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Argentiniens Präsident Mauricio Macri schafft es bei der Präsidentenwahl vermutlich noch nicht einmal in die Stichwahl.

Präsidenten-Wahl

Wahlen in Argentinien: Präsident Macri vor der Ablösung 

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Bei der Präsidentenwahl in Argentinien zeichnet sich ein Machtwechsel ab. Die Peronisten von Cristina Fernández de Kirchner könnten gewinnen.

Der Frühlingsmorgen in Buenos Aires ist kalt. Dünner Regen fällt auf die Stadt, und in den schmalen Gassen des Armenviertels Villa 21-24 steht das Wasser. Es riecht nach Abort. Im Büro der „Frente Popular Darío Santillán“ wärmen sich die Menschen an Mate-Tee, auf dem Tisch steht süßes Brot. Schwermütigkeit liegt über der Versammlung des Bürgerkomitees. Doch sie kommt in erster Linie nicht von der feuchten Kälte. Bryan Contreras, die Hände in seinen Jackentaschen vergraben, ergreift als erster das Wort: „Als dieser Präsident bei Amtsantritt versprach, den Hunger auszumerzen, dachte ich nicht, dass er das so wörtlich meint.“ Contreras sagt das ohne Ironie, ohne bitteren Witz. Die anderen Mitglieder des Bürgerkomitees, viele von ihnen Frauen, nicken.

Wenige Tage vor der Präsidentenwahl in Argentinien geht es im „Armenviertel 21-24“ am Randes eines Industriegebiets von Buenos Aires für die Menschen nur um eines: „Dass die endlich abhauen.“ Hier nennt keiner den Präsidenten gerne beim Namen.

Mauricio Macri ist nicht nur in den vielen Villas der Stadt längst zur Hassfigur geworden. Er hat das südamerikanische Land in seinen vier Jahren an der Macht noch tiefer in die Krise geführt. Er versprach den Argentiniern „Null Hunger“, bekommen haben sie Hunger satt.

Vieles falsch gemacht

Macri wollte die Inflation abschaffen, mittlerweile gehört Argentinien zu den Staaten mit der weltweit höchsten Teuerungsrate. Der Peso hat in einem Jahr die Hälfte seines Wertes eingebüßt. Die Armut sprang in den Macri-Jahren von 27 auf 35 Prozent und ist jetzt so hoch wie beim nördlichen Nachbarn Bolivien, einem der ärmsten Länder Lateinamerikas.

Von allen Problemen sei der Hunger das Schlimmste, sagen sie im Armenviertel. Auch die Inflation. Aber da die meisten Menschen hier nie viel Geld hatten, spüren sie die Entwertung weniger als das reißende Loch im Magen. Für den Präsidenten bedeute „Null Hunger“, dass er „die Armen einfach abschafft, sie verhungern lässt“, sagt der 38-jährige Bryan Contreras. „Unter der Vorgängerregierung von Cristina Kirchner ging es uns zwar auch nicht gut, aber wir hatten immer zu essen.“

So wie die Stimmung hier im Armenviertel ist sie in ganz Argentinien. Sergio Berensztein sitzt in seinem Büro an der Avenida „9 de Julio“, der Prachtstraße von Buenos Aires. Der Politikberater und Wirtschaftsexperte hat schon viele Regierungen gesehen, aber diese hat selbst ihn überrascht: „Macri hat falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte.“ Dann zählt Berensztein auf: falsche Diagnose der Krise, Überheblichkeit, Naivität, sich widersprechende Finanz- und Wirtschaftspolitik, Kritikunfähigkeit.

Macri, Ex-Bürgermeister von Buenos Aires und Ex-Präsident des Fußball-Clubs Boca Juniors schaffte es zu keiner Zeit, Argentinien krisenfest zu machen. Zwar strich er Subventionen, öffnete das Land für Importe und Investoren, aber sie kamen kaum. Niedrige Weltmarktpreise und Dürre taten ihr Übriges. Die Regierung nahm sogar beim Internationalen Währungsfonds einen 57-Milliarden-Kredit auf, den höchsten, den die Institution je vergeben hat. Aber es nichts half. Tausende Betriebe machten dicht, die Arbeitslosenquote ist die höchste seit 14 Jahren am Jahresende wird Argentiniens Wirtschaft nach zwei Jahren Rezession um sieben Prozent geschrumpft sein.

Die Peronisten setzen auf Kirchner

Und jetzt, was kommt jetzt? Macri schafft es am Sonntag vermutlich nicht einmal in die Stichwahl. Und dann kommen die Peronisten wieder an die Macht, die gerade vor vier Jahren weggejagt und für Jahre der Korruption und Misswirtschaft unter Cristina Fernández de Kirchner bestraft wurden. So ist das in Argentinien: Die Krisen kommen eben so sicher wieder wie die Peronisten, das sind die zwei eisernen Gesetze hier.

Kirchner, die ein Drittel der Argentinier hinter sich weiß, tritt nur als Vize-Kandidatin an. Sie bringt eine feste linke Wählerbasis ein, und den Rest besorgt Alberto Fernández, ihr ehemaliger Kabinettschef. Er ist ein Peronist der Mitte, ein Politiker, der nie in der ersten Reihe stand, der aber weiß, wie man ein Land in der Krise managt. Und wenn die Peronisten, die weder wirklich links noch rechts, aber fast immer zerstritten sind, sich einigen, dann kommt an ihnen keiner vorbei.

In der Villa 21-24 werden sie im Bürgerkomitee mehrheitlich auch für das Duo Fernández-Fernández stimmen. Aber nicht weil sie überzeugte Peronisten wären. „Sie sind die sichersten Garanten dafür, dass wir Macri endlich loswerden“, sagt Bryan Contreras.

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