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Flucht und Asyl

Asyl und die Balkanroute: „Die Polizei ist nirgendwo unser Freund“

  • vonThomas Roser
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Europas Grenzen halten die Menschen nicht davon ab, vor Krieg, Armut und Ausbeutung zu fliehen. Manche müssen lange warten, bis sie es in die EU schaffen. Eine Reportage von der serbischen Grenze.

Der Gleisarbeiter im Karohemd kennt den Weg. Das „Migrantenlager“ befinde sich auf der anderen Seite der Stadt und sei von der Umgehungsstraße aus „nicht zu verfehlen“, sagt er mit abfälligem Kopfschütteln: „Da sind Tausende, ein Meer von Menschen, die stehlen und betteln. Das ist ein Riesenproblem.“

Im Auffanglager auf einem früheren Truppenübungsgelände hinter dem Bahndamm am Rande von Sombor sind nur wenige Menschen zu sehen. Wegen des Ramadans schliefen die meisten Lagerbewohner tagsüber und verzehrten ihre Essensrationen nachts, berichtet der Camp-Leiter Nikola Radonjic. Derzeit zähle das Lager 778 Menschen – zumeist alleinreisende Männer aus arabischen Ländern wie Syrien, Irak oder den palästinensischen Gebieten: „Sie kommen zu uns, weil wir am Ausgang des serbischen Teils der Balkanroute liegen – genau im Dreiländereck mit Kroatien und Ungarn.“

Serbisch-ungarische Grenze: Zwei Männer aus Pakistan bereiten sich eine Mahlzeit zu und warten auf den nächsten Versuch, in die EU zu gelangen.

Größere Probleme mit der Nachbarschaft gebe es keine, versichert der studierte Ökonom. Durchschnittlich verblieben seine Schützlinge 20 Tage im Lager, „bevor sie weiterziehen“. Die meisten versuchten ihr Glück „eher an der ungarischen als an der kroatischen Grenze“, so seine Beobachtung: „Regeln gibt es keine. Manchen gelingt die Grenzpassage bereits im zweiten Anlauf, andere versuchen es 20, 30 Mal, bis wir sie irgendwann nicht mehr wiedersehen.“

Seit der „Schließung“ der Balkanroute stoßen Geflüchtete auf mehr Hürden

Hunderttausende waren 2015/2016 von Griechenland bis nach Österreich gelangt. Seit der „Schließung“ der Balkanroute im März 2016 stoßen die Geflüchteten zwar auf mehr Hürden. Aber die Zahl der Menschen, die sich auf die unterschiedlichen Balkanrouten gen Nordwesten aufmachen, bleibt seit fünf Jahren konstant. Manchmal beherberge das Lager etwas mehr, manchmal etwas weniger Leute, so der seit 2016 in Sombor stationierte Radonjic: „Aber leer war es noch nie.“

Ansylanträge pro Jahr in der EUQuelle: Eurostat
JahrAnzahl
2013431.094\t
2014626.960\t
20151.322.844
20161.260.908\t
2017708.583
2018645.725

Seit 2016 gelangten „kontinuierlich“ 30.000 bis 40.000 Flüchtlinge pro Jahr nach Serbien, berichtet Rados Djurovic, der Direktor des Zentrums zum Schutz von Asylsuchenden in der Hauptstadt Belgrad. Die neuen Grenzzäune hätten Migrationsbewegungen zwar „umgeleitet und verlangsamt, aber nicht gestoppt“: „Zäune halten Flüchtlinge nicht auf. Aber sie gefährden Leben, lassen die Schleppernetzwerke florieren und treiben deren Tarife in die Höhe.“

Die Zahl der geflüchteten Menschen, die sich derzeit in Serbien aufhalten, schätzt er auf rund 8000. Die meisten von ihnen versuchten, über Bosnien, Kroatien und Slowenien, ein kleinerer Teil über Ungarn nach Westen zu gelangen. „Ungarn ist bereits Schengenraum. Danach gibt es keine echten Grenzen mehr auf dem Weg nach Westen“, erläutert Djurovic den Vorzug der Nordroute.

Flucht und Asyl: „Die Polizei ist nirgendwo unser Freund: Sie schlagen uns an allen Grenzen.“

Doch das klingt einfacher, als es ist. Die Erfahrungen seiner zweijährigen Fluchtodyssee haben den Mann mit den blauen Augen vorsichtig gemacht. „Bitte keine Namen, keine Aufnahmen, keine Fotos“, sagt im serbischen Sombor der Syrer Adil (Name geändert). Nicht nur der Fastenmonat Ramadan lässt den Bauingenieur aus Aleppo mit fünf seiner Schicksalsgenossen im Schatten eines Obstbaums vor dem Hostel „Beli Dvor – Weißes Schloss“ auf den Einbruch der Dunkelheit warten. Sie wollten erneut versuchen, über die ungarische Grenze zu gelangen, so Adil: „Wir wollen dieses Mal unter dem Zaun durch, nicht drüber.“

Ziel EU

Die Corona-Pandemie hat zwar die Aufmerksamkeit für das Thema Flucht schwinden lassen, doch noch immer sind viele Menschen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Die meisten der Millionen Flüchtlinge weltweit verbleiben in geografischer Nähe zu ihrer Heimat. Einige machen sich auf, um in der Ferne ein neues Leben zu beginnen.

In die EU kamen 2020 rund 416 600 Menschen, die einen Schutzantrag gestellt haben. Das waren rund 33 Prozent weniger als 2019. Unter den fünf größten Gruppen sind Menschen aus Venezuela (Platz 3) und Kolumbien (Platz 4). Geflüchtete aus Syrien und Afghanistan stellen die größte beziehungsweise zweitgrößte Gruppe dar, Irak als Herkunft hat die fünftgrößte Gruppe. Das zeigen die Daten des europäischen Statistikamtes.

