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Der spezifische Friedenswunsch der Artlords findet seine universelle Symbolik, weltweit.

Artlords in Afghanistan

Künstler in Afghanistan malen für bessere Zeiten

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Afghanische Künstler geben der Hoffnung auf Frieden ein Gesicht. Zu ihren Motiven gehören Kalaschnikows, deren Läufe zu einem U umgebogen sind, aber auch klassische Landschaftsmotive in Öl.

Zur Linken trägt ein altes Haus noch immer die Geschossnarben aus den Zeiten des afghanischen Bürgerkriegs in der ersten Hälfte der 90er Jahre, bei dem weite Teile Kabuls in Schutt und Asche gelegt wurden. Auf der anderen Seite der schmalen Seitenstraße im Viertel Kart-e-Char wartet hinter einer ganz normalen beigen Wand mit Stahltor eine fröhliche und farbenprächtige Überraschung. „Ich liebe Afghanistan“ steht in großen, bunten Buchstaben über der Haustür der Galerie von Artlords, einer Gruppe von 40 jungen Künstlern.

Entlang der Wände stehen Gemälde mit klassischen Landschaftsmotiven in Öl und detailgetreuen Porträts in Acrylfarben. Bekannt sind die dynamischen Maler für Werke, die jeder Afghane sehen kann. Sie bemalen die Wände der Ungetüme aus Stahl und Beton, die Kabuls Straßen blockieren oder wichtige Gebäude des Landes gegen Terroranschläge schützen sollen, mit zukunftsfrohen Bildern und Friedensbotschaften.

„Wir wollen die Städte schöner machen und gleichzeitig politische Botschaften rüberbringen“, sagt die 22-jährige Negina Azimi, die in ihrem Leben Kabul erst ein einziges Mal bei einem Tagesausflug verlassen hat.

Die Artlords haben wenig mit den Graffiti-Künstlern des Westens zu tun. Die Künstler holen vor ihren Aktionen erst die Genehmigung der Betonwandbesitzer ein und fühlen sich keinem Stil verpflichtet. Kalaschnikows, deren Läufe zu einem U umgebogen sind, gehören ebenso zu den Motiven wie zwei stechende Augen, die mitten in Kabuls Zentrum ausgerechnet von der Wand eines Gebäudes des berüchtigten Geheimdienstes NDS Autofahrern entgegenblicken. Das Bild richtet sich gegen Korruption.

Hoffnungsvolle Friedensbilder in Masar-i-Scharif

Gegenwärtig gestaltet die Gruppe eine Kampagne gegen Kinderlähmung in den Provinzen am Hindukusch. Aber wenige Gemälde erscheinen gegenwärtig so treffend zu sein wie die hoffnungsvollen Friedensbilder auf den Wänden des 2016 beim Attentat zerstörten deutschen Generalkonsulats in Masar-i-Scharif im Norden des Landes.

Lange nicht mehr waren die Hoffnungen auf ein Ende des Krieges am Hindukusch so groß wie jetzt. Mit ihnen stieg allerdings auch die Furcht vor der Zukunft. „Nach 41 Jahren Krieg haben die meisten Afghanen Angst vor dem Frieden“, sagte die Frauenrechtlerin Sima Samar, die Vorsitzende von Afghanistans unabhängiger Menschenrechtskommission AIHRC, der Frankfurter Rundschau.

In Katars Hauptstadt Doha verhandelt eine Delegation des US-Sondergesandten Zalmay Khalizad seit Ende Juni in Marathonsitzungen mit den einst als Terroristen geschmähten radikalislamischen Taliban-Milizen über einen Abzug aller ausländischen Soldaten vom Hindukusch. Die Gespräche wurden am Wochenende nur für den von Deutschland organisierten „innerafghanischen Dialog“ unterbrochen, der die Gotteskrieger erweichen soll, sich während der kommenden Wochen mit Kabuls Regierung zusammenzusetzen.

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In der Hauptstadt verfolgt die Künstlerin Azimi die Gespräche mit großem Unbehagen: „Vielleicht haben die Taliban sich geändert. Wahrscheinlich eher nicht.“ Sie erinnert sich lebhaft an die letzten Jahre der Herrschaft der Taliban, die bis 2001 währte. Ihr Vater, ein gelernter Ingenieur, musste sich mit der Reparatur von Reifen durchschlagen „Aber was soll ich machen“, sagt die junge Malerin angesichts einer möglichen Rückkehr der Taliban nach Kabul, „ich werde bleiben.“

