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SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bei der ARD-Wahlarena.
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SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz bei der ARD-Wahlarena.

TV-Kritik

ARD-Wahlarena: Olaf Scholz zeigt mit Auftritt, warum er am Ende Kanzler werden wird

  • VonMirko Schmid
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Nach Annalena Baerbock stellte sich jetzt auch Olaf Scholz Fragen ganz normaler Menschen in der ARD-Wahlkampfarena. Er agiert wie ein Kanzler. Die TV-Kritik. 

Berlin – Olaf Scholz, so viel ist sicher, will Bundeskanzler werden. Seine Chancen stehen inzwischen mehr als gut. Es kursieren erste Wetten darauf, dass er seine SPD auf über 30 Prozent hieven wird. Wer wissen will, warum das so ist, dem reicht es, sich seinen Auftritt in der ARD-Wahlarena anzuschauen. Denn Olaf Scholz wirkt nicht mehr wie ein Bewerber, sondern längst wie ein Amtsinhaber. Anders gesagt: Er hat es geschafft, der CDU den Amtsbonus abzuluchsen.

Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, sollte ein Blick auf die Zeit geworfen werden, in der Olaf Scholz erstmals einer bundesweiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Das war im Jahr 2002. Gerhard Schröder war Kanzler, Joschka Fischer Außenminister, CDU-Politiker wie Roland Koch galten noch als rechter Rand der politischen Prominenz, eine rechtsradikale „Alternative“ dazu gab es damals noch nicht.

Zu jener Zeit kam Kanzler Schröder auf die Idee, den recht blassen Hamburger Regionalpolitiker Scholz, der außerhalb der hanseatischen Bubble bis dato nur wenig Aufsehen erregt hatte, zu seinem Generalsekretär zu machen. 91,3 Prozent der SPD-Mitglieder fanden das ganz okay und bestätigten Scholz auf ihrem Parteitag. Nur ein Jahr später entkam der heutige Kanzlerkandidat nur um Haaresbreite und ohne Gegenkandidat der größtmöglichen Demütigung, bei seiner Wiederwahl stimmten nur noch 52,6 Prozent für ihn.

ARD-Wahlarena Olaf Scholz hat gelernt, verständnisvoll zu wirken

Denn Scholz hatte sich für viele sozialdemokratisch tickende Menschen unmöglich gemacht. Als Architekt der Agenda 2010 galt er vielen als herzloser Realpolitiker, seine oft hölzerne Rhetorik brachte ihm den wenig charmanten Spitznamen „Scholzomat“ ein. Ein Jahr später war dann doch Schluss und Scholz verzog sich zurück nach Hamburg. Irgendetwas muss passiert sein mit ihm in dieser Zeit. Denn nach und nach begann er, zugewandter zu werden.

Er übernahm 2007 das Arbeits- und Sozialministerium und sorgte 2011 geradezu triumphal dafür, dass seine Hansestadt nach bleiernen Jahren der häufig stümperhaften CDU-Regierung (man denke an das Jointventure mit dem schwer erträglichen Rechtsaußen Ronald Schill) wieder rot wurde. Auf einmal war er gar nicht mehr so unmöglich, schuf sich den Ruf eines Anpackers und Gewinners und stand mehrere politische Brisen, wie etwa ein von quasi allen Seiten kritisiertes Management eines chaotischen G-20-Gipfels, durch.

Irgendwann auf diesem Weg muss Scholz gelernt haben, verständnisvoll zu wirken. Seine Attitüde des Besserwissers und Phrasendreschers legte er ab und legte sich eine fast schon demütige Aura zu. Nie wurde diese Wandlung vom Saulus zum Paulus so offensichtlich, wie an diesem Abend in der ARD vor einer Reihe von Menschen, die ihre ganz alltäglichen Probleme mitbrachten und Scholz im einen oder anderen Moment mit ihren Fragen ins Schwitzen gebracht hätten, wäre er nicht so offensichtlich gut vorbereitet in diesen Abend gegangen.

In der ARD-Wahlarena pariert Olaf Scholz, indem er sich wie ein Kanzler gibt

Denn Scholz parierte schlicht und einfach alles weg. Und dazu brauchte er exakt ein einziges Stilmittel. Olaf Scholz gab den Kanzler. Verständnisvoll, aber unverbindlich. Stolz auf das, was seine Regierung geleistet hat (auch wenn er nur Vizekanzler war, aber das fiel kaum noch jemandem auf). Und mit frohen Wünschen für die nächste Legislaturperiode. Mit ihm. Diesmal ganz oben im Kanzleramt. Noch am selben Tag warf ihm FDP-Chef Christian Lindner wenig subtil im Bundestag vor, sich schon wie der sichere Sieger des ungleichen Triells um die Kanzlerschaft mit dem maximal glücklosen CDU-Vorsitzenden Armin Laschet und der von Pannen und einer selten gesehen Negativ-Kampagne interessierter Kreise geplagten Grünen Annalena Baerbock zu fühlen.

ARD-Wahlarena

Mit SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz. Erstausstrahlung Di, 7. September 2021, 20.15 Uhr, ARD.

