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Auf die Details kommt es an

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Von: Jana Ballweber

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Mit Klimaschutz vereinbar? Ein Rechenzentrum.
Mit Klimaschutz vereinbar? Ein Rechenzentrum. © dpa/(Symbolbild)

Digitales Leben ist energieintensiv, aber nicht immer klimaschädlich

Für den Klimaschutz ruhen viele Hoffnungen auf technischem Fortschritt. Vor allem die Digitalisierung soll helfen, das Leben energieeffizienter zu machen und den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Wer sich die Geschäftspartner:innen per Mausklick auf den Rechner holen kann, steigt seltener ins Flugzeug oder ins Auto. Wer seine Informationen online sucht, spart das Papier für die analoge Enzyklopädie. Wo Heizungen digital gesteuert werden, erhoffen sich Fachleute Einsparungen von bis zu zehn Prozent beim Wärmeenergieverbrauch.

Das berichtet Reinhard Grünwald, Mitarbeiter im Büro für Technikfolgen-Abschätzung, das im Auftrag des deutschen Bundestags eine Studie zum Energieverbrauch digitaler Infrastruktur erstellt hat. Eine digitale Heizungssteuerung kann beispielsweise die Temperatur in der Nacht automatisch herunterregeln, wenn die Bewohner:innen ohnehin schlafen und die Zimmer nicht so warm sein müssen. Sie kann die Heizung abstellen, wenn in einem Zimmer ein Fenster geöffnet ist.

Ein solches Energiemanagementsystem kann für den privaten Gebrauch praktisch sein. Doch es lohnt sich nicht für alle: „Ob es beim Sparen hilft, hängt vom Verhalten der jeweiligen Person ab“, warnt Grünwald. Denn wer ohnehin nachts die Heizung abdreht, nicht bei geöffneten Fenstern heizt und nicht genutzte Zimmer kühl lässt, spart am Ende vielleicht gar keine Energie ein – im Gegenteil. Denn jede digitale Anwendung benötigt selbst eine Menge Strom, der beim aktuellen Energiemix in Deutschland immer noch zum Teil aus Kohlekraftwerken stammt.

„Wer auf den Knopf drückt, um zum Beispiel einen Film zu streamen, löst damit eine ganze Kaskade von Ereignissen aus, die Strom verbrauchen“, erklärt Grünwald. Los geht es mit dem eigenen Gerät, das Strom benötigt. Jeder Klick im Internet bedeutet, dass Daten übertragen werden. Die Netze verbrauchen dabei Strom. Die Information, dass ein bestimmter Nutzer einen bestimmten Film anschauen will, kommt über die Netze in einem Rechenzentrum an. Dort ist der Film in Form digitaler Daten auf Servern gespeichert, die rund um die Uhr laufen und Strom verbrauchen. Er wird dann wiederum durch die Netze auf die Reise bis zum Endgerät geschickt. Auch die Produktion der Geräte spielt in die CO2-Bilanz des Internets hinein.

Effizienteres System

Bedeutet also eine immer weiter fortschreitende Digitalisierung automatisch eine schlechtere Klimabilanz? Nicht unbedingt, meint Grünwald. Denn in den vergangenen Jahren habe sich die Effizienz der digitalen Infrastruktur immer weiter verbessert: „Insbesondere die Fortschritte bei der Mikroelektronik haben dafür gesorgt, dass die Prozessoren in den Computern immer leistungsfähiger geworden sind, ohne, dass sich der Energieverbrauch im selben Maß erhöht hat.“ Das bedeutet, dass auch eine größere Datenmenge mit weniger oder gleichbleibend viel Energie transportiert und verarbeitet werden kann.

Diese Entwicklung sei aber langsam an ihrem Ende angelangt, warnt der Physiker. Denn viel kleiner und damit effizienter können die Prozessoren rein physikalisch nicht mehr werden. Grünwald fordert deswegen, sich auch anderen Faktoren zuzuwenden: „Sehr viel Energie kann beispielsweise eingespart werden, wenn Rechenzentren statt mit Luft mit Wasser gekühlt werden.“ Neben der besseren Effizienz hätte das einen weiteren Vorteil: Das von den Servern angewärmte Wasser könnte in der Nachbarschaft zum Heizen verwendet werden.

Auch mit bewusstem Konsum digitaler Anwendungen könne man klimatechnisch etwas erreichen, sagt Grünwald: „Verbraucher können sparsame Geräte kaufen. Sie können sich, wenn möglich, gegen das Streamen und für das energieeffizientere, lineare Fernsehen entscheiden. Sie können Videos in niedrigerer Auflösung anschauen oder bei Videokonferenzen auch mal das Bild ausschalten.“

Hilft die Digitalisierung also dem Klimaschutz oder macht sie als großer Stromfresser mehr kaputt, als dass sie hilft? Mit einer eindeutigen Antwort auf diese Frage tut Grünwald sich schwer: „Man muss sich jeden Bereich und jede Anwendung einzeln anschauen“, erläutert er. „Wenn wir etwa über Wärmeverbrauch in Gebäuden sprechen, ist es eindeutig, dass digitale Steuerungen Einsparungen möglich machen. Das muss aber nicht für alle Haushalte gelten, je nachdem, wie diese sich verhalten. Und es muss nicht in allen Bereichen so sein.“

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