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Protest gegen den Freispruch von Asia Bibi in Islamabad.

Pakistan

Asia Bibi ist unauffindbar

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Niemand will wissen, wo sich die in Pakistan vom Vorwurf der Blasphemie freigesprochene Christin aufhält. Ausländische Botschaften hüllen sich in Schweigen, Diplomaten fürchten Terroranschläge in den eigenen Ländern.

Ashiq Masih, der Ehemann der am Mittwoch in Pakistan vom Vorwurf der Gotteslästerung freigesprochenen und vor dem Galgen geretteten Christin Asia Bibi, appelliert mit einem Ton von Verzweiflung an Regierungen in Europa: „Bitte gebt uns Asyl! Wir haben solche Angst. Es ist gefährlich für uns.“

Bibis Rechtsanwalt Saif Mulook war bereits am Samstag aus Pakistan nach Europa geflohen, nachdem er Morddrohungen von islamischen Extremisten erhalten hatte. Aber nicht einmal der Mann, der seit 2010 trotz Einschüchterungen und handfesten Drohungen hartnäckig für die 51-jährige Asia Bibi kämpfte und durch alle Instanzen ging, weiß, wo sich seine Mandantin gegenwärtig befindet. Bibis ehemaliger Gefängniswärter in der Stadt Multan beteuert, nichts zu wissen. Er wurde nach dem Freispruch versetzt. Ausländische Botschaften, die während der vergangenen Wochen eng mit dem Fall befasst waren, hüllen sich in totales Schweigen.

Islamabad handelt mit den Extremisten

Diplomaten fürchten, ihre Botschaften oder Heimatländer könnten zum Ziel von Terroranschlägen werden, sollte ihre Rolle bekannt werden. Pakistans mächtige Generäle geben sich ebenfalls als Ahnungslose aus. Durch ihren Sprecher verkündete das Militär, es habe rein gar nichts mit dem Fall zu tun.

Die Regierung des Ex-Kricket-Stars Imran Khan betreibt ein nicht minder mysteriöses Verwirrspiel. Am Samstagabend eröffnete sie insgesamt 5000 Strafverfahren gegen extremistische Rädelsführer und ihrer Anhänger, die nach dem Freispruch drei Tage lange in mehreren Städten randaliert hatten.

Stunden zuvor hatte Islamabad noch einen fragwürdigen Handel mit den Extremisten abgeschlossen. Danach wird Islamabad Schritte einleiten, um Bibis Namen auf die Liste der Pakistaner zu setzen, die das Land nicht verlassen dürfen. Außerdem würde die Regierung nicht verhindern, dass Beschwerde gegen den Freispruch beim Obersten Gericht eingelegt wird. Wie es um das Leben von Asia Bibi steht, will derzeit niemand sagen. Beobachter glauben angesichts der Versteckspiels um ihr Schicksal, dass sie weiter in einer Zelle hockt – oder bereits ins Auslands abgereist ist.

Pakistans Oberstes Gericht hatte die 51-jährige Frau am Mittwoch vergangener Woche freigesprochen, nachdem sie seit dem Jahr 2010 in einer Todeszelle im Gefängnis der Stadt Multan gesessen hatte. Auf einer 15-seitigen Schrift ergingen sich die Richter in religiösen Fragen, bevor sie schließlich zum Kern des Verfahrens kamen. Die Beschuldigung, Bibi habe den Propheten Mohammed beleidigt, könne nicht bewiesen werden. Die Vorwürfe seien erfunden. Selbst das Oberste Gericht hatte zuvor den Fall aus Furcht vor Extremisten drei Jahre lang nicht angefasst.

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