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„Ich habe es so satt, darüber zu reden, was geschehen ist“, sagt Zarifa Ghafari, jüngste Bürgermeisterin in Afghanistan. Hier zu sehen bei einer Demonstration in Paris am 5. September 2021.
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„Ich habe es so satt, darüber zu reden, was geschehen ist“, sagt Zarifa Ghafari, jüngste Bürgermeisterin in Afghanistan. Hier zu sehen bei einer Demonstration in Paris am 5. September 2021.

Konferenz

Afghanistan-Tagung in Frankfurt: Atemlose Stille im Hörsaal

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Eine Konferenz an der Frankfurter Universität versucht, das Debakel des Westens in Afghanistan aufzuarbeiten – unter den Teilnehmenden ist auch die junge Afghanin Zarifa Ghafari.

Es dauert vier Stunden, bis bei dieser Tagung zur Aufarbeitung der blutigen Geschehnisse in Afghanistan die erste und einzige unmittelbar Betroffene spricht. Zarifa Ghafari, 29 Jahre alt, war die jüngste Bürgermeisterin des Landes, mit knapper Not entkam sie Ende August dem Chaos nach dem Einmarsch der Taliban in Kabul. Ihr Vater und ihr Onkel waren zuvor von den Gotteskriegern ermordet worden, sie selbst lebt jetzt in ständiger Todesangst in einer nordrhein-westfälischen Stadt. Sie ist ein Vorbild für viele junge Afghaninnen, aber sie kämpft auch mit ihrer Rolle. Gerade war sie zwei Tage lang in den USA, um Alarm zu schlagen angesichts der Lage in ihrer Heimat. „Ich habe es so satt, darüber zu reden, was geschehen ist“, sagt sie leise.

Am vergangenen Montag herrscht atemlose Stille im Saal auf dem Campus der Frankfurter Goethe-Universität, als die junge Frau spricht. Die in Indien ausgebildete Ökonomin berichtet von einer Mutter, die ihre Kinder sterben sieht, weil sie ihnen keine Nahrung beschaffen kann. Sie appelliert an die „Entscheidungsträger“ der westlichen Welt, die Regierung der Taliban nicht anzuerkennen, ihnen keinen Sitz in der UN-Vollversammlung zu geben und ihnen kein Geld zur Verfügung zu stellen. Nur über humanitäre Organisationen dürfe Hilfe ins Land kommen.

Vor Ghafari haben den Vormittag über drei ältere weiße Männer zu Afghanistan gesprochen in dieser Konferenz, die vom Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI) organisiert wurde. Die junge Afghanin ist noch nicht anwesend, als Ebrahim Afsah vom Institut für Internationales Recht der Universität Wien ein vernichtendes Urteil über das afghanische Volk fällt. „Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, ist bei den Afghanen nicht vorhanden, sie sind extrem verantwortungslose Leute.“ Afsah, der zehn Jahre lang in Afghanistan für Nicht-Regierungs-Organisationen arbeitete, prangert immense Korruption im Land an: Eine Milliarde Dollar jährlich sei von einer kleinen Gruppe korrupter Spitzenpolitiker unterschlagen worden.

Ghafari wirkt wie der lebende Gegenbeweis zu dem Bild, das Afsah zeichnet. „Wir Frauen geben nicht auf, wir kämpfen für unsere Rechte und wir haben die Solidarität anderer Frauen überall auf der Erde.“ Neben der Bürgermeisterin steht die Frankfurter Medizinerin und Kultur-Mäzenin Ingrid zu Solms-Wildenfels, die Ghafari unterstützt und ihr im Sommer den Menschenrechtspreis ihrer Stiftung verliehen hat.

Es ist das Verdienst der FFGI-Direktorin Susanne Schröter, diese Tagung organisiert zu haben. Als kleinen Coup präsentiert sie einen hochrangigen Afghanistan-Veteranen: Generalleutnant Markus Laubenthal, zwei Jahre in militärischer Verantwortung vor Ort, heute stellvertretender Generalinspekteur der Bundeswehr. Nicht überraschend zweifelt der Offizier weitere Auslandseinsätze der Militärs nicht an, sein Credo: „Es kann nicht sein, dass wir kein Krisenmanagement betreiben, wir können uns nicht zurückziehen!“

Kritik am Afghanistan-Engagement übt er nur vorsichtig. „Es fehlte sowohl der Willen wie auch der Atem bei der internationalen Gemeinschaft.“ Der Westen habe „keine Exit-Strategie“ gehabt, „viel zu kurzfristig“ hätten die USA den Abzug eingeleitet. Dennoch hält Laubenthal der Bundeswehr zugute, „einen Keim gelegt“ zu haben für den Aufbau einer westlichen Zivilgesellschaft am Hindukusch, mit Schulen, Gesundheitswesen, Basisversorgung. Und die Konsequenzen aus dem Scheitern? Sie bleiben vage. Es brauche „Erfolgskriterien“ für Auslandseinsätze der Bundeswehr, man müsse „erreichbare Ziele definieren“ und „die Menschen vor Ort überzeugen“.

Wesentlich härter fällt das Urteil von Christopher Daase von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung aus. „Der Westen hat den Krieg in Afghanistan verloren“ sagt der Konfliktforscher als einziger. Mehr noch: „Von Anfang an“ sei klar gewesen, dass ein Krieg kontraproduktiv und zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Sowohl beim „Krieg gegen den Terror“ wie auch bei der „Aufstandsbekämpfung“ der Taliban sieht Daase Fehlschläge. Es sei dem Westen nicht gelungen, ein stabiles Gemeinwesen aufzubauen.

Doch auch dieser Kritiker spricht sich keineswegs grundsätzlich gegen militärische Auslandseinsätze aus. „Eine Stabilisierung von Staaten kann auch erfolgreich sein.“ Als Voraussetzungen nennt Daase, dass es gelinge, bei der Bevölkerung „Legitimität“ zu erreichen und „auf lokale Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen“.

Wie aber kann den Menschen in Afghanistan konkret geholfen werden? Daase votiert klar dafür, mit den Taliban Gespräche zu führen. Sie seien nicht mehr mit den Gotteskriegern im Jahre 2001 vergleichbar. Die neuen Taliban suchten „staatliche Anerkennung“ und sie wollten Geld: „Das sind Hebel für den Westen!“ Immer wieder, in vielen Gesprächen, wird bei dieser ersten Afghanistan-Konferenz bemängelt, dass die Nöte der Menschen in diesem Land beim Poker um die neue Bundesregierung keine Rolle spielten. Wie überhaupt die Außenpolitik ausgeblendet werde. Die Lehren aus Afghanistan: Die Debatte steht noch ganz am Anfang.

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