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Attila Hildmann
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Im Angesicht eines Polizisten ganz brav: Attila Hildmann. (Archivbild)

Vegan-Koch

Haftbefehl gegen Attila Hildmann: Gab es einen „Maulwurf“? Staatsanwaltschaft ermittelt in eigenen Reihen

  • VonMirko Schmid
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Attila Hildmann hält sich nach wie vor in der Türkei auf. Wie Recherchen jetzt ergeben, könnte er bezüglich eines Haftbefehls vor seiner Flucht gewarnt worden sein.

Update vom Dienstag, 18.05.2021, 12.00 Uhr: Die Berliner Staatsanwaltschaft vermutet, dass Informationen über einen Haftbefehl gegen den Verschwörungserzähler Attila Hildmann aus den eigenen Reihen unzulässig weitergereicht wurden. Es werde gegen Unbekannt wegen Verletzung von Dienstgeheimnissen ermittelt, teilte die Staatsanwaltschaft am Dienstag mit.

Hildmann befindet sich seit Monaten in der Türkei, ein Haftbefehl wegen des dringenden Verdachts der Volksverhetzung kann deshalb nicht vollstreckt werden. Der 40-Jährige hat laut Staatsanwaltschaft neben der deutschen auch die türkische Staatsbürgerschaft. Mit seiner Rückkehr sei derzeit nicht zu rechnen, heißt es.

Attila Hildmann wusste offenbar von Haftbefehl: Gab es einen „Maulwurf“?

Erstmeldung vom Montag, 17.05.2021, 21.00 Uhr: Berlin – Attila Hildmann hält sich aller Wahrscheinlichkeit nach weiter in der Türkei versteckt, von wo aus er seine Telegram-Gefolgschaft mit immer wirreren, antisemitischen Botschaften eindeckt. Inzwischen scheint er eine neue Eskalationsstufe erreicht zu haben, nutzt fast ausschließlich Versalien (in der digitalen Kommunikation als Ausdruck des Schreiens bekannt) und versucht fast schon krampfhaft, in jedem Satz das Wort „Jude“ unterzubringen.

Die Schwelle zur Volksverhetzung überschreitet Hildmann in seinen erratisch und manisch wirkenden Kurznachrichten inzwischen regelmäßig, es scheint schwer vorstellbar, dass der ehemalige Fernseh-Tänzer noch einmal nach Deutschland zurückkehren wird, so konsequent reißt er alle Brücken in das Land, um das er sich zu sorgen behauptet, inzwischen ein. Doch Hildmanns – deutsche Gesetze zugrunde gelegt – tagtägliche Rechtsbrüche sind lediglich Zugaben. Die Berliner Staatsanwaltschaft nämlich hat bereits vor Hildmanns Flucht in die Türkei genug Material gegen den Rechtsextremisten gesammelt, um ihn per Haftbefehl zu suchen.

Dieser jedoch konnte bisher nicht vollstreckt werden, da sich Attila Hildmann aus Angst vor der Konsequenz der eigenen Worte Hals über Kopf (wohl) in die Türkei aufmachte und seither keine Anstalten gemacht hat, seinen Aufenthaltsort kundzutun. Und selbst wenn er es täte: Seine türkische Staatsbürgerschaft – nicht zuletzt verbunden mit seit seiner Flucht auffällig lobenden Worten für Machthaber Recep Tayyip Erdoğan – schützt ihn vor einer Auslieferung, selbst wenn er in der Türkei aufgefunden werden würde. Davon geht auch die Staatsanwaltschaft aus, die auf Twitter mitgeteilt hatte, dass sie derzeit keine großen Hoffnungen auf eine baldige Festsetzung hegt.

Attila Hildmann erfuhr von Haftbefehl - und flüchtete in die Türkei

Nun legen gemeinsame Recherchen der Süddeutschen Zeitung und des WDR nahe, dass Attila Hildmann bereits vor der Staatsanwaltschaft davon erfahren haben könnte, dass die zuständige Richterin am Amtsgericht Berlin-Tiergarten einen Haftbefehl gegen ihn erlassen hatte. Denn über diesen Haftbefehl gegen Hildmann sei erst am Nachmittag des 19. Februar entschieden worden. Erst drei Tage später, am Montag, dem 22. Februar, sei die Staatsanwaltschaft über die Entscheidung der Richterin informiert worden.