Ihr 21-jähriger Altersgenosse Omar Farid Noori, ein Computerspezialist, glaubt wie viele Afghanen trotz aller Verhandlungen nicht an einen Abzug der ausländischen Truppen: „Die USA haben seit 2001 hier so viel investiert. Die werden doch ihre Stützpunkte nicht einfach aufgeben“, sagt der hoch aufgeschossene junge Mann mit kurzem Vollbart und modisch zu einem Zopf geknoteten langen Haaren. Sein Plan B liegt freilich bereits in der Schublade. „Wenn die Taliban nach Kabul kommen, gehe ich nach Deutschland oder Kanada“, malt der junge, fließend Englisch sprechende Mann für den Fall einer Friedensvereinbarung die Möglichkeit einer neuen Flüchtlingswelle nach Europa an die Wand. Der junge Familienvater Ali Yawar Adili von der Research-Gruppe Afghanistan Analysts Network hadert gar mit einer Entscheidung aus Zeiten vorsichtiger Zuversicht: „Wir haben einen kleinen Sohn, und ich frage mich heute manchmal, ob es moralisch zu rechtfertigen war, ihn in die Welt zu setzen.“

Zwei Drittel Afghanistans werden von radikalislamischen Milizen kontrolliert

Adilis Heimat nahe der Stadt Ghazni gehört zu den zwei Dritteln Afghanistans, die von den radikalislamischen Milizen kontrolliert werden. Seit 2001 sind Tausende von Afghanen nach Kabul oder in andere, als sicher geltende Städte umgesiedelt. Wenn amtliche Dokumente nötig werden, kann die notwendige Fahrt in die Heimat tödlich enden. Ein Bekannter von Adili wurde erst vor wenigen Monaten an einem Taliban-Kontrollposten vor den Augen von Buspassagieren mit Bajonetten erstochen.

Viele Afghanen fühlen sich an die Zeit nach dem Abzug der Sowjets im Jahr 1989 erinnert. Als Moskau wenig später die finanzielle Unterstützung für Kabul kappte, brach das Regime zusammen, und ein brutaler Bürgerkrieg folgte. 30 Jahre später fürchten sie eine Wiederholung der Geschichte.

Im Tausch für den Abzug ausländischer Truppen wollen die USA eine Garantie, dass am Hindukusch Terrorangriffe ausbleiben. Außerdem muss ein Arrangement zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen sowie der Regierung des Landes gefunden werden. Noch scheint selbst eine Feuerpause in weiter Ferne zu liegen, obwohl laut den Vereinten Nationen täglich 50 Afghanen dem Konflikt zum Opfer fallen. „Es bleiben viele offene Fragen“, sagt der Taliban-Kenner Waheed Mozhda, „niemand weiß, wie die junge, radikale Taliban-Generation auf eine Vereinbarung reagieren wird. Man sollte außerdem nicht vergessen, dass in Afghanistan die Blutrache eine große Rolle spielt.“ Frieden am Hindukusch, getauft im Blut von Rachemorden und begleitet von einem Kollaps der nationalen Regierung? Der erst 41-jährige Provinzpolitiker Ajmal Omar ist überzeugt: „Ich werde in meinem Leben keinen Frieden mehr erleben.“

Afghanistans junge Generation sieht die Zukunft alles andere als rosig

„Die Taliban sind schon überall“, sagt die 59 Jahre alte Parlamentsabgeordnete Masood Karokhi aus Herat, die mit ihrem Urteil über die Gotteskrieger sehr vorsichtig erscheint, „wir müssen erst mal abwarten.“ Fatana Ishaq Gailani vom politisch einflussreichen Gailani-Clan will freilich vor allem die Vorteile sehen: „Wir brauchen Frieden und Wachstum. Der Rest wird sich zeigen“, sagt die Vorsitzende des 1986 von ihr selbst im pakistanischen Exil gegründeten „Afghanistan Women Council“ (AWC).

Afghanistans junge Generation, die seit dem Einmarsch ausländischer Truppen im Jahr 2001 in Kabul aufwuchs, sieht die Zukunft dagegen alles andere als rosig. Die Künstler von Artlords erfahren schließlich täglich, wie gering die Verbesserungen sind, die es seit 2001 gab.

Ihre Gruppe bemalte in Absprache mit den Behörden die hässlichen Außenmauern des Frauengefängnisses im Zentrum von Kabul. Dazu gehörten die Porträts eines Schlagerstars und einer im Land bekannten Sängerin. „Helden von Afghanistan“ hieß das Werk. Das Gesicht der Frau wurde nach wenigen Stunden mit schwarzer Farbe beschmiert. „Auf den sozialen Medien wurden wir beschimpft und gefragt, wie wir es wagen könnten, eine Frau als Heldin von Afghanistan zu beschreiben“, sagt die Malerin Azimi. Auf einem ihrer Gemälde halten sich abstrakte, moderne Darstellungen und traditionelle Elemente die Waage.

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