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Ingrid M. und ihr Verteidiger Christian Steinberger kommen ins Landgericht Memmingen.

Altersarmut

Altersarmut: Das Beispiel Ingrid M. 

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Eine Seniorin steht immer wieder vor Gericht, weil sie im Supermarkt klaut – aus Not, wie sie sagt. Wie ihr ergeht es vielen Rentnern.

Auch im Rollstuhl will Ingrid M. Haltung bewahren. Als sie an diesem Dienstag in den Verhandlungssaal des Landgerichts Memmingen gebracht wird, trägt sie ein orangerotes Jackett mit goldenen Knöpfen, farblich passenden Lippenstift und ihr blondiertes Haar frisch frisiert. Wofür sie sich verantworten muss, soll ihr niemand ansehen: Die 85-Jährige aus Bad Wörishofen im Unterallgäu klaut in Supermärkten, sie ist eine Wiederholungstäterin, eine Diebin aus Armut, wie sie sagt. Damit wurde sie bundesweit bekannt.

Am Ende hatten sie 84,65 Euro ins Gefängnis gebracht. Geld, das Ingrid M. nicht hatte, als sie etwa im Frühjahr 2013 an der Supermarktkasse stand und ein Pfund Hackfleisch in ihrem Korb versteckte, das sie sich nicht leisten konnte. Oder als sie im Juni 2014 ein paar Tütensuppen und eine Flasche Rum mitgehen ließ. Später waren es eine Gesichtscreme, Puder und Mascara, die sie stahl.

Im Jahr 2017 hatte das Amtsgericht die Rentnerin zu einer dreimonatigen Haftstrafe verurteilt. Nach 55 Tagen wurde sie kurz vor Weihnachten vorzeitig entlassen. Sie stahl wieder im Supermarkt, noch während der Bewährungszeit. Wieder wurde sie verurteilt, zu vier Monaten Haft ohne Bewährung. Auch ein Gnadengesuch beim bayerischen Justizministerium blieb erfolglos. Um jenes Urteil geht es nun am Landgericht.

Ein wachsendes Problem der Gesellschaft

Eine Seniorin, deren Rente nicht für das Nötigste reicht; eine Rentnerin, die viele Jahre gearbeitet hat und ihren Lebensabend trotzdem nicht alleine stemmen kann; Ingrid M. steht für ein wachsendes Problem dieser Gesellschaft:Altern in Armut. Und sie steht für das letzte Bedürfnis einer ganzen Generation: Altern in Würde. Der 85-Jährigen sieht man ihr leeres Portemonnaie nicht an. Im Gegenteil, ihr Leben ist gefüllt mit Habseligkeiten, die von besseren Zeiten erzählen: die goldenen Ohrringe, die sie häufig trägt, die eleganten Tweedkostüme, die feinen Blusen. Auch ihre 70-Quadratmeter-Wohnung am Rand von Bad Wörishofen wahrt den Schein der wohlhabenden Witwe. Aber Ingrid M. lebt von einer Minirente, Grundsicherung und Wohnhilfe. Und hat nach allen Abzügen weniger als 100 Euro im Monat zur Verfügung.

Rund 550 000 Rentnerinnen und Rentner in Deutschland beziehen laut Statistischem Bundesamt Grundsicherung, das sogenannte Hartz IV der Alten, 2003 waren es noch halb so viele. Die Zahl der Senioren, die ihre Rente mit Grundsicherung aufbessern müssen, steigt seit Jahren. Die Zahl derjenigen, denen diese Form der Sozialhilfe im Alter zustünde, ist noch besorgniserregender. Viele stellen erst gar keinen Antrag, aus Scham, Stolz oder schlicht aus Unwissenheit.