Scholz grinste das unter seiner Maske weg. Es wirkte wie ein „wenn du wüsstest“. Nur wenige Stunden später trat er erneut selbstsicher auf. Und doch gänzlich anders. Er gab sich redlich Mühe, verständnisvoll und ehrlich um die Sorgen und Nöte der Menschen in der ARD-Wahlarena zu wirken. Und war darin durchaus erfolgreich. Auch wenn er kaum konkrete Zusagen machte – und sich in verschiedensten Bereichen (Wiederaufbau nach Corona, Handwerk, Gastronomie, Rente, Rechtsextremismus) schlicht darauf berief, dass „seine“ Regierung längst Lösungen auf den Weg gebracht hat oder fleißig an diesen arbeitet – gelang es ihm, zuvor skeptische Gesichtsausdrücke der Fragenden zu entspannen.

Ja klar, sagte er zu einer Einzelhändlerin, die schärfere Gesetze in Bagatellfällen forderte, er könne das schon nachvollziehen. Entscheiden müsse es aber die Justiz. Sowieso, stellte er fest, sei er dafür, stärker gegen Rechtsextreme vorzugehen. Aber dafür müssten dann auch alle in der Gesellschaft beisammen stehen und irgend eine Mehrheit für das Demokratiefördergesetz gefunden werden, die es gerade nun einmal nicht gebe (feiner Hieb gegen seine Regierungspartner von CDU und CSU). Logisch müssten Schulen besser mit Laptops ausgerüstet werden, aber genau dafür habe er ja mit ein paar (in diesem Moment sehr nebensächlichen) anderen einen Digitalpakt aus der Taufe gehoben.

Olaf Scholz bringt ein paar kleine Geschenke mit in die ARD-Wahlarena

Auch ein paar kleine Geschenke hatte Scholz mitgebracht. Corona sei bald vorbei, versicherte der SPD-Kanzlerkandidat. Und versprach, nie an etwas anderes gedacht zu haben, als den verminderten Mehrwertsteuersatz in der Gastronomie auch zukünftig beizubehalten. Und wie schon aktuell, wolle er sich dafür einsetzen, genug Impfstoffe herzustellen, damit die dann auch in ärmere Gegenden der Welt exportiert werden könnten.

Was er nicht versprechen wollte, das war ohne die Linke oder die Union zu regieren. Beide Fragen moderierte er weg, plauderte von mit Frankreich zusammen entwickelten Kampfhubschraubern, erneuerte sein NATO-Bekenntnis und wünschte der CDU und CSU eine Erholung von der anstrengenden Regierungsarbeit auf den Bänken der Opposition. Und doch schloss er konkret weder das eine, nämlich RGR, noch das andere, nämlich eine neue GroKo, kategorisch aus.

NameOlaf Scholz
ParteiSozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD)
PositionBundesfinanzminister
Alter63 Jahre (14. Juni 1958)
GeburtsortOsnabrück, Niedersachsen

Doch das musste er an diesem Abend auch gar nicht. Seine Erzählungen verfingen, auf die eine oder andere unzufriedene Erstreaktion der Fragenden reagierte er für seine Verhältnisse dermaßen menschelnd, dass die Sorgenkinder (wie etwa die Einzelhändlerin mit dem Wunsch nach härteren Strafgesetzen oder der bewundernswerte Fluthelfer aus dem Ahrtal) dann irgendwie doch ganz zufrieden dreinblickten, obwohl er erneut eher vage blieb.

ARD-Wahlarena: Olaf Scholz vereint die Attitüde von Angela Merkel mit dem Gestus des Kümmerers

Scholz gelang also das, was er schon im gesamten Wahlkampf durchzieht und was seiner SPD (neben der Performance der Mitbewerbenden) zu ihrem Höhenflug verhilft: Er vereint die nüchterne, unverbindliche und pragmatische Art einer Angela Merkel inzwischen nahezu perfekt mit einem Gestus des mitfühlenden Kümmerers, dem nichts wichtiger ist, als der Respekt vor allem und (fast) jedem. Olaf Scholz gelang es, so präsidial und fast schon überparteilich zu wirken, wie Merkel erst nach einigen Jahren im Kanzleramt.

Zwischen den Zeilen schimmerte seine Botschaft in jeder Sekunde durch: Ich kann Kanzler, weil ich es gefühlt doch schon irgendwie bin. Kommt schon, schien er sagen zu wollen: Eigentlich geht es euch doch ganz gut, oder? Und: Alles andere bekommen wir dann schon irgendwie zusammen hin. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik tritt kein Amtsinhaber um die Kanzlerschaft an und auch keine Amtsinhaberin. Einen Amtsbonus sollte es diesmal also nicht geben, könnte man denken. Olaf Scholz – und nicht etwa Armin Laschet, immerhin auf dem Papier Chef der regierenden Parteienfamilie – tut derzeit alles dafür, dass es doch einen gibt.

Und wenn er so weiter macht, könnte es durchaus sein, dass der eine oder andere Geldschein die Besitzerin wechselt. Weil die neue Besitzerin entgegen all dem, was vor Monaten noch so denkbar war, wie die Deutsche Meisterschaft eines Fußballvereins aus Hamburg, richtig gewettet hatte. Als sie kühn einschlug, als es darum ging, dass eintreten könnte, worauf vor Kurzem nur die Wenigsten klaren Verstandes hätten wetten wollen. Nämlich darauf, dass Olaf Scholz seiner SPD bei der Bundestagswahl 2021 zu einem Ergebnis mit einer Drei am Anfang verhilft. (Mirko Schmid)

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