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„Die Nachfrage von Seiten der Patienten ist sehr hoch“, berichtet der Arzt Konrad Cimander aus seiner Praxis.
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„Die Nachfrage von Seiten der Patienten ist sehr hoch“, berichtet der Arzt Konrad Cimander aus seiner Praxis.

Hohe Nachfrage

Cannabis als Medizin: „Das Potenzial ist viel größer als angenommen“

  • Pamela Dörhöfer
    VonPamela Dörhöfer
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Der Arzt Konrad Cimander arbeitet in der Praxis mit Cannabinoiden und setzt sich für einen breiteren Einsatz in der Medizin ein.

Herr Cimander, Sie sind Gründer des Kompetenzzentrums für Cannabis-Medizin in Hannover und forschen seit fast 20 Jahren zu diesem Thema. In den letzten Jahren hat sich auf diesem Gebiet viel getan. Wie ist der aktuelle Stand – und bei welchen Beschwerden dürfen Cannabinoide heute verschrieben werden?

Ich habe Cannabinoide schon vor Jahrzehnten eingesetzt zur Linderung von Beschwerden meiner HIV-Patienten und setze mich seit langem für die Entkriminalisierung dieser Mittel ein. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als der Bundestag 2017 das Gesetz „Cannabis in der Medizin“ beschlossen hat, das die Verschreibung über ein Betäubungsmittelrezept in „begründeten Einzelfällen“ zulässt. Ich war damals auch sehr überrascht, dass alle Indikationen freigegeben wurden für die empirische Datensammlung. Derzeit laufen weltweit mehr als 600 Studien zum Thema Cannabis in der Medizin. Die mehr als 10 000 Datensätze, die beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bereits eingegangen sind, zeigen, dass zwei Drittel der Patienten, die Cannabis als Therapie genehmigt bekamen, unter chronischen Schmerzen leiden. Darunter sind viele, bei denen keine andere Behandlung mehr hilft.

Medizinisches Cannabis: Potential deutlich größer als früher

Noch vor einigen Jahren hieß es, das Potenzial von Cannabinoiden bei der Schmerzbehandlung sei nicht so groß und beschränke sich vor allem auf krampfartige Schmerzen.

Das Potenzial von medizinischem Cannabis ist viel größer als früher von vielen angenommen. Rückenschmerzen verschiedenster Ursache gehören dazu, Gelenkschmerzen durch entzündliche Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Kopfschmerzen, Verletzungsschmerzen und neuropathische Schmerzen, etwa bei einer Trigeminus-Neuralgie. Auch bei schwerer Migräne können Cannabinoide helfen. Cannabinoide lindern zudem die Beschwerden bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen des Darms, etwa bei Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Die Wirkung von medizinischen Cannabis beschränkt sich überdies nicht nur auf Schmerzen, auch wenn das die Hauptindikation ist.

Wo helfen sie noch?

Cannabinoide können bei psychischen Erkrankungen und posttraumatischen Belastungsstörungen die Befindlichkeit verbessern, sie mildern Schlafstörungen. Auch bei Tinnitus, Parkinson, ADHS und dem Tourette-Syndrom können sie zu einer Besserung der Symptome beitragen.

In welchen Darreichungsformen ist medizinisches Cannabis erhältlich?

Es gibt im Wesentlichen zwei Darreichungsformen: das sind einmal die unterschiedlichen Cannabisblüten. Sie werden in der Apotheke oder von den Patienten selbst mit einer Mühle granuliert. Durch das Verdampfen mit Hilfe eines Vaporizers entfaltet sich die Wirkung. Die Mehrzahl der Patienten bekommt allerdings keine Blüten, sondern Vollextrakte in Form von Tropfen, weil das weniger Aufwand ist. Auch hier gibt es inzwischen viele Anbieter. Eine andere Möglichkeit sind Sprays, die auf die Wangenschleimhaut gesprüht werden, wovon ich allerdings nicht so viel halte, weil die Schleimhäute gereizt werden können.

Inhaltsstoffe der Cannabispflanze

Welche Inhaltsstoffe der Cannabispflanze sind für die von Ihnen beschriebenen Wirkungen verantwortlich?

Eine Cannabisblüte enthält bis zu 600 Substanzen. Die wichtigsten sind Cannabinoide und Terpene. Von den Cannabinoiden allein sind etwa 100 bekannt, die nach heutigem Wissensstand wichtigsten sind das Cannabidiol – CBD –, das Cannabinol – CBN – und das Delta-9-Tetrahydrogencannabinol – THC. Sie wirken schmerzlindernd und stressmindernd, weil sie an Cannabinoid-Rezeptoren binden und so die Reizübertragung blockieren. Anders als Opioid-Rezeptoren finden sich Cannabinoid-Rezeptoren nicht nur im Gehirn, sondern fast im gesamten Körper. Sie kommen unter anderem auch im Verdauungstrakt vor – deshalb helfen diese Produkte bei entzündlichen Darmerkrankungen -, in den Muskeln, den Organen und besonders auch im Immunsystem.

