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In Deutschland geht nicht einmal die Hälfte der Väter in Elternzeit.

Finnland

Auch Väter müssen ran

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In Finnland sollen Männer und Frauen künftig zu gleichen Teilen bezahlte Elternzeit nehmen – eine Reaktion auf den Geburtenrückgang.

Die Nordeuropäer weisen wieder mal den Weg, wenn es um die Gleichstellung der Geschlechter geht. Nach einer weltweit als bahnbrechend gefeierten Elternzeit-Reform in Island bekommen jetzt auch Väter und Mütter in Finnland ähnliche Möglichkeiten. Als ersten Schritt hat die neue sozialdemokratische Regierungschefin Sanna Marin angekündigt, dass die bezahlte Elternzeit von 11,5 auf 14 Monate ausgeweitet und paritätisch zwischen beiden Eltern geteilt wird. Ab 2021 bedeutet das – nach finnischer Rechnung mit Sechs-Tage-Bezugssystem – einen Anspruch von jeweils 6,6 Monaten. Bis zu 69 Tage können auf das andere Elternteil überschrieben werden.

In Island gibt es schon seit 2000 eine ähnliche Aufteilung. Hier haben beide Eltern je fünf Monate Anspruch; drei Monate verfallen, wenn sie der Vater nicht nimmt, und zwei können frei verteilt werden. Das hat die Aufteilung der Elternzeit zwischen den Geschlechtern revolutioniert – und die Stellung junger Frauen auf dem Arbeitsmarkt drastisch verbessert. 97 Prozent aller isländischen Väter gehen in Elternzeit. Mehr als 30 Prozent der in dem Land Elternzeit Nutzenden sind männlich – das ist Weltrekord. In Finnland sind es bisher gerade mal zehn Prozent.

Keine Parität

In Deutschlandkönnen Väter und Mütter pro Kind jeweils bis zu drei Jahre Elternzeit nehmen, auch gleichzeitig. Das fehlende Einkommen soll teilweise durch das Elterngeld aufgefangen werden, das maximal 14 Monate gezahlt wird, wenn beide je mindestens zwei Monate Elternzeit nehmen. Die Höhe (zwischen 300 und 1800 Euro) hängt vor allem vom Einkommen des betreuenden Elternteils vor der Geburt des Kindes ab. Mit dem ElterngeldPlus wird eine Rückkehr in den Job zusätzlich unterstützt, wenn beide Elternteile in Teilzeit einsteigen.

Der Anteil der Männer, die Elternzeit nehmen, ist laut einer DIW-Studie seit Einführung des Elterngeldes 2007 von etwa drei Prozent auf 37 Prozent im Jahr 2016 gestiegen. Zugleich nehmen mehr als neun von zehn Müttern Elternzeit – und das in sehr viel höherem Umfang. 

Finnlands Sozialministerin Aino-Kaisa Pekonen von der Linkspartei erhofft sich von der paritätischen Aufteilung zwischen den Geschlechtern eine „markante Haltungsänderung“. Offiziell betont wird in Finnland auch die Modernisierung des Elternbildes mit heute sehr vielfältigen Familienformen. Unter anderem haben Alleinerziehende künftig den doppelten Anspruch auf Elternzeit.

Ungeklärt sind bislang noch die finanziellen Rahmenbedingungen; obwohl die Regierung die jährlichen Mehrausgaben schon auf 110 Millionen Euro beziffert hat. Das ist durchaus ein Brocken für das kleine Land mit 5,5 Millionen Einwohnern und einem viel zu schnell wachsenden Haushaltsdefizit. Aus dem Sozialministerium ist zu hören, es werde „ungefähr so bleiben wie bisher“: Derzeit haben Väter und Mütter während der ersten 104 Tage der Elternzeit Anspruch auf 90 Prozent ihres vorherigen Einkommens; danach sind es bis zum Ende der Elternzeit 70 Prozent.

Offiziell überhaupt nicht erwähnt wird, dass Finnland dringend etwas gegen die niedrige Geburtenrate tun muss. Sie ist von 1,86 Kindern pro Frau im Jahr 2009 kontinuierlich auf 1,35 Kinder 2019 gesunken. In Deutschland waren es 2019 1,5 Kinder pro Frau. Umgekehrt sorgt das kräftig ansteigende durchschnittliche Lebensalter für wachsende staatliche Ausgaben für ältere Menschen.

Verbesserte Elternzeitregeln würden erfahrungsgemäß die Kinderwünsche junger Menschen nur bedingt beeinflussen, sagte die Sprecherin im Sozialministerium. Tatsächlich scheint ihr die Entwicklung beim Vorreiter Island recht zu geben. Dort ist die Geburtenrate im ersten Jahrzehnt nach der Reform zwar gewachsen; seit der Finanzkrise ist sie aber wieder auf eine Rate von jetzt unter 1,8 Kinder pro geburtsfähiger Frau gesunken. Das aber mindert den Optimismus in Helsinki nicht: „Unsere Investition in die Zukunft der Kinder wird die Gleichstellung zwischen den Eltern verbessern und ihre Lebensqualität heben,“ ist sich Sozialministerin Aino-Kaisa Pekonen sicher.

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