Und somit wohl nach Attila Hildmann und seiner gesamten Gefolgschaft. In einem von Attila Hildmann selbst in seine Telegram-Gruppe weitergeleiteten Beitrag eines Accounts namens „Anonymous Germany“ heißt es um 0.10 Uhr in der Nacht auf den 20. Februar: „Uns wurde heute sicher bestätigt, dass für Attila Hildmann ein Haftbefehl wegen des Aussprechens der Wahrheit vorliegt. Bitte informiert ihn darüber, dass er dringend untertauchen muss!“

Am folgenden Morgen, genauer um 8.28 Uhr, verbreitete Attila Hildmann eine drei Minuten und dreißig Sekunden lange Sprachbotschaft. Sie beginnt mit: „Guten Morgen. Das Erste, das ich heute auf Telegram gelesen habe: Haftbefehl gegen Attila Hildmann“. Er weist den Vorwurf der Volksverhetzung von sich („ich bin kein Anwalt, aber ich kenne mich strafrechtlich sehr, sehr gut aus“), spricht von einem Haftbefehl, behauptet es läge keine Flucht- oder Verdunklungsgefahr vor. Sein Appell an die Strafverfolgungsbehörden: „Ich bin hier in Dortmund, holt mich doch ab.“

NameAttila Klaus Peter Hildmann
Berufehem. Unternehmer
ehem. Kochbuchautor
ehem. TV-Show-Teilnehmer
Alter40 Jahre

Attila Hildmann beschuldigt „Polizisten“

Anschließend scheint Hildmann Zeit schinden zu wollen: „Ich bitte euch von Herzen: Wenn ihr ein Problem mit Attila Hildmann habt – er hat einen Anwalt, ihr habt Gericht, ihr habt Polizei, ihr habt alles – schickt ihm eine Vorladung. Wenn er nicht zum Gericht kommt, dann kann man immer noch Haftbefehl erwirken und, ja, durchführen.“

Seine Sprachnachricht, so drückt er es selbst aus, ist also die Reaktion darauf, dass er auf Telegram davon erfahren habe, dass ein Haftbefehl gegen ihn erlassen wurde. Tage, bevor dieser Haftbefehl an die Staatsanwaltschaft ausgehändigt werden sollte. Laut Angaben der Staatsanwaltschaft konnten zu diesem Zeitpunkt nur wenige Menschen von dem frisch ausgestellten Haftbefehl Kenntnis gehabt haben. Dabei soll es sich um die Haftrichterin selbst, ihren Mitarbeiter, eine Sekretärin der Geschäftsstelle des Amtsgerichts sowie um einen Sicherheitsbediensteten gehandelt haben, der die Akte transportiert hatte. Weder Attila Hildmann noch seine juristischen Beistände seien zu diesem Zeitpunkt vom Gericht informiert gewesen.

Später deutete Attila Hildmann das Geschehen um und behauptete, er habe erst von seiner Mutter von dem Haftbefehl gegen ihn erfahren, nachdem am besagten Wochenende Polizeibeamte bei dieser geklingelt und sich nach ihm erkundigt haben sollen. Auch hätten diese die Existenz des Haftbefehls ausgeplaudert.

Version des Attila Hildmann kann nicht stimmen - Frage nach „dem Maulwurf“ bleibt offen

Und obwohl diese Version der Geschichte schlicht nicht stimmen kann – hatte Attila Hildmann doch selbst in der Nacht von Freitag auf Samstag die „Warnung“ des „Anonymous“-Accounts in seine Gruppe weitergeleitet und sich am Morgen auf diesen bezogen – hält der Flüchtige weiter an ihr fest. Am 17. Mai 2021 behauptet Hildmann, wie inzwischen üblich in Versalien, in seiner Telegram-Gruppe erneut, dass Polizisten „vom LKA Berlin, die bei meiner Mutter nach mir fragten“ in Wirklichkeit „der Maulwurf“ gewesen sein sollen.

Offen bleibt somit die Frage, wie entweder Attila Hildmann selbst, seine Rechtsbeistände oder eben der oder die Inhaber:in(nen) des „Anonymous“-Accounts an die Information über den bereits ausgestellten Haftbefehl gekommen waren. Hildmann nutzte das Wochenende dann auch, um sich nicht wie angekündigt in Dortmund zu stellen, sondern um sich auf schnellstem Wege auf die Flucht vor der deutschen Justiz und damit letztlich vor seinen eigenen Worten zu machen. (Mirko Schmid)

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