1. Startseite
  2. Politik

Sicherheitsexperte über Atomwaffen: „Es geht um massive Gewalt“

Erstellt:

Von: Karin Dalka

Kommentare

Raketensprengköpfe russischer Bauart auf einem Raketenwerfer.
Raketensprengköpfe russischer Bauart auf einem Raketenwerfer. © Getty Images/iStockphoto

Sicherheitsexperte Peter Rudolf über die Abschreckungsdoktrin, die Ratlosigkeit von Nuklearstrategien und das Märchen vom „Schutzschirm“.

Herr Rudolf, Sie erwarten eine neue Debatte über nukleare Abschreckung in Deutschland. Aber ist es nicht vielmehr so, dass diese Doktrin wegen des Ukraine-Kriegs so akzeptiert ist, wie sie es lange nicht mehr war? In der Bevölkerung spricht sich erstmals seit Jahren eine Mehrheit dagegen aus, die US-Atomwaffen vom Fliegerhorst Büchel in der Eifel abzuziehen. Und in den Ampel-Parteien verstummen all jene, die die Doktrin infrage stellen. Warum rechnen Sie trotzdem damit, dass die Debatte wieder anhebt?

In der Tat: Nukleare Abschreckung scheint weniger umstritten als in der Vergangenheit, zumindest im Vergleich zu den 1980er Jahren. Russlands nukleares Säbelrasseln hat da zu einer veränderten Wahrnehmung geführt. Gleichwohl muss die Nato darüber nachdenken, welche Rolle Atomwaffen in ihrem Abschreckungskonzept haben sollen.

Atomwaffen: Interview mit Sicherheitsexperte Peter Rudolf

Für Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg steht fest: Nukleare Abschreckung hat jahrzehntelang den Frieden gesichert. Von Zweifeln ist da nichts zu hören.

Das ist ein Glaubensbekenntnis. Es kann sein, dass das stimmt. Es kann aber auch sein, dass die Sowjetunion gar kein Interesse an einem neuen großen Krieg hatte. Was wir auf jeden Fall wissen: Die nukleare Abschreckung hat zu Krisen geführt, die in einem Atomkrieg hätten enden können. Nicht nur in der Kuba-Krise 1962, sondern auch während eines Nato-Manövers 1983 sind wir an einem atomaren Konflikt knapp vorbeigeschrammt. Nukleare Abschreckung ist also ein zweischneidiges Schwert.

Das klingt nach einer hochriskanten Strategie, auf die sich die Welt nicht dauerhaft verlassen sollte.

Atomwaffen sind vor allem politische Waffen, die in Krisen eingesetzt werden, um einen Gegner abzuschrecken. So will Präsident Putin mit seiner nuklearen Drohung die Nato von einer Intervention im Ukraine-Krieg abhalten. Ein Abschreckungsverhältnis legt Zurückhaltung nahe. Die zentrale Frage ist aber, wie sich Atomwaffenstaaten in einer ernsten Krise tatsächlich verhalten und ob es zu einer nicht mehr beherrschbaren Zuspitzung kommt. Wenn einmal eine Seite Nuklearwaffen einsetzt, was macht dann die andere Seite? Lässt sich ein Atomkrieg, wenn er einmal begonnen wurde, begrenzen oder nicht? Darauf haben Nuklearstrategen keine wirkliche Antwort.

Und wie beantworten Sie diese Frage?

Die nuklearen Planspiele in den USA, soweit sie bekannt sind, haben am Ende immer zu einer Eskalation geführt.

Die größte Gefahr ist demnach, dass die Situation außer Kontrolle gerät.

Das ist das berühmte „Chicken Game“: Zwei Autos rasen aufeinander zu – wer zieht als Erster zur Seite? Das Riskante an der nuklearen Abschreckung besteht darin, dass die eine Seite darauf vertraut, dass die andere Seite zurückschreckt. Ein Abschreckungstheoretiker hat das vor 60 Jahren mal als „Wettstreit in der Risikobereitschaft“ bezeichnet.

Könnte die Welt in einen Atomkrieg schlittern?

Wie groß ist das Risiko, dass die Welt unbeabsichtigt in einen Atomkrieg schlittert – durch Fehlalarme und Missverständnisse?

Die Gefahr besteht. Stellen Sie sich beispielsweise vor, das russische Militär würde den Einsatz taktischer Atomwaffen in der Ukraine vorbereiten. Unter Umständen würde Russland auch die Interkontinentalraketen in einen höheren Bereitschaftsgrad versetzen, weil damit gerechnet würde, dass dies auch die USA tun. Dann würden vielleicht russische Atom-U-Boote auslaufen, US-amerikanische Jagd-U-Boote würden sich dranhängen. Auf amerikanischer Seite wird das Risiko sehr klar gesehen, dass es in einer solchen Situation zu einer unbeabsichtigten Eskalation kommen könnte – auch weil die Zeitfenster sehr klein wären.

