, doch am Erfolg seines Hinterhaltes gibt es keine Zweifel. Dem Kommandanten gehe es gut, versichert Getachew, in den nächsten Tagen werde man Abiy Addi einnehmen.

Anderntags erfolgt die Rache der Regierungsarmee. Kampfjets bombardieren das nahe der Straße zwischen Mekelle und Abiy Addi gelegene Dorf Togoga: Dort haben sich Hunderte zum Markttag eingefunden. Bei dem Angriff kommen mehr als 50 Menschen ums Leben, darunter viele Frauen und Kinder. Die äthiopische Armee leugnet, Togoga angegriffen zu haben: vielmehr hätten sie „Terroristen“ gejagt. Die seien „Meister im Vortäuschen von Opfern“, behauptet das Militärs: Den Anspruch auf meisterhaftes Lügen haben offenbar andere.

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