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SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier inmitten seines Schattenkabinetts.
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SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier inmitten seines Schattenkabinetts.

SPD-Wahlkampf

Attacke aus der Idylle

  • VonSteffen Hebestreit
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Der Kanzlerkandidat der Sozialdemokraten setzt auf Frauen und frische Geister. Eine Galerie des Kompetenzteams. Von Steffen Hebestreit

Potsdam. Grün glitzert der Templiner See, grün leuchten die Bäume am Podium. Grün ist die Farbe der Hoffnung, und die Hoffnungen der SPD ruhen auf Frank-Walter Steinmeier. Er spiele auf Sieg, nicht auf Platz, ruft der Kanzlerkandidat an diesem Donnerstag, als er sein Kompetenzteam vorstellt. Die Wahl sei offen, die SPD habe die "besseren Köpfe und die besseren Ideen". Zumindest jünger und weiblicher präsentieren sich diese sozialdemokratischen Köpfe. Eingerahmt von vielen Damen bittet Steinmeier zum Gruppenbild. Zehn Frauen und acht Männer wollen den Kandidat unterstützen. Neben den amtierenden Ministern mit Ausnahme der unglücklichen Ulla Schmidt steht manch Unbekannter.

Knapp 24 Stunden hat Steinmeier seine Mannschaft in einem Potsdamer Hotel versammelt, um die 59 Tage bis zur Wahl zu planen. Arbeit, Bildung und Wirtschaft sind die Themen seines Wahlkampfs. Sein Team soll ihn unterstützen mit Interviews, Veranstaltungen und eigenen Auftritten. "Ich bin rundum zufrieden", sagt Steinmeier noch. Die Sonne scheint, der See glitzert. In der Farbe der Hoffnung.

Ulrike Merten, 57

Die unscheinbare Außenverteidigerin: Als Vorsitzende des Verteidigungsausschusses ist die Bielefelderin zwar sehr gewissenhaft, aber wenig aufgefallen. Überhaupt ist die gelernte Drogistin bestenfalls Bundestags-Insidern ein Begriff. Seit 1998 sitzt sie im Parlament, seit 37 Jahren ist sie SPD-Mitglied. Sie kenne sich nicht nur aus in Verteidigungsfragen, lobt Steinmeier, sondern sei auch bekannt in der Bundeswehr. Immerhin. Der Kanzlerkandidat wertet Mertens Berufung als Signal der Gleichstellung. Schließlich wäre sie die erste Frau an der Spitze des Verteidigungsministeriums.

Thomas Oppermann, 55

Der ehrgeizige Senkrechtstarter: In seiner ersten Amtszeit im Bundestag hat der Göttinger schnell Karriere gemacht. Als SPD-Obmann im BND-Untersuchungsausschuss hat er viel Ungemach von Steinmeier fern gehalten. 2007 fand Fraktionschef Peter Struck in ihm einen ehrgeizigen wie fleißigen Parlamentarischen Geschäftsführer. Das nicht gerade unterentwickelte Selbstbewusstsein des Juristen speist sich daraus, es einst unter Ministerpräsident Gerhard Schröder recht jung zum Wissenschaftsminister gebracht zu haben. Als Mann fürs Innenressort spielt Oppermann nun gegen Wolfgang Schäuble.

Andrea Nahles, 39

Die ewige Jungpolitikerin: Die Ressorts Bildung und Integration sind es letztlich für die stellvertretende SPD-Vorsitzende geworden, weil ihr Spezialgebiet Arbeit und Soziales durch Olaf Scholz abgedeckt ist. Steinmeier will bewusst Bildung und Integration verknüpfen, schließlich sorge oftmals die schlechte Integration von Migrantenfamilien dafür, dass die Kinder aus diesen Familien geringere Bildungschancen haben. Als Beruf führt der Nahles Lebenslauf inzwischen Literaturwissenschaftlerin an, wobei sie sich vorzüglich auf die Lektüre von Parteiprogrammen, Anträgen und Resolutionen versteht.

Manuela Schwesig, 35

Die blonde Allzweckwaffe: Die Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern ist der Star der Truppe. Jung, hübsch, blond und überaus kompetent lauten die Adjektive, mit denen die gelernte Finanzbeamtin in der SPD beschrieben wird. Keine Minute gezögert, habe er, erzählt Steinmeier, sie in sein Team zu berufen. Als verheiratete, berufstätige Mutter einer Tochter deckt die ehrgeizige Brandenburgerin gleich eine ganze Reihe von Feldern ab, in denen die SPD-Führungsspitze traditionell eher schwach ist. Schwesig wird bereits seit längerem als politisches Talent mit Glamourfaktor gehandelt.

Harald Christ, 37

Die gute Heuschrecke: Der Inhaber mehrerer Investitionsfirmen soll im Team Steinmeier die Mittelstandsinteressen wahren. Christ ist der einzige Seiteneinsteiger in der Wahlkampfmannschaft, war aber zuletzt als möglicher Kandidat für die Nachfolger des Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin im Gespräch. Der sozial Engagierte soll zum Gegenbild des umtriebigen Wirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) aufgebaut werden. Anders als der Adlige kann Christ allerdings, wie die SPD nicht müde wird zu betonen, als "Sohn eines Opel-Arbeiters" sozialdemokratischen Stallgeruch vorweisen.

