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Ukraine-Krieg: Auch die Atomkraft hängt von Russland ab

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Von: Stefan Brändle

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Der Nuklearkonzern Rosatom ist bisher glimpflich durch die Sanktionen gegen Russland gekommen, doch das könnte sich ändern. (Symbolbild)
Der Nuklearkonzern Rosatom ist bisher glimpflich durch die Sanktionen gegen Russland gekommen, doch das könnte sich ändern. (Symbolbild) © Andreas Haas/Imago

Europa will die Energieimporte aus Russland stoppen – doch ein Embargo auf Uran ist davon ausgenommen. Der Grund wird im Westen unterschlagen.

Die Kernkraft ist der tote Winkel der Russland-Sanktionen: Dabei gäbe es kaum eine geeignetere Zielscheibe als den Nuklearkonzern Rosatom. Mit seinen 300 Subunternehmen und 250 000 Angestellten ist „die nationale Gesellschaft für Atomenergie“ ein Flaggschiff russischer Wirtschaftsmacht. Gegründet hatte das Staatsunternehmen im Jahre 2007 ein gewisser Wladimir Putin.

Rosatom zu sanktionieren, stand aber im Westen bisher kaum zur Diskussion. Die globalen Verflechtungen sind zu eng, sie gehen zu tief. Rosatom liefert an Kunden in der ganzen Welt insgesamt ein Fünftel des Akw-Brennstoffs Uran. Von den 57 Reaktoren, die auf dem Planeten seit 2011 gebaut wurden, ist der russische Konzern an 13 beteiligt, und zwar offen oder verdeckt federführend. In Osteuropa – Tschechien, Bulgarien, Ungarn, Slowakei und Finnland – vermögen nur russische Ingenieur:innen die teils aus der Sowjetzeit stammenden Meiler zu steuern und unterhalten. Die Gebrauchsanleitung liege im Kreml, resümierte das französische Fachmagazin „L’Usine Nouvelle“.

Trotz Sanktionen: Frankreich kooperiert mit russischem Rosatom

Gerade Frankreich, das die meisten zivilen Reaktoren nach den USA betreibt (deren 56) und über 70 Prozent seines Stroms aus Atomkraft bezieht, kooperiert auf allen Ebenen mit dem Rosatom-Koloss. Die Franzosen verfügen zwar in La Hague über eine eigene Wiederaufbereitungsanlage. Dort stauen sich aber 33 000 Tonnen radioaktives Material, das nur in der sibirischen Fabrik in Tomsk von Rosatom nachbehandelt werden kann. Dieser Umstand wird in Paris gerne verdrängt.

Frankreich ist stolz, dank seiner Atomkraft energiepolitisch unabhängig zu sein. Dies sei allerdings „ein Mythos“, sagt Charlotte Mijeon vom Ausstiegs-Netzwerk „Sortir du Nucléaire“. Seit 2001, als in der Bretagne die letzte Uranmine schloss, importiert Frankreich hundert Prozent des verwendeten Urans. Und Hauptlieferant Kasachstan exportiert sein Uran über Rosatom – hängt also von Putins Plazet ab.

Enge Kooperation: Russen an nuklearer französischer Wertschöpfungskette beteiligt

Russische Ingenieur:innen sind heute in Frankreich an der ganzen nuklearen Wertschöpfungskette beteiligt. Erst Ende 2021 hat Rosatom mit Framatome ein Strategie-Abkommen geschlossen. Dazu gehört das Ziel, dass der russische Konzern 20 Prozent des französischen Akw-Bauers übernimmt. Damit könnten sie sogar bei Entwicklung und Bau der Arabelle-Turbinen – dem Herzstück der französischen Nuklearindustrie – mitreden.

Diese engen Kooperationen sind fast unauflösbar. Das gilt auch für Länder wie die Türkei, Saudi-Arabien, Iran oder China, wo die Russen Reaktoren bauen. Noch abhängiger machen sich Drittweltstaaten, wenn sie russische Atomtechnologie kaufen. Rosatom räume anfangs sehr günstige Zinsen von drei Prozent für den Bau von Kernkraftwerken ein, doch nach fünfzehn Jahre könne die Rechnung bis zu 40 Prozent erreichen, schreibt der südafrikanische Physiker Hartmut Winkler im Akademiker-Magazin „The Conversation“. Das erkläre unter anderem, warum Ägypten, Bangladesh oder Indien die russische Ukraine-Invasion nicht recht verurteilen wollten.

Ukraine-Konflikt: Noch liefert Russland auch Uran in die USA

Rosatom liefert selbst in die USA schwach angereichertes Uran. Auch für die viel diskutierten „small modular reactors“ (SMR), eine Art verschiffbarer Minimeiler, sind angereicherte Brennstäbe nötig, die aus 20-prozentigem Uran-235 bestehen. Nur ein Unternehmen vermag es derzeit zu liefern: Rosatom.

Natürlich denkt die US-amerikanische Nuklearbranche nun schleunigst um. Die Loslösung von angereichertem russischen Uran wird aber viel Zeit in Anspruch nehmen. Besser spät als gar nie, sagt sich die finnische Regierung, die einen Vertrag für den Bau eines weiteren russischen Reaktors mit Verweis auf den Ukraine-Krieg annulliert hat.

Auch Bulgarien und Rumänien haben bereits Schritte unternommen, um sich von Rosatom loszueisen. Auf die Dauer kann Rosatom nur verlieren, wenn Putin seinen Krieg noch lange fortsetzt. Zur russischen Atomindustrie gibt es Alternativen – Nuklearfirmen in Großbritannien, Südkorea, Frankreich oder den USA. Sie sind teurer, nicht unbedingt sicherer, aber stehen geopolitisch auf der richtigen Seite. (Stefan Brändle)

Erst seit Kurzem unterstützt die Bundesregierung die Planung der EU, ein Einfuhrverbots für russisches Öl in die Tat umzusetzen.

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