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Armin Laschet
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Armin Laschet, Kanzlerkandidat der Union.

TV-Kritik

Armin Laschet verliert in ARD-Wahlarena die Fassung: „Nein, passen Sie auf“

  • VonMirko Schmid
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Armin Laschet ist ein netter Mann. Das beweist er auch in der ARD-Wahlarena kurz vor der Bundestagswahl 2021. Ein Kanzler ist er jedoch nicht. Die TV-Kritik.

Frankfurt/Lübeck – Armin Laschet ist ein sympathischer Mann. Diese Kenntnis ist nichts Neues und die Einschätzung wenig exklusiv. Er gilt als im persönlichen Gespräch zugewandt, höflich, freundlich und als eine rheinische Frohnatur. All das warf er in dieser Wahlarena, einem Format, das wie maßgeschneidert für diese Charakterzüge ist, in die Waagschale. Was durchaus funktioniert hat, die meisten Fragenden (wie sie auch die ARD-Moderation gendergerecht nennt) wirkten im Anschluss an seine Antworten einigermaßen zufriedengestellt.

Und diese Fragenden waren diesmal, anders als etwa vor rund eine Woche, als SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz ob der häufig wenig qualitativen Fragen mehrfach beim Sortieren der Fragezeichen über seinem Kopf gesehen wurde, exzellent ausgewählt. Generell hat die ARD eine solide Sendung abgeliefert. Ellen Ehni und Andreas Cichowicz führten bis auf einen (dafür derben) Ausrutscher souverän und zumeist deutlich zurückhaltender durch die Fragerunde als in der Vorwoche mit Scholz und vor allem ihre Auswahl derjenigen, die ihre Sorgen und Nöte mit dem CDU-Kanzlerkandidaten teilen durften, war diesmal rundum gelungen.

Das lag auch daran, dass rund die Hälfte der Fragenden aus jungen Menschen bestand. Schülerinnen, Studentinnen, junge Erwachsene – Menschen also, auf die (wie es einer von ihnen treffend formulierte) die Politik der kommenden Regierung noch fast ein ganzes Leben lang Auswirkungen haben wird. Und Armin Laschet, das wurde schnell klar, hatte sich gegen den Sturm der Jugendlichkeit aus dem Publikum eine Argumentationslinie zurechtgelegt, die er eisern durchzog: In NRW, so antwortete er gefühlt auf sämtliche Fragen, hat er die Lösungen für alle Probleme doch bereits erkannt und angeschoben. Übersetzt: Ministerpräsident kann ich, NRW ist ein prosperierender Ponyhof, jetzt lasst mich doch mal im Bund machen.

Armin Laschet in der ARD-Wahlarena: Selbsternannter Klimaretter von Schülerin entlarvt

Doch ab und an eckte er damit, bei aller liebenswerten Onkelhaftigkeit, dann doch an. Etwa bei einer jungen Klimaaktivistin, die es ihm nicht durchgehen lassen wollte, dass er sich zuvor als Captain Klimawandel präsentiert hatte. Auf die besorgte Frage einer anderen jungen Frau hatte Laschet nämlich darüber schwadroniert, dass „die Generation, die ab dem 26. September Verantwortung trägt“ alles tun müsse, um in den kommenden Jahren das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen. Außerdem sei nun Tempo beim Klimawandel geboten. Zur Erinnerung: Da sprach kein Grüner und kein Klimaaktivist, sondern ein verkappter Kohlelobbyist und Bremser, dem der YouTuber Rezo kürzlich sauber recherchiert beim Thema Klima die Unterhose über den Kopf gestülpt hat.

