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Deutscher Nachbar setzt auf Kernkraft: Tschechien plant den Bau von drei neuen Reaktoren

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Von: Aleksandra Fedorska

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Das tschechische Atomkraftwerk Temelin.
Das tschechische Atomkraftwerk Temelin. Deutschlands Nachbar will Atomenergie weiter vorantreiben. © Armin Weigel/picture alliance

Die neue tschechische Regierung hat den Kohleausstieg in Tschechien auf das Jahr 2033 vorgezogen. Noch ist aber unklar, was den Kohlestrom ersetzen soll.

Prag – Die neue tschechische Regierung gibt der Energiewirtschaft ehrgeizige Ziele vor. Der Kohleausstieg wurde vorgezogen und spätestens 2033 soll Schluss sein. Die Umweltministerin Anna Hubáčkova würde es aber sehr begrüßen, wenn der Kohleausstieg schon im Jahr 2030 gelingt. Dass dieses Ziel mehr als ambitioniert ist, zeigt der aktuelle Anteil der Kohle an der Produktion der elektrischen Energie, der bei 46 Prozent liegt. Noch ist unklar, wie Tschechien die Energie, die aus der Kohle gewonnen wird, ersetzen will.

Tschechien: Neue Reaktoren und mehr Gas statt Kohle

Aktuell tragen die Kernkraftwerke in Dukovany und Temelin mit rund 35 Prozent zur Stromerzeugung bei. Im Jahr 2021 bedeutete dies 30,73 Milliarden Kilowattstunden Strom. Die Reaktoren in Dukovany wurden in den 1980er Jahre in Betrieb genommen, kommen also langsam in die Jahre. Der Bau eines neuen Reaktors an diesem Standort, der zukünftig einen der alten Reaktoren ersetzen soll, wird 2029 beginnen. Der Eigentümer, die tschechische Čez (České energetické závody), an der der tschechische Staat 70 Prozent der Anteile hält, kündigte die Ausschreibung des Auftrags bereits an. Die Branche wurde jedoch mit der Bekanntgabe überrascht, dass die Ausschreibung für den Reaktor in Dukovany mit der Aussicht auf den Bau von zwei weiteren neuen Kraftwerksblöcken in Temelín verbunden wird.

Noch ist unklar, wer den Zuschlag für den Bau der neuen Reaktoren erhalten wird. Sicher ist, dass weder russische noch chinesische Firmen beauftragt werden. Die französische EDF und die südkoreanische KHNP, die sich auch aktiv um Aufträge in Polen bemühen, haben gute Chancen. Besonders aussichtsreich erscheint im Moment jedoch das Angebot des US-amerikanischen Anlagenbauers Westinghouse, der eine strategische Partnerschaft mit sieben tschechischen Unternehmen für den Bau von AP1000-Reaktoren in Tschechien unterschrieben hat. Westinghouse würde gleich mehrere Reaktoren in der gesamten Region bauen. In einem Zeitungsinterview sagte Michael Coon, der Ressortleiter für den Energiebereich von Westinghouse, dass der Bau von mehreren Reaktoren in einer Region Synergien erzeugen würde und es dadurch auch zu einer kürzeren Bauzeit käme.

Tschechien: LNG-Terminals als Ersatz für russisches Gas?

Der tschechische Außenminister Jan Lipavsky betonte gegenüber der Presseagentur Reuters am 9. Februar, dass die aktuellen Ereignisse im Zusammenhang mit der Gasversorgung in Europa deutlich gemacht haben, dass es durchaus Alternativen zum russischen Gas gibt. Es entstünden immer mehr Terminalkapazitäten an den europäischen Küsten, die LNG (Liquefied Natural Gas) aus allen geographischen Richtungen verladen können.

„Ich sage jetzt nicht, dass wir nun alle von LNG abhängig sein sollten*, aber dies ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass Russland es sich nicht leisten kann, Gas als grundlegenden wirtschaftlichen Hebel zu nutzen, denn wenn Europa ausreichende Infrastruktur und Terminals baut, wird es seine Energielieferungen diversifizieren können“, sagte Lipavsky.

Tschechien hat aktuell einen jährlichen Gasverbrauch von knapp unter 9 Milliarden Kubikmetern. Es handelt sind dabei um russisches Gas, das über Gasleitungen, auch über die deutschen Pipelines, nach Tschechien gelangt.

Dies soll sich zukünftig ändern, sagte Lipavsky im Gespräch mit Reuters. Tschechien strebe einen Zugang zu einem LNG-Terminal in einem Nachbarland an. Bereits im Vorfeld gab es schon Hinweise darauf, dass Tschechien eine Beteiligung an dem LNG-Terminal in Świnoujście plant. Nun werden aber auch noch andere Möglichkeiten diskutiert. Dazu gehört eine Beteiligung an einem der in Planung befindlichen deutschen LNG-Terminalprojekt.

Bauarbeiten auf der Schleuseninsel in Brunsbüttel (Schleswig-Holstein).
Bauarbeiten auf der Schleuseninsel in Brunsbüttel (Schleswig-Holstein). Der Hafen an der Nordsee ist als Standort für ein neues LNG-Terminal im Gespräch. © Frank Molter/dpa

Tschechien: Ja zur Taxonomie

Tschechien gehört neben Polen zu den europäischen Ländern, die den französischen Vorstoß für die Inklusion der Kernkraft in die Taxonomie* unterstützt haben. Entsprechend dem aktuellen Stand des Taxonomieentwurfs könnten sowohl Kernkraftprojekte als auch die Gasinfrastruktur weiterhin finanziert werden. Dies ist wichtig für die tschechische Energiewende, die voraussichtlich sehr kostenintensiv sein wird.

Doch zumindest ist die Finanzierung des Baus des Reaktors in Dukovany gesichert, denn der tschechische Staat hat dem Eigentümer ČEZ eine Finanzierung aus dem Staatshaushalt zugesagt. Schätzungen gehen davon aus, dass der Block zwischen 6,6 - 16,5 Milliarden Euro kosten wird. Wie die Finanzierung der beiden neuen Reaktoren in Temelin aussehen soll, ist allerdings noch unklar. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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