Barbara Hendricks,57

Der kompetente Finanz-TÜV: Die Schatzmeisterin der SPD, die auch dem Herausgeberrat der FR angehört, soll sich im Wahlkampfteam um die Verbraucherpolitik kümmern. Den Schwerpunkt will die Ex-Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium auf das Thema Verbraucherschutz bei Finanzdienstleistungen legen. Als Anwältin der kleinen Anleger kann die erfahrene Finanzpolitikerin die Folgen der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise wohl durchbuchstabieren. Welche Geldanlagen sind sinnvoll, welche Finanzmarktprodukte brandgefährlich? Diese Fragen soll Hendricks beantworten.

Carola Reimann, 41

Die beharrliche Forscherin: Keine Sekunde habe sie überlegt, erzählt Reimann, als Steinmeier sie vor Wochen angerufen habe. "Ja, was glauben Sie denn", sagt ihr Blick. Sie brenne für die Forschung, fügt sie noch hinzu. Natürlich wäre Reimann, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, genauso geeignet gewesen, das Ressort Gesundheit kompetent im Team zu vertreten. Doch dieser Posten bleibt bekanntlich vakant wegen Ulla Schmidts Dienstwagenaffäre. Längst vor dem Ungemach habe sie mit Steinmeier ihre Team-Mitgliedschaft vereinbart. Etwaigen Legenden will sie wohl vorbeugen.

Karin Evers-Meyer, 49

Der gute Mensch: Die Bundesbehindertenbeauftragte soll sich auch in Steinmeiers Team um die Belange von Menschen mit Behinderung kümmern. Ungewöhnlich genug, dass der Kanzlerkandidat diesem Thema einen eigenen Posten zuerkennt. Steinmeier trat am Donnerstag aber dem Eindruck entgegen, er habe damit lediglich den Frauenanteil in seiner Mannschaft erhöhen wollen. Nein, die Gleichstellung, die er sich auf die Fahnen geschrieben habe, umfasse auch gleiche Rechte für die Belange von Behinderten. Seit sieben Jahren gehört Evers-Meyer dem Bundestag an. Zuvor arbeitete sie als freie Autorin.

Dagmar Freitag, 56

Die sportliche Funktionärin: Wieso muss das Kompetenzteam eines Kanzlerkandidaten eine eigene Beauftragte für Sport haben? Frank-Walter Steinmeier holt Luft, und hebt dann ab auf die Bedeutung des Sports - auch in integrationspolitischer Hinsicht. Klar, für Dagmar Freitag gilt ein wenig das, was für Karin Evers-Meyer gilt. Ihre Ämter scheinen auch ein bisschen dem Bemühen gezollt, das Wahlkampfteam um den Kandidaten jünger und weiblicher erscheinen zu lassen. Sei es drum, die sportpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion ist eine erfahrene Kraft. Sie sitzt seit 15 Jahren im Bundestag.

Hubertus Heil, 36

Der treue Parteimensch: Was hat Hubertus Heil in den vergangenen vier Jahren nicht alles für die SPD geleistet? Als Generalsekretär hat er drei Vorsitzende und einem Interims-Vorsitzenden erlebt, unter Kurt Beck war er mit ungeahnter Machtfülle ausgestattet, unter Franz Müntefering wurde er degradiert. Doch mit Beharrlichkeit und einem hohen Maß an Loyalität hat sich Heil im Haifischbecken Willy-Brandt-Haus behauptet. Nun darf er als Beauftragter für Neue Medien das Kompetenzteam von Steinmeier vervollständigen. Vielleicht, weil seine Twitter-Beiträge vom US-Wahlkampf so legendär waren.

Udo Folgart, 53

Der kernige Landwirt: Erst am Samstagabend erhielt er einen Anruf von Steinmeier. 48 Stunden Bedenkzeit nahm sich Folgart, dann sagte der zweite Brandenburger im SPD-Team zu, für die Landwirtschaftspolitik einzutreten. Der gelernte Landwirt, der fünf Jahre lang der LPG Paaren vorsaß, knüpfte erste Kontakte zu Steinmeier auf SPD-Veranstaltungen, schließlich liegt sein Hof im neuen Wahlkreis des Kanzlerkandidaten. Zwar ist er nicht in der SPD, dennoch hat der Vater zweier Kinder Parlamentserfahrung gesammelt. Seit 2004 sitzt der Parteilose als Abgeordneter im Potsdamer Landtags.

Barbara Kisseler, 59

Die schöngeistige Metropolitin: Insidern ist die Leiterin der Berliner Senatskanzlei von Klaus Wowereit durchaus ein Begriff und in der Kulturszene soll Kisseler einen guten Ruf genießen. Gleichwohl scheint ihre Berufung auch einem gewissen Proporzdenken des SPD-Kandidaten geschuldet, auch das weitere Umfeld eines möglichen künftigen Widersachers in Berlin enger einzubinden. Anders als vielen liegt Steinmeier sehr viel an der Kulturpolitik, im Auswärtigen Amt hat er eigens einen Beauftragten für die auswärtige Kulturpolitik installiert. Steinmeier unterhält zudem enge Kontakte in die Szene.

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