Archipel Tschernokosowo

Willkürlich festgenommene Tschetschenen werden in russischen Lagern misshandelt und vergewaltigt

Von Florian Hassel (Nasran)

Die ersten Wochen des neuen Jahrtausends wird Ruslan Babijew sein Leben lang nicht vergessen. Drei Wochen lang ist Ruslan (die Namen der Gefangenen wurden in diesem Text verändert) in Tschernokosowo, 60 Kilometer nordwestlich der tschetschenischen Hauptstadt Grosny, geschlagen und gefoltert worden. Drei Wochen lang hat er miterlebt, dass russische Gefängniswärter Hunderte von Mitgefangenen gequält und Männer wie Frauen vergewaltigt haben. Jetzt erholt sich Ruslan bei seiner Familie, die mit ihm nach Inguschetien geflohen ist. Der FR schilderte Ruslan ausführlich seine Haft.

Sein Bericht stimmt mit denen anderer Ex-Häftlinge überein, die die FR bei getrennten Interviews in den Dörfern Inguschetiens getroffen hat. Die Berichte belegen, dass Russland in Tschetschenien ein Schreckensregime aufbaut, in dem willkürliche Festnahmen und Folter an der Tagesordnung sind. Nach Moskaus offizieller Darstellung sollen in so genannten "Filtrationslagern" wie Tschernokosowo Rebellen, die gegen die russische Armee gekämpft haben, aus der Masse friedlicher Zivilisten "herausgefiltert" werden.

Doch von einer aufwändigen Überprüfung mit rechtsstaatlichen Mitteln war keine Rede, nachdem russische Polizisten Ruslan am 16. Januar bei einer Routinekontrolle im Dorf Snamenkoje verhaftet hatten. "Du hast Dich im Trainingslager von Chattab", einem bekannten Rebellenführer, "ausbilden lassen und gehörst zur tschetschenischen Aufklärung", warf ihm der Untersuchungsrichter vor. "Dafür haben wir Zeugen." An der Entführung westlicher Geiseln sei Ruslan ebenso beteiligt gewesen wie an der Serie von Bombenanschlägen, die Russland im September 1999 erschütterten. Ruslan weigerte sich, das vorbereitete Geständnis zu unterschreiben.

Ein vergitterter Polizeiwagen brachte Ruslan und zehn andere Männer ins nahe Tschernokosowo. Der Wagen fuhr auf den Hof der "Strafkolonie verschärften Regimes", die Einheiten des russischen Innen- und Justizministeriums Anfang Dezember in Betrieb genommen haben. Als sich die Wagentür öffnete, bildeten zwanzig Uniformierte mit Schlagstöcken einen "lebenden Korridor" für die Ankömmlinge. "Während wir gebückt und mit den Händen über dem Kopf durch den Korridor liefen, prügelten sie auf uns ein", erzählt Ruslan.

Im Gefängnis nahmen die Wärter den Gefangenen Geld und Wertsachen ab und sperrten sie unter weiteren Schlägen in eine Zelle. "Sie befahlen uns, uns mit dem Gesicht an die Wand zu stellen, die Handflächen nach außen. So standen wir bis zum späten Abend", berichtet Ruslan. Dann begann die Routine des nächtlichen Horrors: "Die Wärter holten uns einzeln aus den Zellen und brachten uns zum Verhör oder schlugen uns auf dem Korridor zusammen. Wenn sie das Prügeln leid waren, holten sie manchmal einen Mann oder eine der Frauen aus der Zelle und vergewaltigten sie. Wir konnten in unseren Zellen natürlich nichts sehen. Aber wir hörten die Schreie."

Der 24 Jahre alte Eli Saslanbekow, der die zweite Januarhälfte in Tschernokosowo verbrachte, erlebte mit, wie die Wärter einen Mann aus dem Dorf Goragorskij zum Verhör holten. "Er flehte: ,Schlagt mich nicht mehr!' Sie ließen ihn über den Korridor zum Zimmer der beiden Untersuchungsrichter kriechen, die alle verhörten. Dort musste er rufen: ,Bürger Chef, danke dafür, dass ich zu Ihnen kriechen durfte. Danke, dass Sie mich empfangen.' Nach dem Verhör schlugen sie ihn zusammen und vergewaltigten ihn. Dann öffneten sie die Zellentür. ,Sag Deinen Kameraden, wie Du heißt!' Er antwortete: ,Fatima.' Er war ein gebrochener Mann."

Eli Saslanbekows Bericht über Tschernokosowo stimmt bis ins Detail mit den Angaben Ruslan Babijews überein. Der 38 Jahre alte Wacha Israpilow, Transportunternehmer aus Grosny, saß vom 19. Januar bis zum 3. Februar in Zelle Nr. 16 von Tschernokosowo und bestätigt die Angaben seiner Leidensgenossen. Israpilow nannte der FR die Namen und Wohnorte von acht Mitgefangenen und berichtete ebenfalls über nächtliche Prügelorgien und Vergewaltigungen. "Mit mir zusammen wurden vierzehn andere Männer festgenommen und Raissa, eine 42 Jahre alte Mutter von vier Kindern aus dem Dorf Tolstoj-Jurt. Zwei Nächte später hörten wir, wie Raissa auf dem Korridor ungefähr eine Viertelstunde zusammengeschlagen und dann vergewaltigt wurde."