Dementsprechend zeigt sich die junge Aktivistin kurz darauf deutlich verärgert und hatte gar ein Beben in der Stimme, als sie Laschet ankreidete, den Hambacher Forst mit illegalen Mittel geräumt zu haben (stimmt), in seinem Land per Gesetz im Grunde den Bau neuer Windräder unmöglich zu machen (stimmt) und noch im Jahr 2020 ein Kohlekraftwerk ans Netz gebracht zu haben (stimmt auch). Kurzum: „Ihre Klimapolitik war eine Katastrophe, von Fehlentscheidungen und Skandalen geprägt, sie blockieren immernoch den Ausbau von Erneuerbaren.“

Hier verlor Laschet das einzige Mal an diesem Abend die gut temperierte Contenance und fiel ihr gar mit einem altväterlichen „Nein, passen sie auf!“ ins Wort. Er behauptete, dass die junge Frau „drei Behauptungen aufgestellt“ habe, „wo ich ja kurz mal entgegnen darf, dass die alle drei falsch waren“, zeigte dann mit dem Finger auf seine rot-grüne Vorgängerregierung in NRW und rühmte seine Regierung gar dafür, den Hambacher Wald „gerettet“ zu haben. Entkräften konnte er indes keinen einzigen ihrer Vorwürfe. So sehr er es auch ausstrahlen will: Als Klima-Kanzler kommt Laschet in diesem Leben wohl nicht ins Amt. Dafür spricht auch, dass er bei den Industrien, in denen sich etwas bewegen muss, dezidiert Stahl, Autos und Wohnungen ansprach. Nicht aber Kohle. Die wurde im anschließenden Satz wegmoderiert.

Armin Laschet verliert fast die Fassung, als ihn ein Zuschauer der ARD-Wahlarena zum Rückritt auffordert

Dafür ließ es Laschet hier und da menscheln. Eine gut ausgebildete und arbeitswillige Langzeitarbeitslose bat er um ihre Telefonnummer zwecks Vermittlung in den Arbeitsmarkt. Seine Einlassung gegenüber einem Berufsfeuerwehrmann im Rollstuhl, der mehr Chancen für motivierte und bestens ausgebildete Menschen mit Behinderung forderte, klang empathisch und ehrlich. Dazu musste er nicht einmal auf Augenhöhe gehen, wie es Annalena Baerbock in der Vorwoche im Gespräch mit einer Rollstuhlfahrerin tat. Und er klang ehrlich, als er mehr Diversität in den oberen Abteilungen von Bundesbehörden forderte und versprach, ein sichtbar diverses Kabinett aufstellen zu wollen.

Das Problem ist nur: Dafür müsste er ja erst einmal Bundeskanzler werden. Und derzeit sieht es damit nicht sonderlich rosig aus. Ein Zuschauer stellte Laschet komplett bloß, als er ihn fragte, warum der CDU-Chef angesichts seiner miserablen Umfragewerte denn, wenn es ihm, wie plakatiert, „um die Menschen geht, wenn es um Deutschland geht“, nicht „schon längst von der Kanzlerkandidatur zurückgetreten“ sei. Laschet rang deutlich sichtbar um Fassung, setzte einen sehr verkniffenen Gesichtsausdruck auf und sagte ganz leise und langsam: „Was hielten Sie von der Idee, dass wir die Menschen das am 26. September entscheiden lassen? Welche Partei sie wählen?“ Kurze Pause. Und dann noch: „Wäre doch ein guter Gedanke.“

ARD-Wahlarena

Mit CDU/CSU-Kanzlerkandidat Armin Laschet. Erstausstrahlung Mi., 15. September 2021, 20.15 Uhr, ARD.

So richtig darauf eingehen, dass gefühlt 105 Prozent all jener, die es mit der Union halten, lieber den CSU-Mann Markus Söder als ihn im Wahlkampf gesehen hätten, wollte er aber nicht. Stattdessen verwies er auf einen in der heutigen Zeit gar nicht so banalen Fakt, wie er erst einmal klingt, wonach jeder der Drei im Rennen um das Kanzleramt das Wahlergebnis der Bundestagswahl 2021 am Ende akzeptieren müsse. Moderatorin Ellen Ehni griff diese Phrase geistesgegenwärtig auf und setze leicht grinsend hinterher: „Das Wahlergebnis am 26.9. wird akzeptiert, so ist das in einer Demokratie.“ Irgendwo zwischen Florida und New Jersey wird währenddessen ein ehemaliger US-Präsident eine Augenbraue hochgezogen haben.