Eine atomwaffenfähige Rakete des pakistanischen Typs Shaheen 1A hebt zu einem Testflug ab (Archivbild). ISPR/AFP
Eine atomwaffenfähige Rakete des pakistanischen Typs Shaheen 1A hebt zu einem Testflug ab. (Archivfoto) © ISPR/afp/Archivbild

Das ist nicht nur höchst beunruhigend. Dieses Risiko ist auch unter ethischen Gesichtspunkten inakzeptabel – und damit die atomare Drohung selbst. Weil sie, um glaubwürdig abschreckend wirken zu können, einen Atomwaffeneinsatz nicht ausschließt.

Apologeten der Abschreckung argumentieren, dass Atomwaffen präzise gegen militärische Ziele eingesetzt werden können, etwa gegen Kriegsschiffe auf hoher See oder gegen Militäranlagen in weiter Entfernung zu Städten, ohne dass Millionen Zivilisten getötet würden. Solche Szenarien werden immer wieder benutzt, um einen möglichen Nuklearwaffeneinsatz völkerrechtlich zu legitimieren. Aber von der Idee her beruht Abschreckung darauf, dem Gegner immense Schäden anzudrohen. Das ist moralisch nicht zu rechtfertigen. Das moralische Dilemma bleibt unaufhebbar.

Neue Klimamodelle beschreiben die katastrophalen Folgen auch regional begrenzter Atomkonflikte. Ein nuklearer Winter würde demnach globale Nahrungsketten zerstören und den Hungertod von Milliarden Menschen bedeuten. Ist das im Diskurs über Atomwaffen relevant?

Das Thema gibt es seit den frühen 80er Jahren, wurde aber lange vergessen. In den 2010er Jahren hat es der Initiative für ein Verbot von Nuklearwaffen Auftrieb gegeben. Aber bislang blieben die klimatischen Auswirkungen weitgehend unbeachtet. Heute sind die Studien, die die klimatischen Folgen und die humanitären Konsequenzen beschreiben, genauer als vor 40 Jahren. Das dürfte die öffentliche Debatte befördern. Grundsätzlich habe ich aber den Eindruck, dass insgesamt über Atomwaffen allzu unbefangen und allzu verdrängend diskutiert wird. Die Risiken nuklearer Abschreckung werden ausgeblendet. Dabei wird das Thema immer brisanter – auch vor dem Hintergrund neuer Großmachtkonflikte zwischen den USA und Russland sowie zwischen den USA und China. Abrüstung und Rüstungskontrolle sind zum Stillstand gekommen.

Und neue Verhandlungen sind unrealistisch. Was ist dann die Alternative?

Das können Gespräche über strategische Stabilität sein. Zwischen den USA und Russland wurden sie aber abgebrochen, zwischen den USA und China gibt es sie noch nicht. Außerdem muss das Tabu am Leben gehalten werden, dass Atomwaffen niemals eingesetzt werden dürfen. Im Januar haben die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats bekräftigt: Ein Atomkrieg kann nicht gewonnen werden und darf nie geführt werden.

Rudolf Peter
Peter Rudolf © swp

Zur Person

Peter Rudolf ist Senior Fellow bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Seine Forschungsbereiche sind Transatlantische Beziehungen und Konflikt- und Krisenprävention.

1985 bis 1987 war er bei der Stiftung Hessische Friedens- und Konfliktforschung, 1991 ging er für ein Jahr nach Harvard. Von 2003 bis 2006 dozierte er an der FU Berlin und war auch tätig für die Deutsche Vereinigung für Politische Wissenschaft.

Was es mit mit sogenannten nuklearen Schutzschirm auf sich hat

Solche Erklärungen reichen vielen Staaten nicht, auch weil die Atommächte ihre Abrüstungsversprechen nicht eingehalten haben. Deshalb gibt es den Verbotsvertrag, der seit einem Jahr in Kraft ist. Er ächtet Atomwaffen. Sollte Deutschland die Forderung aus der Friedensbewegung erfüllen und dem Vertrag beitreten?

Solange Deutschland nicht aus der nuklearen Teilhabe aussteigt und auf deutschem Boden Atomwaffen stationiert sind, kann es den Vertrag nicht unterzeichnen. Aus meiner Sicht hätte eine Unterschrift unter das Abkommen auch nur eine symbolische Wirkung. Es stigmatisiert Atomwaffen, führt aber nicht zu ihrer Eliminierung.

Welt im Alarmzustand
Welt im Alarmzustand – Peter Zudolf © Dietz-Verlag

Wobei Symbolpolitik durchaus Wirkung haben kann. Anders gefragt: Deutschland und andere Staaten setzen auf den sogenannten nuklearen Schutzschirm. Verspricht der eine Sicherheit, die es so nicht gibt?

Es gibt keinen „Schutzschirm“, das ist Unsinn. Das Denken in Bildern ist verbreitet, sie schaffen aber keine Klarheit. Das gilt auch für Begriffe aus dem Militärjargon. Wir sprechen von „Eskalationsdominanz“ in der Vorstellung, dass man einen Konflikt stufenweise eskalieren und unter Kontrolle halten könnte. Wir sprechen von „Kollateralschäden“, gemeint sind ungeheure Verluste unter der Zivilbevölkerung. Solche Begriffe vernebeln und verdunkeln das, worum es eigentlich geht: den massiven Einsatz von Gewalt. (Interview: Karin Dalka)

Auch interessant

Kommentare