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Artenschutz: Das Geschäft mit der Genetik

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Von: Joachim Wille

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Von Afrika in die Welt: Die Sukkulente Hoodia steht exemplarisch für die Ausbeutung des globalen Pflanzenbestands.
Von Afrika in die Welt: Die Sukkulente Hoodia steht exemplarisch für die Ausbeutung des globalen Pflanzenbestands. Foto: Imago Images. © imago

Die Nutzung genetischer Ressourcen von Pflanzen und Tieren ist ein Knackpunkt auf dem Naturgipfel. Aus der Wissenschaft kommt Widerstand gegen zu restriktive Regelungen.

Hoodia ist eine kaktusähnliche Wüstenpflanze. Sie wird traditionell von den indigenen Bevölkerungsgruppen der San im südlichen Afrika genutzt, die bei ihren langen Wanderungen damit Hunger und Durst stillen. Doch das Gewächs hat auch eine steile Karriere als Schlankmacher gemacht, da es Appetit hemmende Inhaltsstoffe enthält. Internationale Pharmahersteller brachten vor gut einem Jahrzehnt Diätmittel auf Hoodia-Basis auf den Markt, die Millionenumsätze generieren. Befürchtet worden war eine Ausbeutung des Pflanzenbestandes, zu Lasten der San-Völker. Die Umweltstiftung WWF warnte vor „Biopiraterie“.

Hoodia ist kein Einzelfall. Die Nutzung genetischer Ressourcen von Pflanzen und Tieren, zumeist aus dem globalen Süden, für Produkte wie Arzneimittel, Kosmetik und Chemikalien sowie in Biotechnologie, Landwirtschaft und andere Sektoren ist ein gigantischer Markt. Von Biopiraterie wird gesprochen, wenn sich private Konzerne oder staatliche Institutionen die Ressourcen aneignen, ohne die Herkunftsländer und die lokale Bevölkerung an den daraus entstehenden Gewinnen zu beteiligen.

Das Problem wird seit langem diskutiert, und das 2014 in Kraft getretene „Nagoya-Protokoll“ zur Biodiversitätskonvention schreibt denn auch vor, dass ein „Vorteilsausgleich“ erfolgen muss. Ziel ist es dabei, unter anderem indigene Völker und deren reiches Wissen über Pflanzen- und Tierarten zu schützen. In vielen Ländern ist das auch ins jeweilige nationale Recht aufgenommen worden.

Trotzdem ist das Problem längst nicht beseitigt – und wird auf dem anstehenden Naturschutz-Gipfel in Montreal erneut eine große Rolle spielen.

Aktuell geht es darum, ob auch der Zugang zu internationalen Datenbanken mit genetischen Informationen über Pflanzen, Tiere und Mikroben beschränkt werden soll. Um diese sogenannten Digitalen Sequenz-Informationen (DSI) ist in den Vorverhandlungen zu dem Gipfel ein heftiger Streit entbrannt – und der hat das Zeug dazu, eine Einigung über neue Ziele für den globalen Naturschutz zu torpedieren.

Forschung fürchtet Hürden

Der Konflikt entzündete sich daran, dass das Nagoya-Protokoll bisher nur für die physische Entnahme etwa von Pflanzen oder Bestandteilen davon gilt, nicht aber für digitale Informationen zur Genetik der Organismen, die in Datenbanken zu finden sind. Unternehmen, die die Gen-Ressourcen für neue Produkte nutzen wollen, müssen oftmals gar nicht mehr in den Herkunftsländern selbst tätig werden, sondern können die digitalen Informationen auswerten. Eine Reihe von Entwicklungsländern plädiert nun dafür, auch den Zugang zu den DSI einzuschränken.

Auf der anderen Seite stehen nicht nur die Interessen von Unternehmen, die Profite mit den Gen-Ressourcen machen wollen. Auch aus der Wissenschaft kommt Widerstand gegen zu restriktive Regelungen. Viele Expertinnen und Experten aus der einschlägigen Forschung sehen die Zukunft ihrer Arbeit in Gefahr, der uneingeschränkte Zugang zu genetischen Daten sei essenziell.

Der Leiter der Geschäftsstelle des Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) in Gatersleben, Jens Freitag, zum Beispiel sagt: „Nur mit einem freien Zugang lassen sich globale Ziele wie die Gesundheitsvorsorge, Ernährungssicherheit und der Schutz der biologischen Vielfalt erreichen.“ Er plädiert dafür, den Zugang zu DSI-Datenbanken für Ausbildung, Forschung und Wissenschaft weiterhin frei zu ermöglichen, die Nutzung der Gendaten für eine kommerzielle Nutzung durch Unternehmen aber abgabepflichtig zu machen – und zwar in Abhängigkeit davon, wie viel Umsatz mit dem jeweiligen so hergestellten Produkt erzielt wird. Eine solche differenzierte Lösung könnte in der Tat helfen, den Montrealer Knoten zu durchschlagen.

Die indigenen San sind übrigens eine der wenigen indigenen Völkergruppen der Welt, die an den Profiten beteiligt wurden, die mithilfe ihres Wissens entstanden sind. Sie haben in den vergangenen beiden Jahrzehnten mehrere Vereinbarungen mit Unternehmen dazu abgeschlossen, so zu den Pflanzen Hoodia, Rooibos und Kanna. Das Thema der digitalen Gen-Infos spielte dabei allerdings noch keine Rolle.

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