Die Abriegelung der Balkanroute vor fünf Jahren ging mit einem Vertrag mit der Türkei einher. Die EU zahlt erhebliche Summen an Ankara, damit die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Pakistan in der Türkei versorgt werden können. Viele Fachleute halten diesen Vertrag für problematisch, weil die Türkei die Flüchtlinge als Erpressungsmittel gegen die EU einsetzen kann und bereits auch eingesetzt hat. vf

2019 hatte er sich aus seiner kriegszerstörten Heimat nach Westen aufgemacht. „Ich will nach Europa, ein neues Leben haben“, umschreibt er in brüchigem Englisch sein Ziel. Über die Türkei, Griechenland, Albanien und Kosovo sei er in den Nordwestzipfel Serbiens gelangt. Doch in Sombor hänge er nun schon „fast fünf Monate“ lang fest.

„Viele, viele Male“ habe er versucht, über die ungarische, kroatische oder rumänische Grenze zu gelangen, berichtet Adil mit müder Stimme. Einer seiner Gefährten habe es „fast bis zur österreichischen Grenze“ geschafft, bevor er aufgegriffen und nach Serbien deportiert worden sei: „Es ist sehr schwer – und die Polizei nirgendwo unser Freund: Sie schlagen uns an allen Grenzen.“

Viktor Orbán ließ als einer der ersten Staatsoberhäupter Zäune gegen Asyl hochziehen

Neben einem stillgelegten Striptease-Club warten gegen ihre Karossen gelehnte Taxifahrer am Hinterausgang des Lagers in Sombor auf Passagiere. 90 Prozent der Kundschaft lasse sich eher in Richtung der ungarischen als der kroatischen Grenze bringen, erzählt ein freundlicher Bartträger im blauen Hemd: „Wenn die Leute von den Grenzen zurückkommen, sind sie oft schlimm zugerichtet. Vor allem die kroatischen Grenzer prügeln ohne Erbarmen.“ Mit Leitern oder durch Tunnel versuchten die Flüchtlinge, den Grenzzaun zu überwinden: „Aber allein kommt man nur schwer durch Ungarn: Oft warten auf der anderen Seite des Zauns Kombis auf die Flüchtlinge, die sie weiterbringen.“

Blockiert: Als der Übergang nach Ungarn im Februar 2020 zeitweise geschlossen wird, campieren Flüchtlinge neben dem Grenzzaun im serbischen Dorf Kelebija (bei Subotica)

Im Sommer 2015 war Ungarns Premier Viktor Orban einer der ersten Regierungschefs, der beim Umgang mit den Asylsuchenden Zäune mit Stacheldraht hochziehen ließ. Doch da inzwischen auch Kroatien an seinen Grenzen zu Bosnien und Serbien stärker auf die Abschreckungskraft prügelnder Grenzer setzt, wächst der Druck auf Ungarn erneut.

Im vergangenen Jahr hat Ungarns Grenzpolizei ein halbes Dutzend Tunnel entdeckt, die unter dem Zaun gegraben worden sind. Allein seit der Europäische Gerichtshof im Dezember Ungarns Abschiebepraxis für illegal erklärt hatte, hat Ungarns Helsinki-Komitee mehr als 15 000 Fälle sogenannter Pushbacks (Zurückdrängungen) von Flüchtenden registriert: Insgesamt hat Ungarn seit 2016 mehr als 71 000 Menschen ohne Überprüfung nach Serbien deportiert.

Asyl: Tausende Euro an Schlepper für eine Fahrt von Ungarn nach Österreich

In Ungarns Tiefebene fehlen die Wälder, die illegalen Grenzgängern Schutz bieten könnten. Schleppernetzwerke versuchen derweil den Grenzzaun entweder durch Tunnels zu untergraben oder durch das Schmieren von Grenzern und den Umweg Rumänien zu umgehen. Auf „4000 bis 5000 Euro“ beziffert einer der Taxifahrer in Sombor die Schlepper-Tarife für die Ungarnpassage nach Österreich: „Manchmal haben die Leute das Geld auch auf Sperrkonten in der Türkei deponiert, die erst aktiviert werden, wenn sie tatsächlich an ihrem Ziel angekommen sind.“

Hauptfluchtroute Oktober 2015 bis März 2016

Vor allem seine syrischen Passagiere seien „kultivierte und freundliche Leute“, versichert ein älterer Taxifahrer mit ergrautem Haar: „Sie sind gute Kunden – nicht nur für uns, sondern auch für die Pensionen und die kleinen Läden, die sonst von Lidl längst platt gemacht worden wären.“„Rund die Hälfte“ der Kunden, mit denen er Telefonnummern tausche, würden sich später per Whatsapp aus Österreich oder Deutschland melden: „Einer schrieb mir kürzlich, dass er mich irgendwann in Serbien besuchen wolle – als Tourist.“

Ohne die „Tausenden von Frauen“, die mit ihrer Schwarzarbeit in Deutschland als Altenpflegerinnen ein Zubrot verdienen würden, wäre die abgelegene Grenzregion ohnehin „längst den Bach herunter gegangen“, verabschiedet er sich mit einem bitteren Lächeln: „Vielleicht packen wir hier auch bald alle unsere Taschen – und reisen den Flüchtlingen hinterher.“ (Thomas Roser)

Rubriklistenbild: © picture alliance / Hans Lucas

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