Macht die Einnahme von medizinischem Cannabis eigentlich süchtig?

Zur Person

Konrad Cimander hat Chemie und Humanmedizin studiert. Er ist Experte für Infektiologie, HIV- und Hepatitis-C-Therapie, Suchterkrankungen sowie für Cannabis-Medizin.

Seit 1993 leitet er das Kompetenzzentrum für Suchtmedizin, Infektiologie und Cannabis-Therapie in Hannover, ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Medizinal-Cannabis-Gesellschaft und Mitglied im Bundesfachausschuss Gesundheit der FDP. pam

Vor allem älteren Patienten muss ich oft solche Ängste nehmen und ihnen sagen, dass Cannabis kein Teufelszeug ist. Dazu muss man grundsätzlich wissen: Abhängig von Cannabis kann man werden, wenn man es im jugendlichen Alter häufiger als Genussmittel konsumiert. Jenseits eines Alters von etwa 27 Jahren ist unser Gehirn nicht mehr so vulnerabel für Abhängigkeiten.

Aber es gibt doch Menschen, die erst in höherem Alter alkoholabhängig werden.

Das stimmt schon, aber man kriegt es dann in der Regel besser in den Griff. Wer als junger Mensch abhängig von einer Droge wird, bleibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit sein Leben lang.

Cannabis: Kein Heilungsmittel, aber schmerzlindernd

Wo verlaufen die Grenzen der Möglichkeiten von medizinischem Cannabis?

Auch Cannabis kann nicht heilen. Das ist nichts Ungewöhnliches, denn die Medizin heilt auch nicht in jedem Fall. Schmerz kann leicht chronifizieren und ist dann im Gehirn nicht mehr löschbar. Schmerzkrankheiten sind chronische, lebenslange Erkrankungen, die man nicht heilen, aber ertragbar machen kann, so dass die Lebensqualität wieder steigt. Grenzen kann aber auch die Verträglichkeit setzen. Wenn jemand nicht gut mit Cannabis klarkommt, muss man es wieder absetzen.

Welche Nebenwirkungen sind möglich?

Grundsätzlich ist Cannabis pharmakologisch nicht besonders gefährlich, weltweit ist kein Todesfall bekannt. Die Hauptnebenwirkungen sind vor allem zu Beginn der Behandlung Schwindel, Tagesmüdigkeit, Missempfindungen, Mundtrockenheit und ein Anstieg der Herzfrequenz. Im Vergleich zu anderen Substanzen ist das wenig, manche spüren aber auch gar nichts. In der Einstellungsphase muss man schauen, wie trittsicher man ist und ob man Autofahren kann. Als Cannabis-Patient bekommt man übrigens eine Karte, die bestätigt, dass man Patient ist und nicht illegal konsumiert.

Wie ist die Akzeptanz in der Ärzteschaft, wie gut ist der Wissensstand?

Das ist eine entscheidende Frage. Leider sind wir hier noch nicht so weit, obwohl die Nachfrage von Seiten der Patienten sehr hoch ist. Ich mache selbst Weiterbildung für Ärzte. Weiterbildung ist sehr wichtig, denn die Palette an Cannabisprodukten wird immer unübersichtlicher – und damit wird es schwieriger, das richtige Mittel in der richtigen Konzentration für die richtige Diagnose zu finden. Ich nehme mir fast eine Stunde Zeit für jeden Patienten, und das kann eine normale Praxis überhaupt nicht leisten. Außerdem sieht das Gesetz vor, dass ein Antrag gestellt wird, damit die Verordnung bewilligt werden kann. Wenn der Antrag gestellt wurde, entscheidet der medizinische Dienst der Krankenkasse, ob dem stattgegeben wird. Wird der Antrag abgelehnt, kann der Patient Widerspruch einlegen, wird auch der abgelehnt, muss man vor dem Sozialgericht klagen.

Der Arzt Konrad Cimander arbeitet in der Praxis mit Cannabinoiden und setzt sich für einen breiteren Einsatz in der Medizin ein.

Das klingt sehr kompliziert.

Das ist es auch. Für die Ärzte stehen Aufwand und Ertrag in keinem Verhältnis. Noch ist medizinisches Cannabis bei den meisten Darreichungsformen eine sogenannte Off-Label-Behandlung, deshalb sind die Hürden für die Verordnung extrem hoch. Bei mir im Zentrum beträgt die Wartezeit für Patienten derzeit sechs Monate, diese Situation ist für mich total unbefriedigend. Das wird sich vermutlich erst ändern, wenn der Fünf-Jahres-Zeitraum für die Datenerhebung zu medizinischem Cannabis im Frühjahr 2022 vorbei ist, die gesammelten Daten ausgewertet worden sind und die Mittel regulär verordnet werden können. (Interview: Pamela Dörhöfer)

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