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Russische Zeitung greift Putin-Umfeld wegen Atom-Drohungen an

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Von: Tim Vincent Dicke

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Putin und sein Vertrauter Medwedew deuten unverhohlen Atomwaffeneinsätze im Ukraine-Krieg an. Eine russische Zeitung übt jetzt überraschende Kritik.

Moskau – Die nuklearen Drohungen aus dem Umfeld von Wladimir Putin in Richtung Westen werden immer deutlicher. Was lange auch in Russland als Tabu galt, spricht der Kreml nun laut aus. Der Präsident und seine Entourage drohen der Ukraine, Europa und den USA mehr oder minder freiheraus mit dem Einsatz von Atomwaffen. An diesem Kurs gibt es von überraschender Seite aus Kritik.

Der russische Präsident hatte vergangene Woche versucht, Angst und Schrecken in der westlichen Hemisphäre auszulösen. „Wenn die territoriale Integrität unseres Landes bedroht ist, werden wir natürlich alle uns zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um Russland und unser Volk zu verteidigen. Dies ist kein Bluff“, sagte Putin in einer aufgezeichneten TV-Ansprache, in der er auch die Teilmobilmachung ankündigte. Moskau verfüge über „verschiedene Zerstörungsmittel, von denen einige Komponenten fortschrittlicher sind als die der Nato-Länder.“

Putin-Freund warnt vor Russlands „furchterregendster Waffe“

Dmitri Medwedew, früher russischer Staatschef, nun stellvertretender Vorsitzender des Sicherheitsrats, verstärkte die Atom-Drohungen seines Vorgesetzten. „Stellen wir uns vor, dass Russland gezwungen ist, die furchterregendste Waffe gegen das ukrainische Regime einzusetzen, das einen groß angelegten Akt der Aggression begangen hat, der für die Existenz unseres Staates gefährlich ist“, schrieb der Mann, den der Westen zunächst als liberalen Reformer ansah und jetzt als Hardliner auftritt, im Messengerdienst Telegram.

Russlands Staatspräsident Wladimir Putin
Warnt den Westen immer wieder vor Russlands Atomwaffen: Staatspräsident Wladimir Putin. © Mikhail Tereshchenko/AFP

Eine atomare Eskalation im Ukraine-Konflikt wäre nicht nur für westliche Staaten eine rote Linie. Russland läuft Gefahr, nach einem Nuklearschlag zu einem international isolierten Pariastaat zu werden – auch China und Indien, derzeit noch wichtige Unterstützer, dürften kein Interesse an einem derart aggressiven Akt haben. Kritik an der Rhetorik gibt es von russischen Medien trotzdem so gut wie keine, die Presse ist stark zensiert und in fast allen Fällen auf Kreml-Linie.

Russland: Zeitung kritisiert Putins Atom-Drohungen im Ukraine-Krieg

Umso überraschender ist ein Leitartikel, der am Mittwoch (28. September) in der Nesawissimaja Gaseta (zu Deutsch: Unabhängige Zeitung) erschienen ist. Die Moskauer Tageszeitung gilt als regierungsnah, fällt normalerweise nicht mit Kritik an der russischen Führung auf. Warum Medwedew von einem „Vertreter des liberalen Flügels des Kremls“ zu einer „kompromisslosen Rhetorik“ übergegangen ist, sei nicht verständlich, so die Gaseta.

„Lange Zeit zogen es die Großmächte vor, nicht direkt über ihre Atomwaffenarsenale zu sprechen, nicht daran zu erinnern und die Weltgemeinschaft nicht zu erschrecken. Massenvernichtungswaffen wurden hauptsächlich im Zusammenhang mit ihrer Nichtverbreitung diskutiert. (...) Jetzt ist das unausgesprochene Tabu gebrochen. Die Möglichkeit eines Atomschlags oder einer Reaktion auf einen solchen wurde ausdrücklich erörtert“, schreibt die Zeitung.

Russische Politiker reden mit „Leichtigkeit“ über „nuklearen Knopf“

In Russland seien ganze Generationen in dem Glauben erzogen worden, dass ein Atomschlag etwas völlig Unannehmbares ist, erläutert das Moskauer Blatt weiter. „Die Geschichte der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki ist zu einem tragischen Lehrbuch geworden – es ist eine Geschichte, die sich seit der Kindheit in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat.“ Mit dem Hintergrund dieser Vergangenheit sei es erstaunlich, wie hochrangige russische Politiker mit „Leichtigkeit“ über den „nuklearen Knopf“ sprechen würden.

Mit einschneidenden Worten endet das Meinungsstück. „Einen Atomkonflikt in Gedanken und Worten zuzulassen, ist ein sicherer Schritt, um ihn in der Praxis wahr werden zu lassen. Und das bedeutet nicht nur die potenzielle Zerstörung von Städten und Ländern, sondern der gesamten Zivilisation“, warnt die Nesawissimaja Gaseta und fügt hinzu, dass sich so wohl kaum die Interessen von irgendjemandem schützen ließen – auch nicht die der Russischen Föderation. (tvd)

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