1. Startseite
  2. Politik

Ökotrophologin: „Auf den Speiseplänen stehen zu wenig Gemüse und Obst“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Martin Rücker

Kommentare

Nicht alle Kinder bekommen von zu Hause ein Pausenbrot mit in die Schule.
Nicht alle Kinder bekommen von zu Hause ein Pausenbrot mit in die Schule. © IMAGO/Cavan Images

Ökotrophologin Ulrike Arens-Azevêdo über Ernährung in Schulen und Kitas

Frau Arens-Azevêdo, wie steht es um die Qualität des Essens in Schulen und Kitas?

Es gibt viel Licht und viel Schatten. Auf den Speiseplänen stehen nach wie vor zu wenig Gemüse und Obst, dafür zu viel Fleisch und Wurst. Außerdem werden etwa 60 Prozent der Einrichtungen mit Speisen aus Zentralküchen beliefert, die dann warm transportiert – nicht selten mehrere Stunden lang – und teilweise auch noch vor Ort über längere Zeit warmgehalten werden. Das ist mit deutlichen geschmacklichen Einbußen verbunden und wohl auch mit einem sinkenden Vitamingehalt. Besser wäre es, vor Ort zu kochen oder zumindest für kurze Transportwege zu sorgen.

Die meisten Mahlzeiten erhalten Kinder zu Hause. Warum ist es so wichtig, was in Schule und Kita auf den Tisch kommt?

Ernährung spielt eine zentrale Rolle für die Entwicklung von Kindern, für ihr Wachstum, die kognitive Reifung, das Wohlbefinden, ihren Bildungserfolg. Die Verantwortung der Eltern ist nicht wegzudiskutieren. Allerdings könnten Kinder in der Ganztagsbetreuung etwa 40 Prozent ihres Energie- und Nährstoffbedarfs in Schule oder Kita decken. Das ist ein wesentlicher Anteil – ihn gesundheitsfördernd zu gestalten, ist die Aufgabe der Einrichtungen. Ein Vorteil ist, dass dieses Angebot soziale Teilhabe ermöglicht und für alle Kinder dasselbe ist, unabhängig vom sozioökonomischen Status der Eltern.

Studien zeigen, dass Kinder aus einkommensschwachen Familien tendenziell weniger gesunde Nahrung bekommen. Wird das Schulessen damit auch zu einer Frage der Chancengleichheit?

Ja. Aber nicht, weil Menschen mit niedrigem Einkommen weniger über gesundes Essen wissen. Jüngste Berechnungen haben gezeigt, dass mit den bisherigen Regelsätzen des Hartz-IV-Bezugs eine gesunde Ernährung nicht realisierbar ist. Derzeit verschlechtert sich die Situation für Armutsgefährdete weiter, weil sich gerade frische Lebensmittel besonders stark verteuern. Die Verantwortung der Gemeinschaftsverpflegung wächst also, diese Lücke für die Kinder zu füllen.

Wie viel Geld kostet ein gesundes Mittagessen in Schulen und Kitas?

Wir haben das vor fünf Jahren berechnet und kamen auf etwa 5,40 Euro für eine Grundschule, in der vor Ort gekocht wird. Diese Daten sind allerdings überholt. Wir haben Kostensteigerungen in allen Bereichen, bei Lebensmitteln, Energie, Personal, Investitionen. Im Moment werden für Eltern und Caterer Preise festgelegt, ohne zu wissen, wie viel Geld für ein gesundes Angebot überhaupt nötig wäre. Wir sollten das dringend berechnen. Was unsere Studien allerdings auch gezeigt haben: Ein Essen nach den DGE-Standards, also pflanzenbasiert und mit weniger Fleisch, ist beim Wareneinkauf kaum teurer als das herkömmliche Angebot.

Wenn nicht an den Kosten, woran scheitert es dann, dass die Qualitätsstandards nicht flächendeckend durchgesetzt werden?

Wir dürfen nicht nur die Produktionskosten berücksichtigen. Es reicht nicht, Qualitätsstandards vorzuschreiben, wir müssen die Einhaltung auch kontinuierlich kontrollieren. Das kostet die Verwaltungen Geld. Politisch liegt das Problem in unserer föderalen Struktur. Der Bund hätte die DGE-Standards gern verbindlich, zuständig dafür sind aber vor allem die Länder, und umsetzen müssen es Kommunen und private Träger. Immerhin beobachte ich einen gesellschaftlichen Wandel. Das Wissen, wie wichtig Ernährung für die Entwicklung von Kindern ist, wächst. Die Bundesregierung arbeitet erstmals überhaupt an einer umfassenden Ernährungsstrategie. Und in den Bundesländern gibt es Vernetzungsstellen für die Schul- und Kitaverpflegung, die die Umsetzung des DGE-Standards fördern. Es tut sich also etwas.

Zur Person

Ulrike Arens-Azevêdo ist emeritierte Professorin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Die Ökotrophologin hat über Jahre hinweg das Essensangebot in Schulen und Kitas untersucht. Von 2016 bis 2019 war sie Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, deren Qualitätsstandards für Gemeinschaftsverpflegung sie maßgeblich mit entwickelt hat.

Auch interessant

Kommentare