ARD-Wahlarena mit Armin Laschet: Moderation versagt vollkommen beim Thema „Redeverbote“

Zu einem bemerkenswert miserabel eingeordneten Moment kam es, als eine Impfskeptikerin ihre Sorge loswerden durfte. Allerdings weder in der zum Studio umgebauten Kulturwerft Gollan noch – wie einige andere – per Bildschirm zugeschaltet. Nein, kurz vorher abgesagt habe sie ja, weil sie sich nicht mehr trauen könne, ihre Meinung zu sagen. Nur per Voice-Nachricht könne sie ihre Frage stellen, ohne Angst haben zu müssen. Wie kann es eigentlich sein, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender einer solchen Selbstinszenierung der Opferrolle auch noch eine Bühne bietet? Es hätten sich sicher mehr als genug Impfgegner gefunden, die sich ins Studio gesetzt hätten.

Stattdessen wurde ganz viel Mitleid mit dieser ja ach so armen Dame geheuchelt, die faktisch in ihrem Egoismus schlicht andere gefährdet. Laschet verstieg sich gar zu der Bemerkung, dass ihn das „betroffen“ mache. Schlimmer noch: Er betete den ausgelutschten Sermon derjenigen herunter, die es einfach doof finden, dass sie andere nicht mehr frei Schnauze diskriminieren dürfen. In bester Manier einer unangenehmen Zeitung mit vier Buchstaben leierte er: „Es gibt Menschen, die sich manches nicht mehr trauen zu sagen. Die auch nicht mehr wissen, wie dürfen sie sprechen.“

Tun sie das, Herr Laschet? Diese Menschen trauen sich also nicht mehr, dem Schnitzel eine herablassende Bezeichnung einer Volksgruppe voranzustellen oder den Schaum vor dem Kuss mit einem rassistischen Begriff zu ersetzen, wie das früher mal „normal“ war? Diesen Menschen gebührt natürlich jede Menge Mitleid. Muss ein hartes Leben sein, wenn einem komplett egal ist, was andere Menschen davon halten, wenn es sie verletzt, was man sagt. Gut, dass sich Laschet für diese Leute einsetzt. Und dafür, Leuten zuzuhören, die die Pandemie leugnen und Unwahrheiten verbreiten, was in letzter Konsequenz dazu führen kann, dass Menschen sterben.

NameArmin Laschet
ParteiChristlich Demokratische Union Deutschlands (CDU)
PositionenMinisterpräsident Nordrhein-Westfalen
Bundesvorsitzender CDU
Alter60 Jahre (18. Februar 1961)
GeburtsortAachen, NRW

Armin Laschet in der ARD-Wahlarena: „Wir müssen respektvoll reden und alles sagen dürfen“

Als Armin Laschet dann auch noch „wir müssen respektvoll reden und alles sagen dürfen“ hinterherschob, also wirklich „alles sagen“, konnte man sich schon dabei erwischt fühlen, mit der Fernbedienung auf das Empfangsgerät einprügeln zu wollen. Um es an dieser Stelle einmal klarzumachen: Nein, das müssen wir nicht, lieber Herr Laschet. Es gibt aus gutem Grund Gesetze, welche Meinungen von Beleidigungen, von Hetze und Volksverhetzung, von verbaler Brandstiftung unterscheiden. Einem Möchtegern-Kanzler würde diese Unterscheidung übrigens ähnlich gut stehen, wie unserer (in diesem Punkt) vorbildlichen Justiz.

Erwähnt sein sollte an dieser Stelle noch, dass sich Armin Laschet wieder einmal darum wand, klar Stellung gegenüber Hans-Georg Maaßen zu beziehen. Gegenüber dem Mann also, dem ein Zuschauer mit Migrationshintergrund völlig zu Recht bescheinigte, dass er in einer anderen Partei als der CDU deutlich besser aufgehoben wäre. Der seit einiger Zeit im besten Sprech der Neuen Rechten gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk hetzt und Laschet diktieren will, wen der doch bitte aus seinem „Zukunftsteam“ werfen soll.

