„Schüler unterschiedlicher Klassen dürfen sich nicht begegnen“, sagt Verbandspräsident Meidinger.
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„Schüler unterschiedlicher Klassen dürfen sich nicht begegnen“, sagt Verbandspräsident Meidinger.

Schulen

„Auch die Lehrer sehnen sich nach Normalität“

  • Tobias Peter
    vonTobias Peter
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Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Lehrerverbands, über die Rückkehr zum Regelbetrieb in Schulen, fehlende Hygienekonzepte und den positiven Effekt von Corona für die Digitalisierung.

Herr Meidinger, kann das nächste Schuljahr ein normales sein?

Ich würde mir natürlich inständig wünschen, dass das nächste Schuljahr ein normales wird. Ich fürchte aber, es wird nicht kommen. Auch nach den Sommerferien werden die Welt und die Schule nicht so sein, wie sie mal waren.

Der politische Druck, nach den Ferien möglichst in den Normalbetrieb zurückzukehren, ist groß. Dies fordert zum Beispiel Familienministerin Giffey.

Da verändert sich in der politischen Betrachtung und Prioritätensetzung gerade gewaltig etwas. Bis vor kurzem war es allgemeiner Konsens, eine Rückkehr zum Regelunterricht sei eigentlich nur mit einem Impfstoff möglich. Doch die Unzufriedenheit insbesondere der Eltern mit der derzeitigen Situation ist riesig – und damit steigt der Druck, zu vollständigem Unterricht in ganzen Klassen zurückzukehren. Wir Lehrer verweigern uns dieser Debatte nicht. Wir sagen aber auch: Für eine Rückkehr zum Regelunterricht müssen erst einmal die Voraussetzungen geschaffen werden. Daran fehlt es ganz eindeutig noch.

Was meinen Sie genau?

Für die Beschulung vollständiger Klassen und ständigem Präsenzunterricht muss es ein völlig neues Hygienekonzept geben. Das müssen die Kultusminister zusammen mit den Gesundheitsbehörden rasch entwickeln, falls sie nach den Sommerferien mit einer vollständigen Öffnung der Schulen Ernst machen wollen. Denn die Basis des derzeitig gültigen Hygienekonzepts der Kultusministerkonferenz, die Abstandsregel, fiele ja dann weg.

Wie müsste das Hygienekonzept also aussehen?

Der Kernbestandteil eines solchen Hygienekonzepts muss sein, die einzelnen Klassen konsequent voneinander zu isolieren. Die Schüler von unterschiedlichen Klassen dürfen sich auch auf dem Gang und in den Pausen nicht begegnen. Sonst kann die Schule schnell zum Ort für ein nicht mehr kontrollierbares Infektionsgeschehen werden. Ich stehe allerdings selbst vor einem Rätsel, wie man eine solche Isolation der Klassen voneinander in der Praxis wirksam umsetzen soll.

Heinz-Peter Meidinger.

Was sind weitere Bausteine?

Wer die Schulen vollständig öffnen will, muss Lehrer und Schüler regelmäßig auf Corona testen. Auch das Thema Atemschutzmasken müsste dann neu auf den Tisch: Da Abstände nicht mehr eingehalten werden können, müsste eine Maskenpflicht im Klassenzimmer wie etwa in China und Südkorea erwogen werden. Dazu brauchen wir gute Konzepte, wie die vollen Klassenzimmer so viel wie möglich gelüftet werden können – bis hin zu extra aufgestellten Ventilatoren. In höhergelegenen Klassenzimmern lassen sich bislang die Fenster nicht oder nur spaltweise öffnen.

Zur Person

Heinz-Peter Meidinger, 65, ist seit Juli 2017 Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Zuvor war er 2004 bis 2017 Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbands. Er ist zudem Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums im bayrischen Deggendorf. FR
deutscher Lehrerverband

Das klingt fast, als gäbe es zu viele Probleme, die sich nur bedingt bewältigen lassen.

In jedem Fall muss es eine eingebaute Notbremse geben. Die Schulen können schnell zum Corona-Superspreader werden – das dürfen wir nie vergessen. Wenn das Infektionsgeschehen ansteigt, müssen wir Öffnungsschritte schnell zurücknehmen. Im schlimmsten Fall würde sonst eine erneute Komplettschließung der Schulen drohen.

Wäre eine vollständige Öffnung der Schulen mit einem Hygiene-Konzept, wie Sie es beschreiben, vom Arbeitsschutz her aus Sicht der Lehrer vertretbar?

Wenn die Virologen sagen, unter bestimmten Bedingungen ließen sich die Schulen komplett öffnen, wird es nicht an den Lehrern scheitern. Risikogruppen müssen aber natürlich weiter zu Hause bleiben. Die große Gefahr ist, dass beim Thema Schulöffnungen leicht der Wunsch zum Vater des Gedankens wird. Die Politik reagiert auf den gesellschaftlichen Wunsch nach Normalität. Danach sehnen sich übrigens auch die Lehrer. Der gesellschaftliche Druck ist verständlich und erheblich. Aber das alles darf nicht auf Kosten der Gesundheit gehen. Ich bleibe skeptisch und will erst eine eindeutige Empfehlung der Epidemiologen und Virologen sowie ein überzeugendes Hygienekonzept sehen.

Wie kann die Qualität des digitalen Fernunterrichts gesteigert werden, falls es im nächsten Jahr mit einer Mischung aus Präsenz-unterricht und Homeschooling weitergeht?

Wir brauchen verbindliche Regeln für den Digitalunterricht, der für alle verpflichtend sein muss. Schüler, die kein Endgerät zu Hause nutzen können, müssen eines bekommen. Die technische Ausstattung der Schulen muss besser werden. Wenn es im kommenden Schuljahr so weitergeht wie im Moment, dann brauchen wir auch Online-Prüfungsformate, damit wir Lernerfolge prüfen und gerechte Zensuren vergeben können. Es ist noch unfassbar viel zu tun.

Werden sich Deutschlands Pisa-Ergebnisse in Folge der Corona-Krise Ihrer Meinung nach verschlechtern?

Ich gehe fest davon aus, dass sich die deutschen Pisa-Ergebnisse verschlechtern werden. Dafür gibt es mehrere Gründe: Wir haben weiter massiven Lehrermangel in den Naturwissenschaften und an den Grundschulen. Die Schulen haben nicht ausreichend viele Lehrer und weiteres Personal, um den gewachsenen Herausforderungen in Sachen Integration gerecht werden zu können. Auf all das kommen jetzt noch die Folgen der Corona-Krise oben drauf. Das einzige, was uns im Länderranking helfen kann, ist, dass auch andere Länder stark mit den Folgen der Corona-Krise zu kämpfen haben.

Drohen andere Probleme in den Schulen wegen der Corona-Krise jetzt aus dem Blick der Politik verloren zu gehen?

Diese Gefahr besteht zweifelsohne. Deutschland droht bei den Bemühungen, Schüler mit Sprachproblemen und schwierigem sozialen Hintergrund zu stärken, zurückzufallen. Gerade diese Schüler leiden durch den Unterrichtsausfall und das Homeschooling in der Corona-Krise besonders. Auch der Lehrermangel verschärft sich noch, da eben auch Pädagogen zu Risikogruppen gehören. Nur auf einer einzigen Baustelle in der Schule sorgt die Corona-Krise für – wenn auch noch immer zu langsame – Fortschritte: bei der Digitalisierung.

Interview: Tobias Peter

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