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Atomkraft: Vom „Phantom“ des AKW-Streckbetriebs

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Von: Joachim Wille

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Das Atomkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein soll im Dezember seinen Betrieb einstellen.
Das Atomkraftwerk Brokdorf in Schleswig-Holstein hat seinen Betrieb bereits eingestellt. © imago images/Chris Emil Janßen

Eine BUND-Studie betont die Sicherheitsrisiken bei Atomkraftwerken. Der TÜV hingegen hält es sogar für unbedenklich, stillgelegte Reaktoren zu reaktivieren.

Die Sicherheitsfrage beim Thema AKW-Laufzeitverlängerung rückt zunehmend ins Zentrum der Debatte – zumal man in der FDP und Union nicht mehr nur über einen leistungsschwachen „Streckbetrieb“ zum nächsten Frühjahr, sondern Laufzeiten eventuell über 2024 hinaus diskutiert. Der Umweltverband BUND wartete aber am Donnerstag mit einer Studie auf, wonach ein Weiterbetrieb der drei jetzt noch am Netz befindlichen Kraftwerke ab Januar 2023 nicht genehmigungsfähig ist.

Kernpunkt der Kritik ist, dass die AKW Emsland, Neckarwestheim 2 und Isar 2 seit 13 Jahren nicht mehr umfänglich sicherheitstechnisch überprüft wurden. Die jüngste „Periodische Sicherheitsprüfung“, die mindestens alle zehn Jahre erfolgen, war demnach 2009 – nach Sicherheitsanforderungen aus den 80er Jahren. Von einer Prüfung 2019 sah man unter der Voraussetzung ab, dass die AKW spätestens Ende 2022 abgeschaltet würden.

Studien-Autorin Oda Becker, Physikerin und Expertin für Risiken von Atomanlagen, sagt: „Dass die Atomaufsicht auf dieser Basis Laufzeitverlängerungen (...) genehmigt, ist aus fachlicher Sicht nicht vorstellbar.“ Becker betont, selbst die Betreiber hätten festgestellt, „dass auch ein kurzer Weiterbetrieb nur möglich wäre, wenn der Anspruch an Sicherheitsprüfungen massiv verringert oder umfangreiche Nachrüstungen nicht vorgenommen werden“.

Atomkraft: BUND hält Forderungen für populistisch

Der Geschäftsführer des TÜV-Verbands, Joachim Bühler, hingegen hat keine Sicherheitsbedenken. Sogar die Wiederinbetriebnahme der 2021 stillgelegten Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C sei in Ordnung und brauche nur wenige Wochen oder Monate. Die drei AKW seien „in einem sicherheitstechnischen Zustand, der es möglich machen würde, sie wieder ans Netz zu nehmen“.

Der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt nannte die Forderungen nach einem Weiterbetrieb populistisch: „Energie aus Atomkraft ist unsicher, unrentabel und unnötig.“ Wer angesichts der drohenden Gasengpässe behaupte, nur mit Atomkraft einen warmen Winter ermöglichen zu können, führe eine Scheindebatte. Denn für die Energieversorgung seien die AKW mit einem Anteil von etwa einem Prozent am Endenergieverbrauch weder kurz- noch mittelfristig relevant. Bandt kritisierte weiter, sowohl die Opposition als auch die Regierungsparteien stellten leichtfertig den von einem breiten Konsens getragenen Atomausstieg zur Disposition.

CDU-Chef Friedrich Merz hatte die Bundesregierung aufgefordert, umgehend neue Brenn-stäbe für die drei AKW zu beschaffen, weil ein vorübergehender „Streckbetrieb“ nicht ausreichen werde, um durch die Krise zu kommen. Nach Branchen-Angaben dauert es mindestens ein Jahr von der Bestellung bis zur Auslieferung der Brennstäbe.

Christian Lindner: Deutschland könnte Atomkraft noch länger brauchen

Bundesfinanzminister und FDP-Chef Christian Lindner hält es für „durchaus möglich“, dass Deutschland angesichts der Energiekrise noch für längere Zeit auf Atomkraft zurückgreifen müsse. Zumindest ein paar Jahre. Der FDP-Energiepolitiker Michael Kruse fordert einen „Kernenergiegipfel“ von Regierung und Betreibern, um Sicherheitsfragen und die Bestellung von Brennelementen zu klären.

Der bayerische Wirtschaftsminister Huber Aiwanger (Freie Wähler) forderte jüngst die Wiederinbetriebnahme von Gundremmingen C. Dem widersprachen sowohl der Betreiber RWE als auch der Günzburger Landrat Hans Reichhart energisch. Aiwanger, so der CSU-Landrat, führe eine „Phantomdiskussion“, die nicht weiterhelfe.

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