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WM-Talk bei „Hart, aber fair“ (ARD): Zeit des Katar-Bashings ist vorbei

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Von: Bettina Schuler

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Hart aber fair: In seiner letzten Sendung diskutiert Plasberg mit seinen Gästen über die WM in Katar.
Hart aber fair: In seiner letzten Sendung diskutiert Plasberg mit seinen Gästen über die WM in Katar. © Screenshot aus der ARD-Mediathek

Bei Frank Plasbergs Polit-Talk „Hart aber fair“ (ARD) wird über die WM in Katar diskutiert.

Köln – Es ist das letzte Mal, dass Frank Plasberg bei „Hart aber fair“ (ARD) vor der Kamera steht. Im Kreuzfeuer der Diskussion steht diesmal die WM in Katar.

In nur weniger als zwei Wochen ist der 1. Advent. Knapp eine Woche davor startet die Fußballweltmeisterschaft. Alleine das fühlt sich schon grotesk an. Und damit die WM in einem Land stattfinden kann, in dem es im Sommer viel zu heiß ist, um vor die Tür zu gehen, verlegt man einen sportlichen Großevent, der traditionell im Sommer stattfindet, einfach in den Winter.

Bestechungsgelder machen es möglich. Dafür, so das große Versprechen der Fifa, wird es eine klimaneutrale Weltmeisterschaft. Wie das gehen soll, wenn allein schon sieben Stadien dafür neu gebauten werden, bleibt ebenso rätselhaft wie das Zustandekommen der 3,6 Millionen Tonnen an CO2, die laut Fifa für die Veranstaltung der WM ausgestoßen werden.

Hart aber fair: 1,5 Grad Ziel in weiter Ferne

Britische Wissenschaftler:innen von der Lancaster University gehen davon aus, dass es über 10 Millionen Tonnen sind. In Zeiten, in denen das 1,5-Grad-Ziel in weite Ferne rückt, wirkt das vollkommen absurd. Allein das wäre schon ein Grund gewesen, der gegen Katar als Veranstalter der WM spricht.

Doch noch die viel größere Frage ist, wie man auf die Idee kommt, in einem Land eine WM zu veranstalten, in dem Menschenrechte missachtet werden. Und wie man als Fifa selbst dann noch daran festhalten kann, wenn mehr als 6500 Gastarbeiter:innen aufgrund der menschenverachtenden Arbeitsbedingungen während des Aufbaus für die WM-Infrastruktur gestorben sind.

WM in Katar: Ex-Manager vom SV Werder Bremen kann „Bashings gegen Katar“ nicht mehr hören

Eine Frage, die sich auch Frank Plasberg in seiner letzten Sendung der ARD-Talkshow „Hart aber fair“ stellt. „Ist das der totale Ausverkauf des Fußballs oder überdeckt am Ende doch die große Leidenschaft für das Spiel alle Kritik?“, fragt Plasberg seine Gäste.

Für Willi Lemke, Ex-Manager vom SV Werder Bremen und ehemaliger UN-Sonderbotschafter Sport, ist mit dieser Sendung die Zeit des „großen Bashings gegen Katar“ vorbei. „Ab morgen werden wir über Fußball in den Zeitungen hören“. Darüber sei er froh. Es sei teilweise nicht fair gewesen, wie man mit den Menschen in Katar umgegangen wäre.

Hart aber fair: „Unser aller Anspruch muss doch sein, dass wir dafür Sorgen tragen, dass überall auf der Welt Menschenrechte gelten. „

Tuğba Tekkal, Menschenrechtsaktivistin und ehemaligen Fußballbundesligaspielerin sieht das völlig anders. Für sie müsse, auch wenn der Ball rollt, weiterhin darüber gesprochen werden, was neben dem Platz in diesem Land passiert. Weshalb sie anstelle sich die Weltmeisterschaft anzusehen, die WM dazu nutzen werden, um auf die Missstände in Katar aufmerksam zu machen.