In der Armutsforschung geht man davon aus, dass auf jeden Antragsteller bis zu zwei Rentner kommen, die keine Grundsicherung in Anspruch nehmen, obwohl sie dazu berechtigt wären. „Und gemessen an der offiziellen Armutsschwelle gibt es heute bereits 2,5 Millionen Menschen über 65 Jahre, die unter diese Grenze fallen“, sagt Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre und Sozialpolitik an der Hochschule Koblenz. „Aber die große Welle kommt erst noch.“ Für die nächsten zehn bis 15 Jahre sagt Sell einen massiven Anstieg der Altersarmen voraus. Das betreffe vor allem Rentnerinnen und Rentner in Ostdeutschland; Menschen mit zerfallenen Erwerbsbiografien, Menschen aus dem Niedriglohnsektor, Menschen mit niedrigen gesetzlichen Renten, ohne zusätzliche private Vorsorge oder andere Einkünfte.

Gleichzeitig wächst die Zahl der Wohlhabenden, die es sich im Alter gut gehen lassen können. „Die Polarisierung ist groß“, sagt Armutsforscher Sell: „Den Bedürftigen stehen immer mehr Senioren mit guten gesetzlichen Renten gegenüber, Menschen, die vorgesorgt haben, Vermögen gebildet haben, Eigentum besitzen und keine Mieten zahlen müssen.“ Diejenigen, die kein Eigentum haben, treffe es dann doppelt. „Die deutlich steigenden Wohn- und Mietkosten werden für Ältere zum Armutsrisiko Nummer eins“, sagt Sell.

Armut im Alter, das trifft überdurchschnittlich viele Frauen. Frauen, die sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren an das gängige Ehemodell gehalten haben: der Mann voll berufstätig, die Frau für die Kinder zu Hause. Wiedereinstieg höchstens in Teilzeitarbeit, häufig im Niedriglohnsektor. Es trifft Frauen, die ein Leben weit entfernt von der Armutsgrenze führten, deren Haushaltseinkommen stets nach dem gut verdienenden Ehemann berechnet wurde. Frauen wie Ingrid M. aus Bayern.

Die gelernte Maßschneiderin, geboren 1933 in Wuppertal, Nordrhein-Westfalen, heiratete zweimal. Ihr erster Ehemann, Besitzer einiger Tabakläden und Zigarettenautomaten, starb an Leukämie und hinterließ ihr 285 000 Mark Schulden, ein Insolvenzverfahren und jede Menge Ärger mit den beiden gemeinsamen Töchtern. Kontakt haben sie keinen mehr.

Ihr zweiter Ehemann, ein Großhändler aus Bayern, ermöglichte ihr ein gutes Leben, ein Haus in München, teure Möbel, Reisen und schicke Autos. Doch vom Luxus blieb nicht viel übrig. So erzählte es Ingrid M. dem „Spiegel“ in einer Homestory im Sommer 2018. Ihr Mann habe das in den USA angelegte Vermögen durch den Börsencrash nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verloren. Als er drei Monate später starb, ebenfalls an Krebs, hinterließ er ihr 380 Mark Witwenrente im Monat. Ingrid M. verkaufte einiges, behielt vieles, zog in eine 150-Quadratmeter-Wohnung, halbierte ihren Lebensraum schließlich, in der kleineren Wohnung blieb noch genug Raum für ihr Hab und Gut.

Angst vor Verlust der Wohnung

Wenn Seniorinnen ihre Männer und damit ihren Lebensstandard verlieren, ist Würde oft das, worin sie noch investieren. „Frauen bleiben häufig in ihren zu großen Wohnungen“, sagt Sell, „dieser Lebensraum ist für sie geradezu existenziell.“ So erklären Experten auch den großen Anteil armer Rentnerinnen und Rentner, die auf ihre Grundsicherungsansprüche verzichten. Viele meldeten sich nicht beim Amt, weil sie fürchten, ihre Wohnung, ihr letzter Luxus, könnte ihnen weggenommen werden.

