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Atomkraftwerke: Kernkraft hilft langfristig nicht weiter

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Von: Moritz Serif

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FDP-Chef Lindner, CSU-Boss Söder und CDU-Vorsitzender Merz würden Atomkraftwerke gerne länger laufen lassen. Ist das eine gute Idee?

Berlin – Atomenergie ja oder nein? Eine klare Antwort scheint es auf diese Frage nicht zu geben, da die Diskussion längst zu einer buchstäblich endlosen Geschichte verkommen ist. Nach Kanzler Scholz‘ Richtlinien-Entscheidung ist der befristete Ausstieg vom Ausstieg perfekt. Das gefällt einem Teil der Bundesbürger:innen. Im August 2022 sprachen sich 41 Prozent der Befragten in einer Civey-Umfrage für den Neubau von Atomkraftwerken aus. Eine Mehrheit fände es sogar sehr gut, wenn die alten Meiler noch weitere fünf Jahre am Netz bleiben würden.

Manch ein Politiker könnte sich mit diesem Gedanken anfreunden: FDP-Chef Lindner, CSU-Boss Söder und CDU-Vorsitzender Merz würden die Kraftwerke am liebsten noch länger betreiben. Das Trio vertritt einhellig die Auffassung, dass Deutschland ein Stromproblem hätte, wenn es nicht auf die „klimafreundliche“ Technologie zurückgreife. „Jetzt noch aus Überzeugung oder Ideologie heraus in Deutschland Stromerzeugungskapazitäten stillzulegen, halten wir für unverantwortlich“, sagte Merz.

Atomenergie stößt kaum CO₂ aus

Ist das wirklich so? Tatsächlich stößt Atomenergie kaum CO₂ aus und kann zuverlässig Strom zur Verfügung stellen. Wenn es keine Unfälle oder Störungen gibt, sind die Umweltschäden im Vergleich zu Gas, Öl und Kohle viel geringer. Doch mehrere Punkte sind zu bedenken. Obwohl in der Bundesrepublik zu Hochzeiten 19 Meiler am Netz waren, konnte diese laut Wirtschaftsministerium gerade einmal 13 Prozent der insgesamt notwendigen Energie liefern. 

Logischerweise ist die zur Verfügung gestellte Energiemenge bei drei Atomkraftwerken noch viel geringer als in Vollbesetzung. Auch Brennstäbe, also mit Kernbrennstoff gefüllte Rohre, die in den Reaktoren eingesetzt werden, stellen aufgrund ihres hohen Alters ein Problem dar. Die Bundesrepublik muss nämlich neues Material anschaffen, was Deutschland wiederum in die Abhängigkeit von Putin drängen würde, da der staatliche russische Konzern Rosatom einer der wichtigsten Lieferanten für Brennstäbe und Uran ist.

Kernkraftwerk Emsland
Das Kernkraftwerk Emsland. © Sina Schuldt/dpa

Neubau von Atomkraftwerken ist ein Milliarden-Verlust-Geschäft

Bliebe noch der Neubau von Kraftwerken. Doch das würde den Bund Milliarden-Summen kosten. Der Betrieb von Atomkraftwerken ist für private Unternehmen ein Milliarden-Verlust-Geschäft und müsste daher massiv vom Staat subventioniert werden. Völlig unklar ist auch, wie teuer ein Rückbau werden würde, da es immer noch keine Einigung über eine Endlagerung des Atommülls gibt.

Eine Beispielrechnung: Ursprünglich sollte es 3,2 Milliarden Euro kosten, um das Atomkraftwerk Greifswald zurückzubauen. 2016 teilte Henry Cordes, Chef der Energiewerke Nord, mit, dass es 6,5 Milliarden Euro sein würden. Mittlerweile ist davon auszugehen, dass die Kosten noch weiter angestiegen sind – auch wegen der fehlenden Einigung über das Endlager.

Unfall-Wahrscheinlichkeit steigt, je älter Atomkraftwerke sind

Große Risiken gehen außerdem von Super-Gaus, Reaktorunfällen mit anschließender atomarer Verseuchung aus. Das ist historisch bereits in Tschernobyl und Fukushima geschehen. Solche Unfälle können sich grundsätzlich jederzeit ereignen. Die Wahrscheinlichkeit steigt, je länger veraltete Meiler weiter betrieben werden und am Netz verbleiben.

Bleibt noch der Diskussionspunkt „Klimafreundlichkeit“. Es stimmt zwar, dass die EU entschieden hat, dass Atomenergie klimafreundlich ist. Allerdings ist ein hoher Energieaufwand nötig, um Uran zu bauen, Brennstäbe herzustellen sowie Kraftwerke auf- und abzubauen. Selbstverständlich wird dabei CO₂ ausgestoßen. Langfristig betrachtet sind Atomkraftwerke also keine gute Lösung. (mse)

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