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„Moscheen sind unsere Stützpunkte“: Demonstrantinnen in Istanbul prangern Islamophobie an.

Attentate von Christchurch

Erdogan macht sich den Terror zunutze

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Der türkische Präsident interpretiert den Anschlag auf zwei Moscheen in Neuseeland als Attacke auf sein Land. 

In der Türkei ist der rassistisch motivierte Anschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch zum Wahlkampfthema avanciert. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verwendete die Nachricht vom Mord an 50 Menschen sofort in seiner Kampagne zu den landesweiten Kommunalwahlen in zwei Wochen, die er zur Überlebensfrage des Landes erklärt hat. Den Anschlag interpretierte er als christliche Bedrohung, die von den Kreuzzügen bis zu heutigen Angriffen auf die türkische Nation und seine Person reichten. „Ich will keinen neuen Krieg zwischen Kreuzfahrern und dem Halbmond“, sagte er bei Wahlreden am Wochenende, „aber wir werden nicht zögern zu tun, was nötig ist.“

Laut staatsnahen Medien erinnerte der Präsident seine Zuhörer an „ähnliche Versuche“ durch die „regierungsfeindlichen“ Gezi-Proteste von 2013 und sagte, dass der Anschlag in Neuseeland nicht der erste sei, der auf die Türkei ziele. Die „Feinde der Türkei“ wollten einen „Terrorkorridor an den türkischen Grenzen errichten“, so Erdogan. „Sie haben ein Problem mit der Türkei. Deshalb sagen wir, dass die Kommunalwahlen am 31. März eine Frage des Überlebens sind.“

Zuvor hatten alle Parlamentsparteien der Türkei in einer seltenen gemeinsamen Erklärung den Anschlag als „Resultat des auf islamophoben und fremdenfeindlichen Hassreden beruhenden Rassismus“ verurteilt und westliche Regierungen und Medien dazu aufgerufen, Erklärungen zu vermeiden, die islamfeindliche Emotionen schürten. Zugespitzter formulierte ein Sprecher von Erdogans islamischer Regierungspartei AKP mit Bezug auf das Manifest des rechtsradikalen Terroristen Brenton Tarrant, der die Türkei offenbar mehrfach besucht hatte, dass eine „Atmosphäre von Islamophobie und Turkophobie“ im Westen den Anschlag erst ermöglicht habe. Die zu rund 95 Prozent gleichgeschalteten Medien der Türkei folgen diesem Narrativ. „Verbrennen, zerstören, töten. Die Islamophobie der westlichen Kreuzzügler wächst weiter“, schreibt die islamistische „Yeni Akit“; das nationalistische Blatt „Türkiye“ nennt den Attentäter einen „radikalen christlichen Terroristen“.

Die Opposition übte allerdings scharfe Kritik daran, dass Erdogan bei mehreren Wahlreden vor Tausenden Zuhörern die international geächteten Videoaufnahmen der Tat, die Tarrant selbst drehte, auf riesigen Leinwänden abspielen ließ, um damit Wählerstimmen zu gewinnen. Die Nachrichtenwebseite „T24“ zitierte den Sprecher der größten Oppositionspartei CHP, Faik Öztrak, mit den an Erdogan gerichteten Worten: „Würden Sie die Bilder dieses Massakers Ihren Enkeln zeigen? Videos zu zeigen, die mit dem Ziel der Propaganda in den Medien gemacht wurden, ist inakzeptabel.“

Attentäter reiste in die Türkei

Der Attentäter Tarrant hatte in seinem vor der Tat veröffentlichten Manifest erklärt, sein Ziel sei es, einen Keil zwischen die Türkei und die Nato zu treiben: „Wenn ihr Muslime irgendwo westlich des Bosporus leben wollt, werden wir euch töten und von unserem Land jagen. Wir werden alle Moscheen in Istanbul zerstören.“ Die Drohung kommentierte Erdogan bei einer Rede im westtürkischen Tekirdag mit den Worten: „Wie kann ein Mörder vom anderen Ende der Welt mit solch bösen Absichten gegen Muslime und Türken handeln?“ Gleichzeitig stellte er indirekt einen Zusammenhang zum Putschversuch vom 15. Juli 2016 her, denn der 28-jährige australische Terrorist war laut Angaben des staatlichen Fernsehsenders „TRT“ vier Monate zuvor und zwei Monate danach in die Türkei gereist. „Er kam nach Istanbul einmal für drei Tage und beim zweiten Mal für 40 Tage. Was für Verbindungen hatte er? Wir werden es herausfinden!“ Die türkischen Behörden wollen nun Tarrants Aufenthalte in der Türkei näher untersuchen.

Offensichtlich nutzt Erdogan den Anschlag, um seine religiösen Anhänger hinter sich zu versammeln – zu einem Zeitpunkt, an dem Wahlforscher eine drohende Niederlage der AKP wegen der eskalierenden Wirtschaftskrise im Land prognostizieren. Welch große Bedeutung er dem Ereignis beimisst, unterstrich er, indem er am Wochenende seinen Vizepräsidenten Fuat Oktay und Außenminister Mevlüt Cavusoglu mit einer Delegation nach Neuseeland schickte, um ihr Mitgefühl mit den Neuseeländern auszudrücken und „vor Islamophobie und Xenophobie zu warnen“.

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