Auch Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband bestätigt das Phänomen. „Das Nichtbeantragen von Hilfe hat viele Gründe. Zum einen ist da große Scham, am Ende seines oft erwerbstätigen Lebens als Verlierer zu gelten, als jemand, der auf den Staat angewiesen ist“, sagt Schneider. „Zum anderen spielt die Angst vor Ämtern eine Rolle, die schlichte Überforderung mit Bürokratie.“ Ältere Menschen müssten an die Hand genommen werden, doch genau da liegt ein weiteres Problem. „Früher kam der Kirchenblattkassierer oder der Geldbriefträger regelmäßig ins Haus, und spätestens, wenn die Oma drei Tage nicht im Supermarkt gesehen wurde, fragte die Kassiererin, ob man nicht mal bei ihr klingeln sollte.“

Dass Ältere gar nicht oder erst spät um Hilfe bitte, erleben auch die Tafeln. Oft erfahren die Einrichtungen nur durch Angehörige, wie schlimm die Situation der Senioren wirklich ist, heißt es beim Gesamtverband der Tafeln. Von den 1,5 Millionen Bedürftigen, die auf Lebensmittel der Tafeln angewiesen sind, ist etwa jeder vierte Rentner, mit oder ohne Grundsicherungsbezügen. Die Tafeln gehen aber davon aus, dass die Mehrheit der bedürftigen Rentner nicht den Weg zur Lebensmittelausgabe geht – aus Scham und Schuldgefühl, nicht für sich selbst gesorgt zu haben.

Ingrid M. stahl Lebensmittel, später auch Gesichtscreme, Puder und Mascara. Die Armut nicht spüren, innerlich wie äußerlich, gehört für sie zum menschlichen Grundbedürfnis. Aus schlechtem Gewissen führte sie Buch über jeden Artikel, den sie über die Jahre stahl. Um Kosmetik und Nahrungsmittel im Wert von 17,63 Euro ging es in der Verhandlung am Dienstag. Diese Dinge will die Rentnerin aber nicht gestohlen haben. „Ich kann nicht erklären, wie Sahnesteif und Haarklammern in meinen Wagen kamen. Ich nutze das nicht.“ Mehrere Zeugen belasteten die Angeklagte.

Menschen wie Ingrid M. stehlen nicht freiwillig, glaubt Ulrich Schneider. „Wie viele Rentner wohl nicht erwischt werden beim Klauen? Es ist zum Fremdschämen, was da passiert.“

Die Not in Zahlen

Die Gefahr, im Alter zu verarmen, steigt. Rund 544 000 Menschen im Alter über 65 Jahre bezogen Ende 2017 eine Grundsicherung, so das Statistische Bundesamt. 2003 waren es noch rund 257 700.

Das Armutsrisiko erfasst inzwischen 14,7 Prozent aller Rentnerinnen und Rentner in Deutschland. Zu der Gruppe werden alle Menschen gerechnet, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens der gesamten Bevölkerung beträgt.

Der Paritätische Gesamtverband ergänzt in seinem aktuellen Armutsbericht 2018, dass die Gruppe der Betroffenen faktisch größer sei, weil weder die Wohnungslosen noch die auf Sozialhilfe angewiesenen Menschen in den Pflegeheimen statistisch in die Risikogruppe eingerechnet würden.

Von Armut besonders häufig betroffen sind Rentnerinnen und Rentner in Ostdeutschland und Zugewanderte. Ostdeutsche hatten oftmals keine Möglichkeiten, zusätzlich zur gesetzlichen Rente eine private Absicherung aufzubauen. Das war zur Zeit der DDR nicht vorgesehen, und nach der Wende hatten viele dafür kein Geld. Bei Zugewanderten wird die Arbeitsleistung im Ausland oft nicht anerkannt, so dass sie im Alter in Deutschland auf Hilfe angewiesen sind.

Frauen sind zudem häufiger von Armut im Alter betroffen als Männer, Frauen in Westdeutschland häufiger als Frauen in Ostdeutschland. Das geht auf die unterschiedlichen Erwerbsbiografien zurück.

Das niedrigste Einkommen im Alter haben ostdeutsche ledige Männer, das geht aus dem Bericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales „Alterssicherung in Deutschland 2015“ hervor (siehe Grafik). Am besten geht es westdeutschen Männern. (vf)

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