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Auf die Barrikaden

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Von: Thorsten Fuchs

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Protest vor bedrohlicher Kulisse: Aktivistinnen und Aktivisten am Sonntag am Rand des Tagebaus Garzweiler. INA FASSBENDER/AFP
Protest vor bedrohlicher Kulisse: Aktivistinnen und Aktivisten am Sonntag am Rand des Tagebaus Garzweiler. © Ina Fassbender/afp

Kurz vor der geplanten Räumung versammeln sich im bedrohten Dorf Lützerath im Rheinland immer mehr Menschen.

Er hat sich das nicht vorstellen können. Hätte ihm jemand gesagt, dass es hier einmal so aussehen könnte: Er hätte es sehr lange nicht geglaubt.

Eckhardt Heukamp steht am Rand von Lützerath, hinter sich das Dörfchen, in dem er aufgewachsen ist, der Hof, auf dem er gelebt hat. Und vor sich die gewaltige, kratergleiche Grube, die Straße, auf der Polizeiwagen weitere Polizist:innen bringen und Trecker mit Hängern den Sand für provisorische Straßen – für noch mehr Polizist:innen. „Als würde hier ein Flughafen gebaut“, sagt er, „was für ein Aufwand.“ Sarkasmus liegt in seiner Stimme. Weil er ja weiß, dass hier nichts gebaut wird, sondern dass hier, im Gegenteil, etwas abgebaut wird: seine Heimat.

Heukamp dreht sich um, geht zurück zum Hof, er will noch ein paar letzte Dinge holen. Eigentlich wollte er längst weg sein, aber es fällt ihm schwer, sich zu trennen. Wütend ist er, darauf, dass RWE und Grüne jetzt den Krieg in der Ukraine als Vorwand nähmen, um Lützerath zu opfern, so sieht er das. Aber vielleicht gilt die Wut auch seiner eigenen Ohnmacht. „Ich kann sagen: Ich habe wirklich alles versucht“, sagt Heukamp. Es war vergeblich. Seinen Kampf hat Eckhardt Heukamp verloren. Der nächste fängt jetzt an.

Lützerath, dieser Weiler am Braunkohletagebau Garzweiler II, war für Heukamp, den letzten Einwohner des Ortes, Heimat. Für die Klimabewegung aber ist Lützerath etwas anderes: ein Symbol. Dafür, dass Deutschland beim Klimaschutz versagt.

In dem Dorf steigt indes die Zahl der Menschen, die die ab Dienstag drohende Räumung des Ortes verhindern wollen. „Wir werden jeden Baum, jedes Haus verteidigen“, kündigte eine Sprecherin von „Ende Gelände“ am Sonntag in Lützerath an. Die Mobilisierung laufe gut, „stündlich kommen immer mehr Menschen in den Ort“. Mittlerweile hielten sich Schätzungen zufolge bis zu 1000 Demonstrant:innen in Lützerath auf.

Die Polizei Aachen geht von einer weitaus höheren Zahl von Aktivistinnen und Aktivisten aus. „Unser aktueller Stand sind 1 500 Demonstranten vor Ort in Lützerath“, sagte eine Sprecherin dem „Evangelischen Pressedienst“. Die Beamtinnen und Beamten sind den Angaben zufolge in mehreren kleineren Gruppen vor Ort, sichern vor allem die Bereiche entlang der Abbruchkante wegen der hohen Gefahrenlage dort. Ein am Sonntag geplantes Konzert der Band „AnnenMayKantereit“ musste wegen einer Unterspülung in einem Bereich der Tagebaukante verlegt werden. Auslöser war laut Polizei ein massiver Wasseraustritt aus einem Rohr. Wie es dazu kam, werde noch geprüft, hieß es.

Der Energiekonzern RWE will den Weiler am Tagebau Garzweiler abreißen lassen, um die Braunkohle darunter abzubaggern. Der zuständige Landrat des Kreises Heinsberg, Stephan Pusch (CDU), hatte dazu am 22. Dezember eine sogenannte Räumungsverfügung erlassen. Lützerath wurde damit zum Sperrgebiet. Gemäß der Verfügung ist „ab dem 10. Januar 2023 mit der Ergreifung von Maßnahmen der Verwaltungsvollstreckung durch Ausübung von unmittelbarem Zwang“ - also einer Räumung durch die Polizei – zu rechnen.

Das lokale Bündnis „Lützerath unräumbar“, zu dem sich unter anderem die Gruppen „Ende Gelände“, „Fridays for Future“, „Letzte Generation“ oder „Lützerath lebt!“ zusammengeschlossen haben, organisiert zudem vor Ort Aktionen. Am Sonntag fanden ein „Aktionstraining“ mit dem Üben von Sitzblockaden und ein Dorfspaziergang entlang der Abbruchkante statt.

Für den 17. Januar hat das Bündnis zu einem gemeinsamen Aktionstag aufgerufen. Doch auch in den kommenden Tagen wollen einzelne Gruppen des Bündnisses nach eigenen Angaben Widerstand gegen die aktuell laufenden Vorbereitungen für die Räumung leisten. Die Aktivist:innen wollen die geplante Räumung wochenlang verzögern. „Wir hoffen, dass wir Lützerath sechs Wochen lang halten können“, sagte Dina Hamid, Sprecherin von „Lützerath lebt!“, am Sonntag.

Für Samstag, den 14. Januar ruft außerdem ein Bündnis aus Umweltverbänden- und Initiativen wie dem BUND und Greenpeace zu einer Demonstration auf. „Man merkt, dass anscheinend unterschätzt wurde, welche Kraft in diesem Ort steckt“, sagte Klimaaktivistin Luisa Neubauer am Sonntag in Lützerath. „Hier zeigt eine Gesellschaft, dass sie versteht: Es geht um alles. Das Dorf hier ist überlaufen von Menschen, die aus der ganzen Republik angereist sind. Und das ist keine ganz unkomplizierte Anreise. Da gibt es viele gesperrte Straßen und Polizeibarrikaden. Aber das nehmen die Menschen auf sich.“ Neubauer war verspätet mit einen Shuttlebus aus Hamburg angekommen. Dort sei der Bus von der Polizei über mehr als drei Stunden an der Weiterfahrt gehindert worden, teilte sie auf Twitter mit.

Stefan Rahmstorf hält die geplante Räumung ebenfalls für einen Fehler. „Die Politik sollte sorgfältig darüber nachdenken, wie ein massiver Polizeieinsatz für Kohle und gegen Klimaschützer im Rückblick in vier oder fünf Jahren beurteilt werden wird, wenn die Klimaschäden noch massiver und offensichtlicher geworden sind“, schrieb der Forscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Mal sehen, ob solche Worte noch Wirkung zeigen. mit epd, dpa, fme

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