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Die Weltgemeinschaft schenkt der Lage in Tigray bisher nur wenig Aufmerksamkeit.
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Die Weltgemeinschaft schenkt der Lage in Tigray bisher nur wenig Aufmerksamkeit.

Äthiopien

Auf den Krieg folgt der Hunger: Hunderttausende Menschen in Äthiopien ohne Essen

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Im Norden Äthiopiens haben rund 350 000 Menschen keine Nahrung. Während die UN mit einer Verschlimmerung der Lage rechnet, bestreitet die Regierung die Hungersnot.

Tigray/Addis Abeba – In Äthiopien ist einer detaillierten Prüfung der Vereinten Nationen zufolge eine Hungerkatastrophe ausgebrochen. Mehr als 350 000 vor allem in der Bürgerkriegsprovinz Tigray aber auch in zwei angrenzenden Provinzen lebende Menschen befinden sich inzwischen in „Phase 5“, der schlimmsten Kategorie einer von humanitären Organisationen benützten Klassifizierung, der „Integrated Food Security Phase Classification“ (IPC). Sie bedeutet, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung an Hunger leidet und bereits Menschen verhungern.

Die katastrophale Ernährungskrise sei die Folge des in der Tigray-Provinz seit acht Monaten anhaltenden Konflikts: Er habe „die Vertreibung der Bevölkerung sowie die Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit, die Behinderung des Zugangs humanitärer Organisationen, Ernteverluste und zusammengebrochene Märkte“ ausgelöst“, heißt es in der jüngst veröffentlichten Studie.

Hungersnot in Äthiopien: UN rechnet mit Verschlechterung der Situation

Die Situation könne sich zur „weltweit schlimmsten Hungersnot des vergangenen Jahrzehnts ausweiten“, kommentierte der UN-Koordinator für humanitäre Angelegenheiten, Mark Lowcock: Es sei damit zu rechnen, dass die Katastrophe „noch wesentlich schlimmer“ werde.

Offiziell erklärte die UN bislang noch keine Hungersnot in Äthiopien: Dies geschieht erst, wenn mehr als 20 Prozent der Bevölkerung einer Region vom Hungertod bedroht sind. Die starre Definition wird von einzelnen Verantwortlichen wie Lowcock allerdings abgelehnt: „In Tigray herrscht jetzt schon eine Hungersnot“, sagte der humanitäre Koordinator der UN am Donnerstag. „Alarmierende neue Daten“ hätten das „besorgniserregende Ausmaß der Ernährungslage in Tigray“ bestätigt, sagte auch der Chef des Welternährungsprogramms (WFP), David Beasley.

Regierung in Äthiopien weist Berichte über Hungersnot zurück

Die äthiopische Regierung, eine der Kriegsparteien in Tigray, wies den Bericht der humanitären Organisationen zurück. Ihrer Auffassung nach gibt es in Tigray keine Hungerkatastrophe: Die Lieferung von Nahrungsmittelhilfe reiche aus, die Hilfsorganisationen übertrieben den Ernst der Lage, heißt es in Addis Abeba.

Umgekehrt wird der Regierung unter dem Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed vorgeworfen, die Hungersnot in Tigray provoziert zu haben. Sowohl äthiopische Soldaten wie deren eritreische Verbündete sollen die Zivilbevölkerung am Bestellen der Felder gehindert, Ernten niedergebrannt und Nahrungsvorräte geplündert haben, berichten Reporter aus der Kriegsprovinz. Den einmarschierenden Truppen werden auch schwere Menschenrechtsverletzungen – wie Massaker, Massenvergewaltigungen und Folterungen – zur Last gelegt.

Konflikt in Äthiopien: Tausende Zivilisten kamen ums Leben

Nachdem sich die Spannungen zwischen der Zentralregierung in Addis Abeba und der Provinzregierung in Tigray zunehmend verschlechtert hatten, waren Anfang November sowohl äthiopische wie eritreische Truppen in Tigray einmarschiert und hatten innerhalb von drei Wochen einen Großteil der Provinz eingenommen. Vielen Soldaten der gegnerischen Volksbefreiungsfront Tigrays (TPLF) zogen sich jedoch in die Berge zurück, von wo sie seitdem einen Guerillakrieg führen.

Tausende Zivilisten kamen in dem Konflikt bereits ums Leben, fast zwei Millionen Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Abiy wirft der TPLF vor, Äthiopien in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihren eigenen Interessen unterworfen zu haben.

Zu wenig internationale Aufmerksamkeit für Hungersnot in Äthiopien

Die jetzige Hungersnot ist die erste in Äthiopien seit der Katastrophe Mitte der 1980er Jahre, der mehr als eine Million Menschen zum Opfer fielen.

Das Epizentrum damals war ebenfalls Tigray: Fernsehbilder von dem Massensterben lösten in aller Welt Entsetzen aus, mit seiner Kampagne „Band Aid“ mobilisierte der irische Rocksänger Bob Geldof die Weltöffentlichkeit und sorgte für eine Spendenflut. Demgegenüber stößt die derzeitige Hungersnot nur auf begrenzte internationale Aufmerksamkeit. (Johannes Dieterich)

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