Auch ,GSG 9' lag auf der Lauer

Mordwaffen gefunden

Von Eghard Mörbitz (Bonn), Ursula Knapp (Karlsruhe) und H. J. Biedermann

Die Verhaftung der beiden Terroristinnen Brigitte Mohnhaupt (33) und Adelheid Schulz (27) gelang nach Auskunft des Bundesinnenministeriums, weil die Sicherheitsbehörden vor etwa drei Wochen einen heißen Tip erhalten hatten, der zu einem 'Zentraldepot' der RAF führte. Drei Wochen lagen dann Polizei und 'GSG 9' in einem Waldstück bei Offenbach auf der Lauer, um die ersten Besucher dieses Waffenlagers festzunehmen. Brigitte Mohnhaupt und Adelheid Schulz, die bei der Festnahme mit Pistolen bewaffnet waren, hatten dieser Information zufolge keine Gelegenheit mehr, ihre Handfeuerwaffen zu gebrauchen. Entgegen anderslautenden Berichten waren sie bei der Festnahme nicht mit Handgranaten ausgerüstet. Wie der Sprecher des Bundesinnenministeriums (BMI), Wighard Härdtl, auf Anfrage erklärte, befand sich kein weiterer Verdächtiger in der Begleitung der beiden Frauen. Vermutungen über eine Fahndungspanne, bei der den Sicherheitsbehörden der noch flüchtige Christian Klar erneut entkommen sein sollte, treffen danach nicht zu.

In dem Waffendepot wurden Gewehre, Maschinenpistolen, Pistolen, Revolver und eine nicht näher beschriebene Art und Menge von Sprengstoff gefunden. Außerdem fielen der Polizei Personalausweise, Banknoten und andere Dokumente in die Hände. Eine Auskunft über die Herkunft des Geldes wurde dem Generalbundesanwalt überlassen. Fest steht nach Mitteilungen des BMI, daß ein Teil der Waffen bei der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, des Bankiers Jürgen Ponto und des Generalbundesanwalts Siegfried Buback sowie bei der Schießerei im niederländischen Kerkrade und beim Attentat auf den Oberbefehlshaber der US-Armee in Europa, General Frederick J. Kroesen, verwendet worden ist.

Obwohl die RAF nach Einschätzung des BMI mit diesem schweren Schlag einen 'erheblichen Teil ihrer Logistik' verloren habe, müsse sie noch über beträchtliche Waffenmengen verfügen. Auch sei die Energie der Terroristen noch keineswegs erschöpft, sagte der Sprecher des BMI. Ob der Hinweis auf das Waffenlager aus dem terroristischen Umfeld kam oder einem aufmerksamen Spaziergänger zu verdanken ist, ließ der Sprecher offen.

Nach der Entdeckung des Waffenverstecks verfügte der Bundesinnenminister, daß sich alle Sicherheitskräfte, einschließlich der 'GSG 9' des Bundesgrenzschutzes, auf dieses Objekt konzentrieren sollten. Zimmermann entschied sich außerdem für den sofortigen Zugriff, für den Fall, daß Verdächtige auftauchen sollten.

Der Erfolg vom Donnerstag ist nach Meinung des Ministers der engen Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern ebenso zu verdanken wie der intensiven Vorarbeit und dem persönlichen Einsatz der beteiligten Beamten. Die Generalbundesanwaltschaft sei in der Einsatzleitung ständig vertreten gewesen. Ein übriges habe die strikte Geheimhaltung getan. Friedrich Zimmermann äußerte sich befriedigt über das Ergebnis und darüber, daß der Zugriff unblutig erfolgte.

Wie Generalbundesanwalt Rebmann und das Bundeskriminalamt am Freitagnachmittag in Karlsruhe ergänzend bekanntgaben, waren Brigitte Mohnhaupt und Adelheid Schulz bei ihrer Festnahme- mit einer großkalibrigen Pistole bewaffnet, sie wollten eine wasserdicht verpackte Maschinenpistole in dem Erddepot ablegen. Bei der Festnahme soll eine der beiden Beschuldigten vergeblich versucht haben, ihre durchgeladene Waffe zu ziehen.

Im Besitz der Festgenommenen sollen sich unter anderem verschlüsselte Adressen und schweizerische und britische Pässe befunden haben. In dem Depot wurden fünf Gewehre, fünf Maschinenpistolen, sechs Revolver, zwei Pistolen sowie zwei Handgranaten, sieben Kilogramm Sprengstoff und 8000 Schuß Munition sichergestellt.

Die Bundesanwaltschaft veröffentlichte eine ganze Liste von weiteren sichergestellten Gegenständen, darunter 353 falsche beziehungsweise verfälschte Ausweisdokumente mit aktuellen Lichtbildern von Christian Klar, Adelheid Schulz, Inge Viett, Henning Beer, Sigrid Sternebeck und Ingrid Jacobsmeier und 54 800 Mark in Banknoten, die aus dem bewaffneten Bankraub in Bochum vom 15. September 1982 stammen sollen. Auch ein Plan für Ausspähung führender Politiker soll sichergestellt worden sein.

Während sich die Offiziellen bei den Pressekonferenzen in Karlsruhe und in Bonn nur vage über den Ort des Geschehens am Donnerstagnachmittag äußerten, wurde das Offenbacher Polizeipräsidium konkreter. Das Depot sei im Dienstbezirk gefunden worden. Eine exaktere Beschreibung war nicht zu erhalten, weil das Präsidium beharrlich auf die Zuständigkeit der Bundesanwaltschaft verwies.

Bei dem Waldstück, in dem sich die wochenlange Observation und der Zugriff am Donnerstag ereigneten, handelt es sich möglicherweise um das weitläufige Areal zwischen dem Isenburger Stadtteil Gravenbruch und dem Dietzenbacher Stadtteil Steinberg. Doch weder hier noch in dem ebenfalls genannten Waldstreifen zwischen Heusenstamm und der Autobahn Frankfurt- Würzburg gaben Polizeistreifen oder Polizeiposten Anhaltspunkte auf die Lage des Waffenlagers im Waldboden.

Adelheid Schulz und Brigitte Mohnhaupt wurden am Freitagmittag mit einem Hubschrauber aus Preungesheim zum Haftrichtertermin nach Karlsruhe geflogen. Nach der Verkündung des Haftbefehls erfolgte der Abtransport in einem Grenzschutz-Hubschrauber an einen nicht bekannten Ort.

Aufgrund der in dem Erdbunker gefundenen Schriftstücke wurden in der Nacht zum Freitag in Hamburg, Karlsruhe und Frankfurt drei weitere Personen festgenommen. Dies verlautete aus der Bundesanwaltschaft. Die Behörde prüft derzeit, ob Haftbefehl gegen die drei beantragt werden soll.

Im Zusammenhang mit der Festnahme von Schulz und Mohnhaupt hat das Bundeskriminalamt die Bevölkerung um Mithilfe gebeten, um etwas über Kontaktpersonen, Aufenthaltsorte und Verkehrsmittel zu erfahren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion