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Atomkraft in Frankreich schwächelt

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Von: Joachim Wille

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Die Fertigstellung des AKW in Flamanville verzögert sich weiter.
Die Fertigstellung des AKW in Flamanville verzögert sich weiter. © Sameer Al-Doumy/afp

Trotz Pannen-Kraftwerken setzt Paris beim Klimaschutz auf Reaktoren

Frankreichs Atomkraftwerke kommen aus den Negativschlagzeilen nicht heraus. In der letzten Woche des Jahres 2022 lag die Verfügbarkeit der Reaktoren weit unter den Erwartungen, und die Reparaturen mehrerer stillgelegter Anlagen verzögert sich erneut. Zudem lässt die Inbetriebnahme des einzigen neuen Reaktors, Flamanville 3 in der Normandie, nach bereits zehn Jahren Bauzeit-Verzögerung weiter auf sich warten. Sie soll nun nicht mehr 2023, sondern erst 2024 erfolgen.

Das Nachbarland betreibt insgesamt 56 AKW, von denen allerdings eine ganze Reihe wegen Korrosionsschäden oder Wartungsarbeiten nicht am Netz sind. Vorige Woche betrug die Verfügbarkeit des Kernkraft-Parks nur 31,4 Gigawatt (GW) oder 51 Prozent der installierten Gesamtleistung. Dabei spielte auch eine Rolle, dass der staatliche Stromkonzern Electricité de France (EDF) mehrere eigentlich betriebsbereite Reaktoren stoppte, um Uran einzusparen und damit für kältere Tage gerüstet zu sein. Möglich wurde das, weil dank der milden Temperaturen weniger Strom verbraucht wurde; in Frankreich heizt rund ein Drittel der Haushalte mit Elektrizität.

Laut EDF soll die verfügbare AKW-Kapazität im Januar und Februar wieder bei gut zwei Drittel liegen, der Anstieg verläuft allerdings langsamer als erhofft. So musste EDF die Wiederinbetriebnahme mehrerer Reaktoren verschieben. Dazu zählen ausgerechnet die beiden in Penly in der Normandie, wo der seit November amtierende Konzernchef Luc Rémont und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire im Dezember Hoffnungen auf eine zügige Beendigung der Arbeiten gemacht hatten. Dort gibt es Hinweise auf weitere Korrosionsschäden. Penly 1 soll nun statt Mitte Februar erst in der zweiten Märzhälfte wieder ans Netz, Penly 2 sogar statt Ende Januar erst Mitte Juni.

Strom aus Deutschland

Ob die aktuelle nukleare Erzeugungskapazität von gut 45 Gigawatt ausreicht, um die kontrollierten stundenweisen Stromabschaltungen abzuwenden, die mit dem Ende der französischen Winterferien drohen, ist noch offen. Hier kommt es vor allem auf das Wetter an. In der Kältewelle Anfang und Mitte Dezember stieg der Elektrizitätsverbrauch in der Spitze auf bis zu 80 GW. Die Gas- und Wasser- sowie die beiden letzten Kohlekraftwerke des Landes liefen zu dieser Zeit auf voller Leistung, außerdem führte Frankreich große Mengen Elektrizität aus den Nachbarländern ein, unter anderem aus Deutschland, wo deswegen zusätzlich Erdgas verstromt wurde. Noch schlimmer wäre die Lage gewesen, wenn die Stromspar-Appelle der Regierung nicht gefruchtet hätten. In der Adventszeit lag der Verbrauch um rund neun Prozent unter dem Schnitt der Vorjahre.

Fachleute fürchten, dass die Probleme mit Frankreichs Stromversorgung auch bis zum nächsten Winter nicht behoben sein könnten. Es sei fraglich, ob die Probleme in der AKW-Flotte dann beseitigt seien und genügend Erdgas für die Gaskraftwerke verfügbar sei, sagte Nicolas Goldberg vom Institut Colombus Consulting in Paris: „Das Risiko von Stromausfällen im Winter 2023/2024 könnte höher sein als in diesem Winter.“

Neubau verzögert sich

Mit Strom aus dem neuen Reaktor Flamanville 3 jedenfalls kann Frankreich im kommenden Herbst und Winter nicht rechnen. Statt wie zuletzt angekündigt Ende 2023 wird das AKW erst im Laufe des ersten Quartals 2024 in Betrieb gehen und erneut 500 Millionen Euro teurer werden, wie EDF unlängst bekanntgab. Begründung waren Schwierigkeiten bei der Reparatur von Schweißnähten am Sekundärkreislauf des Reaktors, die die Atomaufsichtsbehörde in Paris angeordnet hatte.

Trotz dieser Erfahrungen setzt Paris weiter auf die Atomkraft zur Lösung der Energieversorgungs- und Klimaprobleme. Präsident Macron hat angekündigt, Frankreich werde sechs neue Reaktoren bauen, zudem werde die Errichtung von acht weiteren Kraftwerken bis 2050 geprüft.

Mehrere Länder verlängern unter dem Eindruck des Ukraine-Kriegs Laufzeiten und planen neue Reaktoren. Ziel sind mehr Energiesicherheit und ein Beitrag zum Klimaschutz.

Die Niederlande haben beschlossen, das einzige noch am Netz befindliche AKW in der Provinz Zeeland länger am Netz zu lassen und dort auch zwei neue Reaktoren zu bauen. Belgien wiederum hatte ursprünglich beschlossen, seine sieben Reaktoren bis 2025 vom Netz zu nehmen. Die Regierung in Brüssel entschied im vergangenen Jahr, zwei der Anlagen zehn Jahre länger laufen zu lassen.

Auch Tschechien, das derzeit sechs Reaktoren betreibt, verfolgt Neubaupläne und Polen, bisher ohne AKW, will ab 2026 eine erste Anlage bauen. Die Schweiz wiederum hat beschlossen, keine neuen AKW mehr zu genehmigen, die vier am Netz befindlichen AKW aber vorerst weiterlaufen zu lassen.

Unklar ist bisher, welche Chancen die neuartigen „Mini-Reaktoren“ haben, deren Entwicklung eine Reihe Länder vorantreiben. Die „Small Modular Reactors“ (SMR) sollen dank eines modularen Aufbaus zentral vorgefertigt und vor Ort zusammengesetzt werden. Dadurch, so die Hoffnung ihrer Befürworter, könnten die Baukosten deutlich niedriger ausfallen. Kritiker:innen glauben nicht, dass sich das realisieren lässt, zudem würden die Sicherheitsrisiken unterschätzt.

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