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Küstenmassiv der Antarktis im April 2020.
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Küstenmassiv der Antarktis im April 2020.

Antarktis

Klimawandel: Armageddon am Südpol – Küstenstädte bald komplett unter Wasser?

  • Johannes Dieterich
    VonJohannes Dieterich
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Wenn die 26 Trillionen Tonnen Eis in der Antarktis durch den Klimawandel abschmelzen, dann steht nicht nur Hamburg das Wasser bis weit über den Hals.

Antarktis – Das Eis bewegt sich. Unermüdlich. Selbst wo es weit über 4000 Meter dick ist. Es schiebt sich langsam in Richtung Norden dem Polarmeer entgegen, um dort als Schelf aufs Wasser gedrückt und schließlich in Eisberge auseinandergerissen zu werden. Die treiben dann fort, verschmelzen mit dem Ozean, verdunsten und fallen zumindest teilweise als Schnee auf den arktischen Kontinent zurück, der sich über die Jahrzehnte wiederum zu der stellenweise sogar fast 5000 Meter hohen Eisschicht auftürmt. So vollzieht sich das Naturspektakel schon seit Millionen von Jahren – aber jetzt droht der Kreislauf aus der Bahn zu geraten.

Im Weddell-Meer vor der Antarktischen Halbinsel brechen statt bloßer Eisberge inzwischen ganze Schelfe ab. Erst – im Januar 1995 – „Larsen A“, im Februar 2002 folgte „Larsen B“, und seit sich vor vier Jahren auch ein über 5000 Quadratkilometer großer Teil von „Larsen C“ als einer der größten den Menschen bekannten Eisberge von seinem Kontinent löste, muss man sich auch um die einst viertgrößte Schelfeisfläche der Antarktis Sorgen machen.

Klimawandel und steigender Meeresspiegel: Auch Hamburg restlos unter Wasser

Und nicht nur das. Weil die Eisfläche des siebten Kontinents auf diese Weise immer kleiner wird, heizt sich die Atmosphäre immer mehr auf: Denn das Meer und der freigelegte Kontinentalboden absorbieren wesentlich mehr Sonnenlicht als das Eis. Schließlich dringt wegen des wärmer werdenden Ozeans zunehmend Wasser ein zwischen die Gletscher und den Antarktisboden – und das lässt das Eis noch schneller ins Polarmeer rutschen. Lauter Entwicklungen, an deren Ende die Wissenschaft nicht einmal mehr das völlige Schmelzen der 26 Trillionen Tonnen schweren Eismasse der Antarktis ausschließt. Die Folge: Der Meeresspiegel würde um rund 60 Meter ansteigen – Küstenstädte wie New York, Shanghai, Kapstadt oder auch Hamburg stünden restlos unter Wasser.

Was wie die Prämisse eines apokalyptischen Hollywood-Films scheint, könnte bereits in vier Jahrzehnten seinen, dann nicht wieder korrigierbaren Anfang nehmen, wenn nicht jetzt – sofort – Entscheidendes gegen die Klima-Erhitzung unternommen wird, heißt es in einer jüngst im britischen Magazin „Nature“ veröffentlichten internationalen Studie. Werde erst einmal ein „tipping point“ – ein Kipppunkt – erreicht, sei der Prozess selbst bei drastischer Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen nicht mehr aufzuhalten. Und das könne bereits 2060 der Fall sein. „Die nächsten Jahrzehnte werden entscheiden“, warnt Robert DeConto, Polarklima-Experte an der Universität von Massachusetts und Mitautor der Studie.

Schmelzendes Eis wegen Klima-Erhitzung: Meeresspiegel könnte um 1,20 Meter steigen

Der „tipping point“ werde sich im Amundsen Meer westlich der Antarktischen Halbinsel ergeben, erläutert Glaziologin Angelika Humbert vom Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut. Jener Teil des Südlichen Ozeans besitzt nämlich eine außergewöhnliche Eigenschaft: Dort liegt das Meer höher als eine sich von ihm nach Süden erstreckende Festlandsenke, sodass sich die Gletscher auf ihrem Weg zum Ozean den Berg hinaufschieben müssen. Das bedeutet umgekehrt, dass sich der Ozean irgendwann in die Senke ergießt, ist nur genug Eis geschmolzen – ein „katastrophales Aufbruchsereignis“, so Humbert, das sich von den üblichen „Kalbungen“ des Schelfeises fundamental unterscheidet. Käme es tatsächlich dazu, werde der Meeresspiegel auf dem Rest der Welt um 1,2 Meter steigen.

Ob und wann es zu einem derartigen Aufbruchsereignis kommt, ist in der Fachwelt noch umstritten. DeConto zählt zu den mit eher drastischen Rechenmodellen Arbeitenden in der Wissenschaft. Es gibt auch Fachleute, die vorsichtiger rechnen. Allerdings hat sich die Schmelze sowohl der arktischen wie der antarktischen Polarkappe bislang drastischer als nach fast allen Prognosen erwiesen. „Wir haben noch keine allgemein anerkannten Formeln für solche Ereignisse gefunden“, räumt Humbert ein.

Klimaforscherin: „Technischer Ausweg ausgeschlossen.“

Noch bleibt fürs Rechnen etwas Zeit. Wenn aber der gegenwärtige Ausstoß an Kohlendioxid sich nicht senke, heißt es in der „Nature“-Studie, werde der Meeresspiegel zehnmal schneller als derzeit steigen – um durchschnittlich sechs Zentimeter jedes Jahr. Selbst wenn noch in diesem Jahrhundert Techniken zur Absorption von CO2 gefunden würden, könne die große Schmelze damit auch nicht mehr aufgehalten werden.

Das von Klimawandel-Leugner:innen so gerne angeführte Argument, dass der erwartbare künftige technische Fortschritt sämtliche Katastrophenängste überflüssig macht, ist dann endgültig vom Tisch. „Es ist ausgeschlossen, dass wir uns aus diesem Szenarium einen technischen Ausweg konstruieren können“, sagt die US-Geologin und Ko-Autorin der Studie, Andrea Dutton.

Verändertes Klima: Arktis als Tiefkühltruhe des Planeten

Als Tiefkühltruhe des Planeten ist die Antarktis auch nicht nur für den Meeresspiegel mitverantwortlich. Der den kalten Kontinent umgebende Zirkumpolarstrom bewegt sich schneller als jeder andere Meeresstrom der Welt und gilt sogar als deren Hauptantriebskraft. Er sorgt sowohl für die weltweite Verteilung sauerstoff- und mineralienreichen Wassers wie für die Bindung von Kohlenstoffdioxid und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten mit rund 2,5 Grad Celsius stärker als jeder andere Ozean erwärmt. „Gerät dieser Strom aus dem Gleichgewicht, hat das Auswirkungen auf das Klima der gesamten Welt“, warnt Tim Packeiser vom deutschen WWF (siehe nebenstehendes Interview).

Ob das realistisch apokalyptische „Aufbruchsereignis“ im Amundsen Meer tatsächlich kommen wird, will Angelika Humbert nicht prognostizieren. Doch dass in der Antarktis derzeit Dinge geschehen, die der Menschheit zu denken geben müssen, sei klar: „Und wie bei Corona stellt sich die Frage, ob wir darauf vorbereitet sind.“ (Johannes Dieterich)

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