Laschet fand dafür nur das übliche Blabla von wegen er dürfe ja als Parteichef in einem Wahlkreis nicht hereinreden, wer da aufgestellt wird. Ein Fakt, der bekannt ist und keiner weiteren Wiederholung bedarf. Genauso wenig wie der Fakt, dass Laschet es einfach nicht auf die Kette bekommt, sich klar vom Rechtsaußen seiner Partei mit Neigung zu noch weiter rechts zu distanzieren. Da wirkte es auf einmal nicht mehr sonderlich glaubwürdig, dass Laschet behauptete, er werde (und nicht etwa würde) „ein Bundeskanzler sein, der sich mit jedem anlegt, der Rassismus predigt“.

Armin Laschet setzt sich in der ARD-Wahlarena nicht wirklich für das Tierwohl ein

Generell übertrieb es Laschet an einigen Stellen mit seinem Verständnis. Etwa mit einem Schweinebauer, der Worte wie „Ferkelunterversorgung“ nutzt und von lebenden Tieren als „15 Millionen Stück“ spricht. Der sich ganz doll dafür bemitleidet, dass er und seinesgleichen vom bösen Staat ständig „gezwungen“ werden, „alle paar Jahre Ställe anzupassen und Standards zu erfüllen“. Angesichts der grausamen Bedingungen, in denen Schweine und gerade Muttersauen noch heute (und entgegen gerichtlicher Rechtsprechung) leben müssen, fiele Menschen mit einem Herz für Tiere in diesem Moment nur eine Redewendung ein: arme Sau.

Doch Laschet, der hat für so etwas natürlich absolutes Verständnis. In Deutschland dürfe es keine schlechteren Bedingungen als in den Nachbarstaaten geben, antwortete er. Für die Bauersleute, meinte er natürlich. Nicht für die Tiere, versteht sich. Für Planungssicherheit sorgen wolle er, ergänzte er noch. Sicher meinte er damit mehr Planungssicherheit als für die Menschen in den Flutgebieten, die teilweise mit 1.000 Euro abgespeist wurden, wo, wie ein Zuschauer sagte, häufig rund das Hundertfache benötigt würde.

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Laschets Antwort: In seinem NRW, in dem ja alles so toll läuft, bekämen die Leute sogar 3.500 Euro. Wow. Fehlen ja nur noch 96.500 Euro. Und immerhin nicht 99.000 Euro, wie im von den doofen Sozis regierten Rheinland-Pfalz. Danke für nichts, wird sich der von Flutschäden gebeutelte Bürger gedacht haben.

Armin Laschet beweist in der ARD-Wahlarena, dass er sich gut zum Ministerpräsidenten eignet

Alles in allem machte Laschet insgesamt jedoch eine gute Figur. Als Kümmerer, als eine Art väterlicher Freund im Politikerkostüm, da funktioniert er einfach. Anders als Olaf Scholz fehlt ihm aber die Aura des „Starken Mannes“, des „Anpackers“. Und anders als Annalena Baerbock geht ihm jegliche Gabe ab, einen Aufbruch vermitteln zu können. Er wirkte auch an diesem Abend wieder einmal wie jemand, dem man kurz vor dem Urlaub gern den Schlüssel dalässt, um die Blumen zu gießen.

Wie jemand für die nicht ganz so großen Aufgabenstellungen. So stolz und so viel er von „seinem“ NRW gesprochen hat, bietet sich statt des Kanzleramts doch ein anderer Posten ganz gut an für ihn. Wie ein Kanzler hat er wieder einmal nicht gewirkt. Aber so beispielsweise als Ministerpräsidenten könnte man sich Armin Laschet dann doch schon ganz gut vorstellen. Vielleicht sollte er über diesen Job einmal nachdenken. (Mirko Schmid)

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