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Der Utopische Raum

FR-Veranstaltung „Der utopische Raum“: Auf die Ränder schauen

Die FR-Serie „Der Utopische Raum“ startet in die neue Saison: Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann spricht über eine neue Erinnerungskultur

„Erinnern ist Arbeiten an der Zukunft“, lautet eine vielzitierte Formulierung der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. „Im Medium der Erinnerung“ setze man sich „in der Gegenwart für die Zukunft gemeinsam Ziele.“ Woran wir uns erinnern und wie wir uns erinnern, ist Ergebnis politischer Auseinandersetzungen und Ausdruck unserer gesellschaftlichen Gegenwart. So entstehen Erinnerungskulturen, die von Aufbrüchen, Anfängen und Gründungen erzählen, aber ebenso – nach den totalitären Katastrophen des 20. Jahrhunderts und der beispiellosen Radikalität des Holocaust vor allem – von Leid und politischen Gewaltverbrechen.

Die Vergegenwärtigung geschichtlicher Ereignisse verläuft notwendig konflikthaft. Das zeigen der sogenannte Historikerstreit 1986/87 oder die Diskussionen um das „Mahnmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin ebenso wie die Auseinandersetzungen um die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern oder des deutschen Völkermords an den Herero und Nama. Auch die Erinnerung an die Konflikte bei der Gründung Israels oder die Debatte um die Rückgabe geraubter Kulturgüter waren und sind mit Meinungskämpfen verbunden.

Aleida Assmann,Sidonia Blättler und Sabine Hark: „Der utopische Raum“ geht in die neue Saison

Durch Globalisierung und Migration entstehen neue Bilder und Erzählungen. Neue Perspektiven und Vergangenheitsbezüge finden Eingang in die Erinnerungsdiskurse. Narrative verflechten sich über Länder und Kontinente hinweg; postmigrantische Akteur_innen, die an der Gestaltung der Erinnerungskultur mitwirken wollen, streiten (explizit oder implizit) für neue Formen des Erinnerns, die ethnische, kulturelle und religiöse Grenzen überschreiten. Stets ist Geschichte deshalb auch ein Aushandlungsort über gesellschaftliche Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit.

Die politische Aufgabe des Gedenkens und die mit ihr verbundenen erinnerungskulturellen Kämpfe um Zugehörigkeit und Anerkennung beziehen sich nicht allein auf die großen historischen Ereignisse der Vergangenheit, sondern führen mitten hinein in die Gegenwart. Sie führen zu den Opfern sexistischer, homophober und transphober Gewalt; in Gefängnisse; nach Minneapolis, Halle, Celle, Hanau und an andere Orte antisemitischer und rassistischer Gewalt; zu den Toten der europäischen Abschottungspolitik im Mittelmeer und im Atlantik; zum Flughafen von Kabul, zu den Flüchtlings- und Internierungslagern in Libyen und anderen nordafrikanischen Transitländern, den Elendslagern auf den griechischen Inseln.

Die Veranstaltung

Was bedeutet Erinnern in einer globalisierten Welt? Wie können wir bei uns Geschichte erzählen, ohne in koloniale Denkmuster zu verfallen? Wie können sich die Erinnerungskulturen unterschiedlicher Gesellschaften verbinden? Über diese Fragen gibt es heftige Debatten, etwa wenn es um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Nationalsozialismus und Kolonialverbrechen geht.

Mit Vorträgen und Diskussionen will die Initiative „Der utopische Raum“ am kommenden Wochenende die Diskussion versachlichen und vertiefen. „Kritik der kolonialen Denkungsart – auf dem Weg zu einem transkulturellen Bewusstsein“ lautet der Titel der Veranstaltung mit zahlreichen digitalen Podien zu unterschiedlichen Aspekten des Themas.

Zum Auftakt am Samstag, 18.9. um 15 Uhr spricht die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann über das Thema „Die Gefahr einer einzigen Geschichte“. Es folgen Podien zur Erinnerungspolitik aus migrantischer, jüdischer und afrikanischer Perspektive, zur Beschäftigung mit Kolonialismus und Dekolonisierung in Wissenschaft und Zivilgesellschaft und vieles mehr. Zum Abschluss am Sonntag Vormittag, gibt es unter anderem ein Gespräch zwischen den beiden Autorinnen dieser Seite, Sidonia Blättler und Sabine Hark.

Für eine persönliche Teilnahme sind noch wenige Restplätze frei. Anmeldung unter info@medico.de Die Reihe „Der utopische Raum“, deren drittes Jahresprogramm mit dem Wochenende eröffnet wird, ist eine Kooperation der Stiftung Medico international, des Instituts für Sozialforschung und der Frankfurter Rundschau. Nähere Informationen und Livestream unter www.stiftung-medico.de/ur FR

Bereits vor mehr als 70 Jahren hat Hannah Arendt die Figur des „modernen Flüchtlings“ gezeichnet: Geflüchtete und Staatenlose, die in der global vernetzten Welt als Menschen überflüssig gemacht werden. Von den Territorien des Nationalstaats ferngehalten und in Lagern festgesetzt, gehören sie keinem sozialen und politischen Gemeinwesen mehr an, in dem ihr Denken, Tun und Handeln von Belang ist. Judith Butler bezeichnet solcherart ausgegrenzte Menschen in ihren Studien über die verborgenen Zusammenhänge von Politik, Gewalt und Trauer als „unbetrauerbar“. Unbetrauert bleiben sie, weil es von ihnen in der Öffentlichkeit kein Bild und keine Erzählungen gibt, so, als wolle man ihnen ihre Menschlichkeit aberkennen.

FR-Podiumdiskussion mit Aleida Assmann, Sidonia Blättler und Sabine Hark

Diese Spuren nimmt Sabine Hark in ihrem gerade eben erschienenen Buch auf, dem der nebenstehende Auszug entstammt. Auch ihre Zeitdiagnose geht aus von jenen Menschen an den Rändern der Gesellschaft, deren Stimmen nicht gehört werden. Sie nennt sie die „Ungewählten“. Ihr Schicksal im Blick, entwirft Sabine Hark vor dem Hintergrund ihrer kritischen Analysen die Konturen einer „wahrhaft demokratischen Welt“. Sie beruht auf einem solidarischen Erinnern und dem Wissen um die Verletzbarkeit und Abhängigkeit menschlichen Lebens. „Die Gemeinschaft der Ungewählten“, so der Titel ihres Essays, begründet ein politisches Zusammenleben, in dem die Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft Dominanzkultur und imperiale Lebensweise überwinden und die Vielen sich beheimaten können.

Unter dem Titel „Kritik der kolonialen Denkungsart“ greift eine zweitägige Veranstaltung am 18. und 19. September diese Gedanken auf (siehe Box). Sie eröffnet die Saison 2021/22 der Reihe „Der Utopische Raum“ und führt zivilgesellschaftliche Erfahrungen, Wissenschaft, Literatur und Musik zusammen, um „Wege zu einem transkulturellen Bewusstsein“ zu erkunden. Dem Auftaktwochenende folgen monatliche Veranstaltungen, die einzelne Themen vertiefen und die Möglichkeiten, koloniale und postkoloniale Einengungen zu überwinden und zu einer solidarischen Gestaltung weltgesellschaftlicher Verhältnisse beizutragen, weiter ausloten.

Sidonia Blättler ist wissenschaftliche Referentin am Institut für Sozialforschung in Frankfurt/Main.

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