Die drei interviewten ehemaligen Häftlinge sind sich einig, dass die Tschernokosowo-Wärter Kontraktniki sind: für einige Wochen oder Monate angeheuerte Schläger, die für das Justizministerium die Drecksarbeit in den Gefängnissen erledigen. "Die meisten Wärter trugen Masken, wenn sie uns aus der Zelle holten", berichtet Wacha Israpilow. Übereinstimmend mit Ruslan schätzt er die Zahl der Gefangenen "in den 19 Zellen unseres Blocks auf etwa 300". Tschernokosowo ist kein Einzelfall, "sondern Teil eines großen Systems", sagt Alexander Tscherkassow von der Moskauer Menschenrechtsorganisation Memorial. Wie im ersten Tschetschenien-Krieg 1994-96 nutzt Russland ein umfassendes Netz von Gefängnissen und Lagern zur "Filtration". "Zu diesem Netz gehören alle Kontrollposten und die provisorischen Gefängnisse, die es praktisch in jedem größeren Dorf Tschetscheniens gibt", sagt Tscherkassow. "Wir wissen heute von Gefängnissen in Tolstoj-Jurt, Gudermes, Urus Martan und Naurskaja." Nach Tscherkassows Recherchen werden festgenommene Tschetschenen außerdem "in die russischen Städte Mosdok, Stawropol und Pjatigorsk" gebracht.

Da die Kapizität der bestehenden Gefängnisse erschöpft ist, haben russische Bausoldaten am Rand von Tolstoi-Jurt, zehn Kilometer nördlich von Grosny, und in Tscherwlennaja am Terek-Fluss "mit dem Bau zweier großer Filtrationslager begonnen", sagte Oberst Jurij Gladkewitsch von der Moskauer Agentur für Militärnachrichten der FR bereits Anfang Februar. Das Justizministerium hat zudem fünf Millionen Rubel für den Wiederaufbau des Untersuchungsgefängnisses von Grosny bereitgestellt, sagte Wladimir Jelunin, Chef der Hauptabteilung für die Vollziehung von Strafmaßnahmen im russischen Justizministerium, auf einer Pressekonferenz am 15. Februar. Jelunin machte deutlich, dass in Tschetschenien die "Filtration" im großen Maßstab begonnen hat: 1400 Beamte und Sondertruppen des Justizministeriums befänden sich heute in Tschetschenien.

Alexander Tscherkassow von Memorial zweifelt nicht daran, dass Jelunins Einheit, früher dem Innenministerium unterstellt und schon zu Zeiten Stalins für den Strafvollzug im Archipel Gulag zuständig, tschetschenische Gefangene systematisch misshandelt, wie es die ehemaligen Häftlinge der FR berichteten. "Auch im vorigen Tschetschenien-Krieg wurden angebliche Geständnisse in den Lagern oft durch Folter erreicht." Der liberale Parlamentarier Jurij Rybakow stimmt mit ihm überein: "Ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass die russischen Einheiten ihre Sitten gegenüber dem ersten Krieg geändert haben. Die ,antiterroristische Operation' hat sich in einen Krieg zur totalen Vernichtung der tschetschenischen Bevölkerung verwandelt." Bis heute gelten 1500 Tschetschenen aus dem ersten Tschetschenien-Krieg als spurlos verschwunden.

Eine Einwohnerin von Schami-Jurt berichtete der Menschenrechtsorganisation Memorial Anfang Februar, in ihrem Dorf seien Dutzende junger Männer auf Lastwagen verladen worden. Seitdem fehle von ihnen jede Spur. Der Frankfurter Rundschau erzählten Flüchtlinge aus dem Dorf Katyr-Jurt, russische Einheiten hätten am 5. Februar etwa 200 tschetschenische Männer von ihnen Familien getrennt und mit Lastwagen und Hubschraubern in ein Lager bringen wollen. Nur weil moskaufreundliche tschetschenische Polizeieinheiten Bislan Gantemirows einschritten, seien die Männer wieder freigekommen.

Ruslan Babijew, Wacha Israpilow und Eli Saslanbekow sind überzeugt, dass sie noch Glück im Unglück gehabt haben: Ihre Familien haben schnell herausgefunden, dass sie in Tschernokosowo saßen. Und sie konnten genug Geld auftreiben, um den Untersuchungsrichter zu bestechen und die Freilassung ihrer Söhne oder Männer zu erreichen: zwischen 1200 und 4000 Rubel, umgerechnet 85 bis 285 Mark. Ruslans und Wachas Entlassungsscheine umfassen drei knappe Standardsätze. "Vorstehender Person sind die Fingerabdrücke abgenommen worden. Sie wurde fotografiert und mit der Datenbank des Provisorischen Polizeireviers und der Stadt Mosdok (Tschernokosowo) überprüft. Eine Teilnahme an ungesetzmäßigen bewaffneten Formationen festzustellen, erwies sich als unmöglich." Dass der Schein, den längst nicht alle Entlassenen bekommen, vor einer erneuten Festnahme schützt, glaubt keiner der ehemaligen Häftlinge. Eli Saslanbekow kam am 31. Januar frei, zusammen mit sechs anderen Männern. Zwei Tage später wurden zwei von ihnen an einem russischen Kontrollposten festgenommen und wieder nach Tschernokosowo gebracht.

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