Das immer wieder gerne herangeführt Argument, dass Katar sich noch auf dem Weg der Reformen befände und man dem Land noch Zeit geben müsse, um sich zu entwickeln, entkräftete sie mit dem treffenden Argument, dass man Fehler der Gegenwart nicht mit Fehlern der Vergangenheit rechtfertigen dürfe. „Unser aller Anspruch muss doch sein, dass wir dafür Sorgen tragen, dass überall auf der Welt Menschenrechte gelten. Dass überall auf der Welt friedlich und demokratisch miteinander zusammen gelebt werden kann.“

WM in Katar: Fußball durch die WM wieder politischer

Auch Steffen Simon, Mediendirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), glaubt nicht, dass es reicht, darauf zu hoffen, dass sich Katar durch die WM verändert hat. „Dieses Narrativ haben wir bei anderen Sportgroßereignissen gerne verwendet und haben mehrfach einsehen müssen, dass das nicht der Fall war“. Der Fußball selbst sei durch diese WM jedoch viel politischer geworden und würde viel klarer als vorher zu bestimmten Werten stehen.

Das reicht für Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger nicht aus, um diese WM zu genießen. Spätestens seitdem er für eine TV-Dokumentation nach Katar gereist ist, hat die WM für Hitzlsperger jeden Zauber verloren. Die Aussage des katarischen WM-Botschafters und frühere Fußball-Nationalspielers Khalid Salman Homosexualität sei „eine geistigen Schaden“ zeigt für ihn erneut, wie falsch die Vergabe war.

Hart aber fair in der ARD: Nancy Faeser (SPD) weiß noch nicht ob sie zur WM in Katar fährt

Und damit kann man ihm nur recht geben. Denn selbst wenn, wie Plasberg einwirft, auch an deutschen Stammtischen leider teilweise noch eine ähnliche Meinung herrscht, müssen Menschen aus anderen Ländern, die der LGBTQ-Community angehören, sich vor der Einreise in Deutschland keine Sicherheitsgarantien von ihrer Innenministerin einholen lassen.

So wie es Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), die in der Sendung live zugeschaltet ist, in Katar getan hat. Faeser selbst weiß übrigens noch nicht, ob sie zur WM reisen wird. Scheinbar ist sie von den Reformzusagen, die sie von ihren Gesprächspartnern bekommen hat, selbst nicht überzeugt. Sie werden nur fahren, wenn sie die Möglichkeit habe, den kritischen Dialog fortzusetzen. „Die kleinen Pflänzchen müssen weiter gepflegt werden.“

WM in Katar: „Das ist ein klassischer Fall von Doppelmoral.“

Plasbergs Frage, ob bei der Weltmeisterschaft andere Maßstäbe als bei der Energiepartnerschaft gelten, so wie es der Außenminister von Katar der deutschen Regierung vorwirft, weicht Faeser immer wieder aus. Indes Willie Lemke zu diesem Punkt klar Stellung bezieht: „Das ist ein klassischer Fall von Doppelmoral.“ Doch es gäbe nun mal nur sehr wenige Länder, die überhaupt in der Lage wären, solche Großereignisse durchzuführen. „Wollen wir nur noch 10, 20 Länder damit beauftragen?“

Nein, aber vielleicht so wie Thomas Hitzlsperger es vorschlägt, die Weltmeisterschaft herunterfahren, sodass es sich wieder mehr Länder leisten können, eine solche Veranstaltung durchzuführen. Dann könnte man im Umgang mit Unrechtsregime auch klare Haltung zeigen.

Hart aber fair in der ARD: Das letzte mal mit Plasberg

Am Ende der Sendung wird Frank Plasberg nicht hart, sondern ganz weich. Immerhin ist es seine letzte Sendung nach 22 Jahren. Auch Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga ist sichtlich gerührt, dass Frank Plasberg das letzte Mal an sie übergibt und wirft ihm zum Abschied ein virtuelles Kusshändchen zu.

Der beste Rat, den er für seinen neuen Lebensabschnitt bekommen habe, sei der eines 79-jährigen Professors gewesen: Immer helle Kleidung tragen und gut riechen. „Ich werd’s machen.“ Ein wenig werden wir ihn schon vermissen. Ab Anfang 2023 wird Louis Klamroth übernehmen. Frank Plasberg wird sicher zuschauen. (Bettina Schuler)

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