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Musste das Land verlassen: der russische Hip-Hop-Künstler Morgenshtern. Foto: Imago Images.
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Musste das Land verlassen: der russische Hip-Hop-Künstler Morgenshtern.

Russland

Strafverfahren drohen: Wird Morgenshtern Russlands erster Exilrapper?

  • Stefan Scholl
    VonStefan Scholl
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Russlands erfolgreichster Rapper Morgenshtern gerät in Konflikt mit der Staatsmacht. „Wenn du nicht mehr ablehnen kannst, lauf weg“, sagt der Superstar – und flieht nach Dubai.

Morgenshtern kann auch Sätze ohne Schimpfwörter formulieren. „Meine Werte sind, dass ich Spaß habe und dass meine Familie Spaß hat“, sagte der russische Rapper in einem Interview mit der Starmoderatorin Xenia Sobtschak. Er kämpfe weder für Volk noch Gerechtigkeit.

Auf seinen Videos aber mischt Morgenshtern reichlich Mutterflüche in seine Sprechgesänge, um klarzustellen, was für ihn wirklich zählt. „Ich trage Ketten aus Gold und Diamant für drei Milliönchen. Ich zerfetze die Jungfräulichkeit dieser Schlampe im Schwitzbädchen.“

Morgenshtern: Idol der Generation Z

Bürgerlich heißt der Rapper Alischer Walejew und ist 23. Früher studierte er Pädagogik, wurde aber der Schule verwiesen. Danach tätowierte er sich die Zahl 666 auf seine Stirn, „als Motivation, nirgendwo zu arbeiten“. Er versuchte sich als Rockmusikant, parodierte Hip-Hop- und Schlagerstars. Dann stellte er erste Rap-Clips ins Netz, mit denen er sich scheinbar selbst als Protestsänger parodieren wollte.

Inzwischen ist Morgenshtern laut dem Wirtschaftsportal Forbes mit einem Jahreseinkommen von 7,5 Millionen Dollar Russlands bestverdienender Unterhaltungskünstler. Und gilt nicht nur als Idol, sondern auch als Stimme der russischen Generation Z, der unter 25-Jährigen, die als unpolitisch, hedonistisch und skeptisch bis zynisch gelten. Morgenshtern und die Staatsmacht sind einander alles andere als geheuer, angesichts drohender Strafverfahren ist er nun nach Dubai ausgereist.

Morgenshtern: „Für Geld, Mama und Wladimir Putin.“

In seinem Debütalbum „Bevor ich berühmt wurde“ verkündete Morgenshtern 2018: „Ihr haltet mich für tumb und faul, ich aber ficke euer kluges Maul.“ Sein Gossen-Rap schlug mit über 50 000 Reposts binnen 24 Stunden rekordmäßig ein, schon bald darauf prahlte er in dem Clip „Neuer Wallach“ mit seinem ersten weißen Benz. Und elfmal wiederholte er den Satz: „Hab die Stadt gefickt und Geld verdient“, eine programmatische Aussage: Dem immer neu frisierten Schlaks, der gern halbnackt posiert, geht es um Sex, um Geld, aber vor allem um sich selbst.

Morgenshtern ist reich und schön und ein Selfmademan. Er hat einen in Russland raren sozialen Aufstieg geschafft, in einer vom Staat bisher kaum beachteten Nische, der Jugendmusikszene. Einer, der wie die gesamte Generation Z eigentlich nichts gegen die Obrigkeit hat, sich aber auch nicht um sie und ihre moralische Rangliste schert. Morgenshtern versichert, in seinem Herzen sei Platz für das Wichtigste: „Für Geld, Mama und Wladimir Putin.“ In der Reihenfolge.

Morgenshtern: Ausreise nach Dubai

Wie auch andere Rapper spielt Morgenshtern mit Verboten, seine Texte strotzen von „Doping“ „Gras“ oder „Crack“. Kein Wunder, dass er Schwierigkeiten bekommen hat. Wegen Rauschgiftpropaganda wurde er im Juni zu einem Bußgeld von umgerechnet gut 1100 Euro verurteilt. Und der „postironische“ Morgenshtern, wie ihn das Kulturportal Afischa nennt, macht auch vor den heiligsten Werten der Staatsmacht nicht halt. In einem Interview im Oktober äußerte er sein Unverständnis um die Massenfeierlichkeiten zum Tag des Sieges über Hitlerdeutschland vor 76 Jahren. „Wir haben wohl sonst nichts, um stolz darauf zu sein. Und feiern ein Jahrhundert lang etwas, das längst Vergangenheit ist.“

Die „Veteranen Russlands“ erstatteten Anzeige, Russlands Chefermittler Alexander Bastrykin startete persönlich eine Untersuchung, vergangene Woche erklärte er, Morgenshtern vertreibe Drogen. Am nächsten Tag reisten der Rapper und seine Frau über Minsk nach Dubai aus. Ein zwei Tage später in Moskau geplantes Konzert wurde abgesagt.

Morgenshtern: „Meine Politik ist es, abzulehnen“

Nun streiten Politolog:innen und Musikkritiker:innen, ob die Staatsmacht Morgenshtern wegen seines drogengesättigten Nihilismus loswerden will. Oder ob sie den Star unter Druck setzt, um ihn zur Kooperation zu zwingen. Das Nachrichtenportal znak.com meldete gar, Beamte der Präsidialverwaltung seien Morgenshtern nachgereist, um dem „Jugendmeinungsführer“ die Bedingungen für seine Rückkehr zu unterbreiten. Kremlsprecher Dmitri Peskow dementierte kategorisch.

Morgenshtern selbst erzählte vergangenes Jahr, man habe ihm vorgeschlagen, Putin einmal wöchentlich positiv zu erwähnen, für jeweils umgerechnet 1100 Euro. „Meine Politik ist es, abzulehnen, solange es möglich ist“, sagte er in einem anderen Interview. „Wenn du nicht mehr ablehnen kannst, lauf weg.“ Vielleicht wird Alischer Morgenshtern ja Russlands erster Exil-Rapper.

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